Eine persönliche Geschichte
Koki Tanakas Blick auf die japanische Avantgarde

In seiner Ausstellung in der Deutsche Bank KunstHalle präsentiert Koki Tanaka eine Serie von Zeichnungen, die bedeutende Werke der japanischen Nachkriegsavantgarde zeigen. Auf den Spuren des „Künstlers des Jahres“ entdeckt Achim Drucks historische Positionen, deren Experimentierfreude und Radikalität noch immer verblüffen.
20. Juli 1969: Der Wettlauf ins All ist entschieden. Weltweit verfolgen mehr als eine halbe Milliarde Fernsehzuschauer, wie die Landefähre Eagle ihr Ziel ansteuert und mit Neil Armstrong ein Amerikaner die ersten Schritte auf dem Mond unternimmt. Doch an jenem Tag setzt sich auch ein weitaus bescheideneres Gefährt in Bewegung: Auf dem Fluss Uji startet ein aus weißen Styropor-Blöcken zusammengesetztes Floß seine Reise von Kyoto nach Osaka. „the PLAY“ ist in roten Lettern auf der provisorischen Konstruktion zu lesen. So heißt auch die Künstlergruppe, die mit dieser Aktion ein Zeichen setzen will – gegen die Vergötterung von Technik, territoriale Expansion und gegen einen individualistischen Lebensstil. Ihre gemeinschaftlichen Aktionen, an denen sich die Zuschauer beteiligen können, realisiert „the PLAY“ – „das Spiel“ - bevorzugt im Außenraum. Eventuelle Relikte werden danach zerstört, denn ihre „Anti-Kunst“ ist nicht käuflich. „Ich möchte nicht mehr länger Objekte herstellen“, erklärte Keiichi Ikemizu, eines der wichtigsten Mitglieder der Gruppe.“Was mich interessiert, sind die Erfahrungen und Empfindungen der Teilnehmer der Aktionen.“

Diesen Ansatz teilt „the Play“ mit Koki Tanaka, dessen partizipative Projekte ebenfalls dazu auffordern, neue Formen der Gemeinschaft und der Zusammenarbeit zu erproben. Deshalb hat Tanaka für eine Serie von seinen Bleistift-Zeichnungen, auf denen er Meilensteine der japanischen Avantgarde zeigt, auch diese Aktion von „the PLAY“ ausgewählt hat. „In der Vergangenheit zeigten mir ausländische Kuratoren häufig Abbildungen von japanischer Nachkriegskunst und fragten mich, wie diese Arbeiten mit meiner eigenen künstlerischen Praxis zusammenhängen“, erklärt Tanaka. Obwohl er zuvor nie über die Verbindung seines Werks mit seiner Identität als Japaner nachgedacht hatte, waren diese Fragen der Anlass, sich genauer mit der jüngeren Kunstgeschichte seines Heimatlandes zu beschäftigen.

Im Nachzeichnen von bestimmten Werken und Ereignissen der japanischen Nachkriegskunst fand Tanaka auch Verbindungen zu seiner eigenen Arbeit: „Im Wesentlichen war das ein Akt der Rekonstruktion meiner eigenen, persönlichen Kunstgeschichte.” Das bringt auch der Titel seiner Serie zum Ausdruck: History Is Written from Someone Else’s Perspective, Someone You Don’t Know. Making Our Own History Requires Each of Us to Rewrite It from Our Own Point of View – “Geschichte wird aus der Perspektive eines Anderen geschrieben, von jemandem, den du nicht kennst. Um die eigene Geschichte zu formulieren, muss sie jeder von uns aus seiner Perspektive neu schreiben.“

In seiner Version der Geschichte fokussiert sich Tanaka vor allem auf Positionen, die die Grenzen der Kunst radikal erweiterten und dabei häufig auch gesellschaftskritische Ansätze vertraten. Für die Ausstellung in der Deutsche Bank KunstHalle hat er die ursprünglich 13-teilige Serie um 11 Zeichnungen erweitert. Die Künstler, die er darin würdigt, arbeiteten interdisziplinär, erprobten den Ausstieg aus dem Bild, irritierten die Öffentlichkeit mit ihren Aktionen und Happenings, ließen passive Betrachter zu aktiven Mitspielern werden. Trotz Ausstellungen wie Tokyo 1955 – 1970. A New Avant-Garde im MoMA oder Gutai: Splendid Playground im New Yorker Guggenheim ist dem breiten Publikum im Westen häufig nicht bewusst, wie zukunftsweisend viele der damaligen japanischen Positionen waren.

So entlehnte Tanaka sein Motiv von sich überlagernden Fahrrädern dem 1956 entstandenen Film Ginrin (Bicycle in a Dream), dessen Bildsprache und farbige Lichteffekte die psychedelische Ästhetik der 60er Jahre vorwegnehmen. Für die Tricktechnik war kein geringerer als Tsuburaya Eiji zuständig – der Mann hinter den Spezialeffekten von Godzilla. Ginrin ist ein Werk des ersten Künstlerkollektivs, das sich in Japan nach dem 2. Weltkrieg formierte. Jikken Kobo bedeutet Experimentier-Werkstatt – und genau darum handelt es sich bei dieser Gruppe. Künstler, Komponisten, Bühnenbildner arbeiteten hier gemeinsam mit Filmemachern, Choreographen, Schauspielern. Seit 1951 entwickelten sie Multimedia-Events, bei denen damals brandneue Technologien wie Kassettenrekorder und Diaprojektoren eingesetzt wurden. Dabei kooperierte die Gruppe mit Partnern wie Sony oder der japanischen Fahrradindustrie, für die sie auch Ginrin produzierte. Neben Fotografien und Installationen gehörten auch Konzerte, Performances und Ballette zu ihrem Repertoire. Dieser Ansatz ist auch für aktuelle Performance-Künstler wie Ei Arakawa interessant. 2011 organisierte er im Rahmen von Globe, dem Kunstprogramm zur Wiedereröffnung der Frankfurter Deutsche Bank-Türme, ein Ausstellungsprojekt und einen Workshop zu Jikken Kobo.

Wie in Deutschland hinterließ der Zweite Weltkrieg auch in Japan den Wunsch nach einem grundlegenden kulturellen Neuanfang. Standen dafür in Europa ZERO und Fluxus, war es in Japan neben Jikken Kobo vor allem die Künstlergruppe Gutai. „Imitiert niemals andere! Macht etwas, was es noch nicht gegeben hat!”, forderte ihr Gründer Jiro Yoshihara, ein abstrakter Maler und Speiseölfabrikant. Die Gruppe war ihrer Zeit weit voraus und betrachtete etwa die Malerei als Performance-Akt. So entstanden einige Bilder mit Hilfe eines ferngesteuerten Spielzeugautos, das Farbe auf den Leinwänden verteilte. Allan Kaprow, der „Vater des Happenings“, attestiert der Gruppe, dass sie 1955 in Tokio das allererste Happening initiierte. Bei einer Gutai-Aktion durchstieß Saburo Murakami eine Reihe von mit Packpapier bespannten Bilderrahmen. Ein Akt der Revolte, zu dem ihn angeblich sein zweijähriger Sohn anregte. Als er den Jungen einmal zur Strafe aus dem Zimmer schickte, zerstörte dieser aus Wut ein Fusuma, eine der traditionellen, aus Papier gefertigten Wände in der Wohnung des Künstlers. Das ikonische Foto, auf dem Saburo Murakami mit geballter Faust den letzten Papierbogen durchstößt, hat Koki Tanaka nachgezeichnet.

Die 60er Jahre waren auch in Japan eine Zeit des rasanten ökonomischen Aufschwungs. Die Sommerolympiade 1964 in Tokio und die Weltausstellung 1970 in Osaka standen symbolisch für die Wiedergeburt des Landes. Doch die Dekade begann mit massiven Protesten, die sich gegen den Sicherheitsvertrag mit den USA richteten. Auf dem Höhepunkt der Demonstrationen und Straßenschlachten organisierten radikale Studenten am 20. Mai 1960 sogar die Erstürmung des Parlaments. Infolge dieser Unruhen wurde das gesellschaftliche Leben von staatlicher Seite immer stärker reglementiert. Die Künstler reagierten mit subversiven Happenings im öffentlichen Raum.

Im Vorfeld der Olympiade wollte sich Tokio dem Ausland als moderne Metropole präsentieren. Die Bevölkerung wurde deshalb unter anderem dazu aufgefordert, nicht mehr auf die Bürgersteige zu spucken. Darauf startete die Künstlergruppe Hi Red Center ihre ironische Cleaning Action. Ausgestattet mit weißen Laborkitteln, Atemschutzmasken, Besen und Zahnbürsten säuberten sie unter den erstaunten Augen der Passanten eine belebte Straße im Einkaufsviertel Ginza. Andere Aktionen von Hi Red Center fanden in der U-Bahn oder auf dem Dach einer Ikebana-Schule statt, von dem sie bei ihrem Dropping Event (1964) den Inhalt eines Koffers schütteten. Neben Fotos dieser Aktionen zeichnete Koki Tanaka auch ein Pressebild von dem Prozess gegen ein Mitglied von Hi Red Center nach. Im „One Thousand-Yen Note Trial” ging es hingegen um den absurden Vorwurf, Genpei Akasegawa sei ein Geldfälscher. Zwar hatte der Künstler 1963 tatsächlich begonnen, Fotokopien der 1.000-Yen-Banknote herzustellen, dabei handelte sich allerdings um einseitige Kopien, die er als Ausstellungseinladungen verwendete. Doch das hielt das Gericht nicht davon ab, ihn auf Bewährung zu verurteilen. Zwei Mal legte er Berufung ein, doch das Urteil wurde noch einmal 1970 vom Obersten Gericht in Tokio bestätigt.

In seiner Serie zeigt Koki Tanaka aber auch „stillere“, konzeptuelle Arbeiten von Yoko Ono und On Kawara. Oder eine Fotografie von Koji Enokuras poetischer Aktion Symptom-Sea–Body (1972), für die der Künstler mit seinem Körper am Strand die Kontur einer Welle nachformte. Enokura war eines der wichtigsten Mitglieder der Gruppe Mono-ha, die mit ephemeren Installationen aus Materialien wie Stahlplatten, Glühbirnen, Leder, Öl oder Wasser bekannt wurde. Das Motiv eines Liebespaars, das durch die leeren Straßen von Tokio läuft, entnahm Tanaka dagegen einem experimentellen Spielfilm von Nagisa OshimaTagebuch eines Diebes aus Shinjuku spiegelt die ganze Verwirrung und Frustration der jungen Generation im Japan der späten 60er Jahre wider.

Eine der damaligen Aktionen regte Tanaka sogar zu einer eigenen Arbeit an. 1964 trugen Hiroshi Nakamura und Koichi Tateishi ihre großformatigen Gemälde durch die belebte Straße vor dem Hauptbahnhof von Tokio. In seinen ersten Aktionen nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima griff Tanaka diese Idee einer “Walking Open Air Gallery” auf. Mit Painting to the Public (open-air) lud Tanaka dazu ein, mit ihm zusammen durch die Straßen von Tokio zu laufen und dabei eigene Gemälde zu präsentieren. Dass die Leinwände an die Schilder bei Demonstrationen erinnerten, war durchaus beabsichtigt. Mit dieser Form der Präsentation von Kunst, die ganz ohne Strom auskommt, wollte er auch gegen die Nutzung von Atomenergie protestieren.

Tanakas Zeichnungen, die nun im Rahmen der großen Ausstellung in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen sind, reflektieren das Verhältnis seines eigenen Werkes zu den früheren japanischen Avantgardebewegungen. Ihn interessiert es dabei vor allem den Geist, der in diesen Arbeiten zum Ausdruck kommt, für die Gegenwart nutzbar zu machen – die Radikalität, mit der sich diese Künstler von Konventionen befreit haben, und die Utopie einer gemeinschaftlichen Zusammenarbeit in der Kunst wie in der Gesellschaft. Zugleich zeigen sie Momente einer Kunstgeschichte, in der es noch sehr viel zu entdecken gibt.

Koki Tanaka
Deutsche Bank „Künstler des Jahres“ 2015

26.3. - 25.5. 2015
Deutsche Bank KunstHalle, Berlin