„.....Höhere Wesen befehlen“
Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Frieder Burda in der Deutsche Bank KunstHalle

Anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Museums Frieder Burda in Baden-Baden präsentiert die Deutsche Bank KunstHalle Papierarbeiten von Georg Baselitz, Willem de Kooning, Sigmar Polke, Arnulf Rainer, Neo Rauch und Gerhard Richter, die erstmals Einblick in eine noch kaum bekannte Seite dieser faszinierenden Sammlung geben.
Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen! heißt Sigmar Polkes wohl berühmtestes, 1969 entstandenes Gemälde. Es zeigt, was der Titel verkündet: eine minimalistische weiße Leinwand, auf der unten sorgsam der Titel vermerkt und deren rechte Ecke vorschriftsgemäß in schwarz getaucht wurde. Das Bild ist eine ironische Antwort auf den Mythos vom Künstlergenie, das allein von seiner Inspiration getrieben Meisterwerke schafft. Doch, was nur wenige wissen – dieses berühmte Bild hat einen Vorläufer: Ein Zyklus von Zeichnungen, der 1968 unter dem Titel „…..Höhere Wesen befehlen“ entstand, zeigt, wie Polke gezwungen wird, ganz andere Kommandos auszuführen. Die höheren Wesen möchten noch weitere Motive sehen: geometrische Formen mit Blumentopf, Reiher in der Abendsonne, moderne, also abstrakte Kunst. Und eine Zeichnung von Don Quichotte, den man als ironisches Sinnbild oder Schutzheiligen für den Künstler deuten kann, der gegen Windmühlen kämpft.

Polkes Serie liefert auch den Titel der Ausstellung „.....Höhere Wesen befehlen“ – Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Frieder Burda, die mit 113 Werken in der Deutsche Bank KunstHalle tief in die Psyche und das schöpferische Denken von Malern des 20. und 21. Jahrhunderts blicken lässt. Mit Werkgruppen von so prominenten Künstlern wie Georg Baselitz, Willem de Kooning, Sigmar Polke, Arnulf Rainer, Neo Rauch und Gerhard Richter dokumentiert die Schau, welche zentrale Rolle die Zeichnung seit der Moderne nicht nur als Skizze und Vorstufe zur Malerei, sondern als autonomes Medium in der Kunst einnimmt.

Zugleich ist die Ausstellung auch das Porträt von einem der wichtigsten deutschen Sammler der Gegenwart: dem Unternehmer Frieder Burda, der aus Deutschlands berühmter Druckerei- und Verlegerdynastie stammt. Zum Konzept der von Goetz Adriani, Kuratoriumsmitglied Stiftung Frieder Burda, und Friedhelm Hütte, Global Head of Art Deutsche Bank, kuratierten Schau gehört der formale und inhaltliche Dialog zwischen den einzelnen Werkblöcken. Dabei bildet jeweils ein exemplarisches Gemälde des Künstlers den Auftakt zur Präsentation seiner Zeichnungen, Aquarelle und Gouachen.

Der expressive Dialog zwischen dem zeichnerischen Spätwerk de Koonings und den Zeichnungen zu Baselitzʹ 1980 entstandenem Malereizyklus Straßenbild, der die Schau eröffnet, mag zunächst überraschen. Doch er vereint zwei Protagonisten der Nachkriegskunst, die ein abgründiges, »unkultiviertes« Menschenbild entwarfen und Traumata berührten. Beide behandelten die Figur in der Malerei geradezu aggressiv und entwickelten einen brachialen, kühnen Malstil – ohne dabei im traditionellen Sinne abzubilden oder zu abstrahieren.

Die Körperformen auf de Koonings zwischen den 1960ern und 1980ern entstandenen und zum Teil wieder überarbeiteten Blättern erinnern an die verstörenden Figuren seiner berühmten Woman-Serie aus den 1950er-Jahren. „Fleisch ist der einzige Grund für die Erfindung der Ölfarbe” hat er einst zu seiner Malerei geäußert. Seine gemalten Frauenbildnisse beschwören gleichermaßen weibliche Macht und die Angst vor dieser Macht. Seine fülligen Women erinnern an archaische Göttinnen, Pin-Up Girls, Dämoninnen. Sie sind schwer – ganz Körper und Haut, Werden und Verfall. Doch in der zeichnerischen Reduktion bekommen sie etwas Fragiles, Leichtes, beinahe Tänzerisches, ganz so, als ob sie sich in Auflösung befänden. Im Gegensatz zu dieser befreienden Geste erscheinen die 1980 entstandenen Skizzen zu Baselitz‘ Straßenbild wie Zeugnisse der Einengung und der Isolation. „Sie winken, rufen und hängen oder fallen sogar manchmal aus dem Fenster. Der Hintergrund ist zumeist dunkel, man kann nicht sehen, was sich hinter den Figuren befindet. Dies sind Frauen am Fenster, jede von ihnen isoliert von ihrer Umgebung und ohne Kommunikation mit der Anderen.“ So beschrieb Baselitz seinen Gemälde-Zyklus. In den Vorstudien wird die Einsamkeit, das existenzielle Ausgeliefertsein in jeder zeichnerischen Geste spürbar.

Mit den Werkblöcken von Sigmar Polke und Gerhard Richter stehen sich dann Arbeiten zweier Künstler gegenüber, die in der Sammlung Frieder Burda eine zentrale Rolle einnehmen. Zugleich sind sie durch ihre Biografien, ihr Werk und ihre Freundschaft eng miteinander verbunden. Richter (Damenschuh), Richters Kundendienst, Schlankheit durch Richter: Solche Anpreisungen sind Titel von Zeichnungen aus dem Jahr 1965, in denen Polke nicht nur die maßlose Lust am Konsum persifliert, sondern zugleich die Rolle des Künstlers und den Warencharakter der Kunst. Der Freund wird hier zur fiktiven Marke. Im Jahr 1965, mitten im Vietnamkrieg, verleiht er in seinem Gemälde Kartoffelköppe (Mao & LBJ) der Kartoffel als Wahrzeichen deutscher Wirtschaftswundergemütlichkeit zweifelhafte ideologische Weihen. Polkes zwischen 1963 bis 1976 entstandene Zeichnungen bilden das größte Konvolut in der Ausstellung. Demgegenüber stehen Gerhard Richters monochrome Leinwand Grau von 1974 und eine Werkgruppe von abstrakten Aquarellen aus den späten 1980er-Jahren. Bereits in den späten 1970er-Jahren begann Richter, ganz gegen den Zeitgeist und in Opposition zur figurativen Malerei der »Neuen Wilden« und des Neo-Expressionismus, an seinen »Abstrakten Bildern« zu arbeiten. Für ihn hatte sich die gegenständliche Malerei zu diesem Zeitpunkt erschöpft. Polke und Richter hatten noch in den 1960er-Jahren der gegenständlichen Malerei zu einer Rückkehr in die Gegenwartskunst verholfen. Dennoch hinterfragten beide von Anbeginn den abbildhaften Charakter der Malerei. Schaffte bei Polke das Raster die Distanz zum gewohnten Sehen und stellte die Realität des Bildes und die Produktion von Bildern infrage, verwischte und verfremdete Richter seine Bildmotive.

Auch bei Arnulf Rainer, dessen zeichnerischem Werk eine eigene Sektion gewidmet ist, geht es bei seinen Übermalungen um den Versuch, den Bildern das zurückzugeben, was sie verloren haben: ihr Geheimnis. Bereits in den 1950er-Jahren beginnt er damit, seine eigenen Bilder zu übermalen. Im Laufe der kommenden Jahre entwickeln sich die geschlossenen schwarzen Flächen, die auf den frühen Papierarbeiten aus der Sammlung Frieder Burda zu sehen sind. Dabei geht es nicht um die Zerstörung des Motivs, sondern, so Rainer, um dessen »Vervollkommnung«. Die kompromisslose Auseinandersetzung mit der eigenen, menschlichen und künstlerischen Existenz spiegelt sich auch in seiner Van Gogh-Serie von 1977 wider.

Den Abschluss von „…..Höhere Wesen befehlen“ bilden nur wenig bekannte, frühe Zeichnungen Neo Rauchs. Wie viele der in der Ausstellung vertretenen Werke bewegen sich auch die Papierarbeiten aus der Wendezeit der frühen 1990er-Jahre am schmalen Grat zwischen Figuration und Abstraktion. Und wie die Werke Richters, Polkes und Baselitzʹ berühren sie unterschwellig auch den ideologisch aufgeladenen Streit zwischen beiden Strömungen.

„.....Höhere Wesen befehlen“
Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Frieder Burda

05.12.2014 – 08.03.2015
Deutsche Bank KunstHalle, Berlin