Der Wille zum Protest
Okwui Enwezors Vision für die Biennale Venedig

Okwui Enwezor kuratiert die wichtigste Ausstellung des Jahres. Wie seine inzwischen legendäre documenta 11 wird auch dieses Ereignis die Kunstwelt sicherlich verändern. Und vielleicht nicht nur die. Daniel Schreiber hat ihn im Münchner Haus der Kunst getroffen.
Großgewachsen, im maßgeschneiderten Anzug und weißen Hemd, öffnet er die Tür zu seinem Büro, raunt einer Assistentin schnell noch ein paar Anweisungen zu, verstaut sein Smartphone in der Brusttasche seines Sakkos und lächelt. Okwui Enwezor ist 51, Direktor des Haus der Kunst, einer der vier Mitglieder des Deutsche Bank Global Art Advisory Council und Kurator der diesjährigen Biennale di Venezia. Auffällig an ihm ist eine Höflichkeit, die man sich nur auf internationalem Parkett aneignen kann: offen, aber formbewusst, verbindlich und distanziert zugleich.

Enwezor scheint sich beidem bewusst zu sein, der vollendeten Freundlichkeit, aber auch der Distanz, der es bedarf, um im wahrsten Sinne aufregende Projekte zu realisieren. Zwar machte er das, wofür er vor vier Jahren geholt wurde, und brachte neben einem postkolonialen Ausstellungsprogramm um Künstler wie Lorna Simpson, Stan Douglas oder Ellen Gallagher auch einige Blockbuster-Ausstellungen in die Stadt, unter ihnen Matthew Barney, Georg Baselitz und Louise Bourgeois. Aber seine erste Amtshandlung war dennoch die Einrichtung einer „Archiv Galerie“, eines unprätentiösen, klug kuratierten Raums, der sich mit der unrühmlichen Geschichte des Hauses und damit auch der Stadt auseinandersetzt. Es ist ein Raum, der einige Gewissheiten erschüttert. Dieser Mut zeichnet Enwezors gesamtes kuratorisches Schaffen aus.

Ein Bild, das ihm nicht mehr aus dem Kopf gehe und wahrscheinlich zentral sei für seine Arbeit, sagt Enwezor, sei das von der „Schlaflosigkeit der Herrschenden“ und der „Nachtwache der Protestierenden“. Er hat es in einer Arbeit der indischen Künstlergruppe Raqs Media Collective gefunden. Die Gruppe wird auch bei Enwezors Biennale, die Anfang Mai eröffnet, einen großen Auftritt haben. „Das Programm der Biennale“, sagt Enwezor, „wird genau diese Schlaflosigkeit reflektieren. Wir werden fragen, wie es möglich ist, sich den Wunden der Geschichte auszusetzen. Wir werden über Unruhe, Dystopie und jenen Moment des permanenten Übergangs sprechen. Über den Sicherheitsstaat, die konstante Überwachung, den immerwährenden Ausnahmezustand und die Militarisierung unserer Leben. All das hat seinen Grund darin, dass die Herrschenden nicht schlafen können.“


Künstler aus der Sammlung Deutsche Bank auf der Biennale Venedig

Für All the World’s Futures, die Hauptausstellung der 56. Biennale Venedig, hat Okwui Enwezor viele Künstler eingeladen, die bereits mit Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind. Im Arsenale und in den Giardini ist neben Maria Eichhorn, Olaf Nicolai und Rirkrit Tiravanija auch die Künstlergruppe Raqs Media Collective mit dabei, die 2014 eine Auftragsarbeit für die Niederlassung der Bank in Birmingham realisiert hat. Ebenfalls in der Schau ist Wangechi Mutu, „Künstlerin des Jahres“ 2010. Zahlreiche Künstler der Sammlung werden in den nationalen Pavillons zu sehen sein, darunter Yane Calovski (Mazedonien), Ivan Grubanov (Serbien) oder Shilpa Gupta, die zusammen mit Rashid Rana den gemeinsamen Pavillon von Indien und Pakistan bespielt. Außerdem dabei: Heri Dono (Indonesien), Cao Fei (China), Sarah Lucas (Großbritannien), Victor Man (Rumänien), Danh Vo (Dänemark) und Heimo Zobernig (Österreich).


Der im nigerianischen Calabar geborene Enwezor wird nach dem legendären Schweizer Kurator Harald Szeemann der Erste sein, der sich sowohl für die documenta als auch für die Biennale Venedig verantwortlich zeigt. Die documenta 5 von Szeemann – in Enwezors Worten der „Vater von uns allen“– war 1972 die erste Großausstellung, die Konzeptkunst, Fluxus, Happening, Minimal und Performance Art gleichberechtigt neben Malerei zeigte. Auch nach Enwezors documenta 11 von 2002 war die Kunstgeschichte nicht mehr die gleiche. Zum ersten Mal waren hier, gleichberechtigt neben westlichen Künstlern, Positionen der Elfenbeinküste und aus Brasilien zu sehen, aus Indien und Südafrika, aus Kolumbien und dem Iran, aus Israel, Kuba, Senegal, Nigeria oder dem Kongo. Enwezor gelang es, das Zeitalter der Globalisierung in der Kunstwelt einzuläuten.

Wenn der Kurator auch nur einen Teil seiner ambitionierten Pläne umsetzt, könnte sich seine Biennale in Venedig als ebenso bahnbrechend erweisen. Denn Enwezor hat nichts weniger vor, als den politischen Ausdrucksformen der Kunst wieder neues Leben einzuhauchen, die mit den 1980er-Jahren untergegangen waren, unwiderruflich, wie es lange schien. Nur ein Beispiel: Alle 87 kapitalismuskritischen Filme des kürzlich verstorbenen Harun Farocki werden auf dieser Biennale zu sehen sein. Und Hans Haacke wird die Gesamtheit seiner Polls zeigen, jene Grundwerke der institutionskritischen Konzeptkunst, mit denen er in den 1970er- und 1980er-Jahren das Publikum des MoMA und des Guggenheim in Umfragen dazu anhielt, sich mit den sozioökonomischen Grundlagen der Kunstwelt zu beschäftigen. Für Venedig erstellt Haacke eine eigene Umfrage.

Dreh- und Angelpunkt der Biennale wird der Ausdruck eines globalen Unbehagens angesichts von Krieg, Ungleichheit und Klimawandel sein. Eines Unbehagens, das so viele von uns umtreibt, Enwezor und zahlreiche Künstler eingeschlossen. Damit einher geht auch eine grundsätzliche Kritik am System des Kunstmarkts, das in seinen neueren, extremen Auswüchsen die Kunst selbst zu bedrohen scheint. Wie die meisten Künstler, Sammler und Kritiker beobachtet Enwezor diese Entwicklung mit großer Unruhe: „Die Ära der Biennale ist vorbei, wir schreiben die Ära der Kunstmessen“, sagt Enwezor. „Die Biennalen haben die Tür für die Globalisierung der zeitgenössischen Kunst geöffnet. Der Kunstmarkt hat das ausgenutzt und sie abgelöst. Der Hintergrund dieser Entwicklung ist natürlich eine gigantische Ansammlung von Kapital. Die hat die Kunstwelt wirklich verändert.“

Für seine Kritik am Kunstmarkt geht Enwezor einen großen Schritt zurück. Sein Modell für die diesjährige Biennale habe er in der Geschichte der Großausstellung unter der Präsidentschaft von Carlo Ripa di Meana in den Jahren 1974 bis 1978 gefunden. Unter dessen Leitung sagte man sich in Venedig komplett vom Markt los und verzichtete fortan auf den Verkauf der ausgestellten Werke. 1974 fiel zudem die Biennale aus Solidarität mit dem vormaligen chilenischen Präsidenten Salvador Allende, der kurz zuvor Opfer des Militärputsches von Diktator Augusto Pinochet geworden war, teilweise aus. Stattdessen war im Oktober 1974 und 1975 das Film- und Theaterprogramm Libertà per il Cile (Freiheit für Chile) zu sehen. „Ganz Venedig wurde in diese Aktivitäten einbezogen“, sagt Enwezor begeistert. „Es gab verschiedene Diskussionen und Programme. Es war eine wirklich unglaubliche Veranstaltung.“

Die Grundsatzfrage, die Enwezor mit seinem Ansatz zur Biennale stellt, ist in vieler Hinsicht die einzige, die man heute stellen kann, in einer Zeit, in der Kapitalismuskritik wie die von Thomas Piketty sogar auf den Bestsellerlisten einen festen Platz findet. Jede andere Frage wäre verlogen gewesen oder hätte zumindest am Zeitgeist vorbeigefragt. In diesem Sinne ist das ambitionierteste Vorhaben des Kurators eine Lesung von Das Kapital, dem Hauptwerk von Karl Marx. In einer eigens vom britisch-ghanaischen Architekten David Adjaye entworfenen Arena werden unter der Leitung des theatererfahrenen britischen Künstlers Isaac Julien die drei Bände des Kapitals live und im Loop vorgelesen. Teil dieser Lesung wird ein umfangreiches bibliografisches Forschungsprojekt sein. Bücher und Essays zum Kapital werden ausliegen, Kommentare, Gegenreden, philosophische Werke, von denen Marx beeinflusst war, Dokumente über seine Rezeption in China, Indien, Russland, Deutschland oder Frankreich. Briefe von Marx werden zu sehen sein, ein Manuskript mit seinen handschriftlichen Notizen und die französische Originalausgabe – die einzige, die er selbst komplett durchsah. Außerdem wird Enwezor die letzten Überlebenden von Louis Althussers legendärem Pariser Seminar Lire le Capital von 1965 zusammenbringen, das die Rezeption des Philosophen in weiten Teilen der Welt für immer verändert hat. Enwezor schwebt ein groß angelegtes „Oratorium“ vor, ein „mündliches Epos“, komplettiert mit afroamerikanischen Arbeitsliedern und der Vokalmusik des Venezianers Luigi Nono. Die Idee dazu, erzählt er, entstand, als er sich mit den Gebetsgesängen der indischen Sikh beschäftigte, einem meditativen und dennoch sehr sozialen Ritual. „Die Präsenz der menschlichen Stimme bedeutet etwas“, sagt Enwezor, „sie kennzeichnet unseren gemeinsamen Willen zum Protest.“

Doch wie glaubwürdig kann die Kritik an Markt und Kunstmarkt sein, wenn sie von einem Starkurator wie Enwezor kommt? Die Biennale selbst spielt erfahrungsgemäß eine beträchtliche Rolle für den Marktwert von Künstlern und hat eine Signalwirkung, die Karrieren für Jahre hinaus bestimmt. Wir alle unterstützen dieses System, ob wir das wollen oder nicht. Wie gut kann man etwas kritisieren, wenn man in einem gewissen Sinne Teil des Problems ist?

Der Kurator lacht sein höfliches Lachen. Es ist eine Frage, die er in den nächsten Monaten wahrscheinlich häufiger beantworten wird. „Es hat natürlich etwas von einem Präventivschlag, wenn ich mich vom Markt distanziere, indem ich ihn kritisiere“, sagt er. „Es ist paradox, Marx in dieses Feld einzuführen. Aber der Markt ist nicht notwendigerweise das Problem. Die Art und Weise, wie wir ihn benutzen, ist das Problem. Und eine so wichtige Ausstellung wie die Biennale kann eine zentrale Rolle dabei spielen, das zu hinterfragen.“

Enwezor wirkt nachdenklich. Während unseres Gesprächs hat sein Telefon rund zwanzig Mal geklingelt. Immer hat er es ruhig beantwortet, um Aufschub gebeten und danach wieder konzentriert zum Gespräch zurückgefunden. Er ist einen weiten Weg gegangen. Mit seiner Arbeit hat er unvorstellbar viel erreicht. Es wäre falsch, sich vom Glamour ablenken zu lassen, den er für viele in der Kunstwelt verkörpert. Vielmehr ist er von einem intellektuellen und menschlichen Projekt angetrieben, das einmalig ist. Von einem Projekt, das wahrscheinlich nur jemand mit seinen Erfahrungen realisieren kann. Es könnte einen Beitrag dazu leisten, die Welt zum Besseren zu verändern. Wenigstens ein bisschen.

Daniel Schreiber lebt in Berlin und ist freier Autor und Journalist. 2007 erschien seine Susan-Sontag-Biografie "Geist und Glamour", 2014 der autobiografische Essay "Nüchtern. Über das Trinken und das Glück".

Biennale Venedig
56th International Art Exhibition
09.05. - 22.11. 2015