Und plötzlich ist alles anders
Koki Tanaka in der Deutsche Bank KunstHalle



Nichts ist spannender als das Leben: Mit seinen Aktionen erforscht Koki Tanaka die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten gemeinschaftlichen Handelns. Als „Künstler des Jahres“ 2015 verwandelt er die Deutsche Bank KunstHalle in eine „soziale Skulptur“, an der Joseph Beuys sicher seine Freude hätte.


Im August 2011 wird London im Anschluss an eine friedliche Demonstration von schweren Unruhen erschüttert: Brände, Plünderungen, Straßenschlachten – eine Metropole im Ausnahmezustand. In Koki Tanakas Videoserie Going home could not be daily routine erzählen vier Hauptstadtbewohner, wie sie diese Tage erlebt haben. Eine Situation, in der man sich nicht einmal darauf verlassen konnte, sicher von der Arbeit oder dem Pub nach Hause zu gelangen. Sie berichten von Angst und Verunsicherung, aber auch von der Hilfsbereitschaft unter den Bewohnern ihres Viertels. Dieses Gemeinschaftsgefühl angesichts einer bedrohlichen Situation ist im gleichen Jahr auch in Japan zu spüren – als nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima das öffentliche Leben sogar in Tokio zum Erliegen kam. Was passiert zwischen den Menschen, wenn plötzlich alles anders ist, wenn Selbstverständlichkeiten grundlegend in Frage gestellt werden? Tanaka erforscht mit seinen Aktionen, wie sich Gruppen verhalten, wie Menschen miteinander verhandeln, wie sie scheitern und dann erneut zusammenkommen.

So präsentiert sich seine erste umfassende Einzelausstellung in Europa dann auch nicht als klassische Werkschau. Stattdessen verwandelt der „Künstler des Jahres“ 2015 die Deutsche Bank KunstHalle in eine Mischung aus Installation, Labor und Lagerraum, wo sich Bilder, Töne und Objekte zu einem Gesamtkunstwerk verdichten. „Das Wichtigste ist der Prozess“, erklärt der in Los Angeles lebende Künstler. Dementsprechend  konzipierte er die Schau als scheinbar improvisiertes „Work in progress“. Es gibt keinen starren Parcours, der einem den Weg vorschreibt. An schräg in den Raum gestellten, mit Sandsäcken stabilisierten Sperrholzgestellen dokumentieren Fotografien und sehr persönliche Texte Tanakas Aktionen. Zeichnungen, die auf seine künstlerischen Vorbilder und Inspirationsquellen verweisen, und Videomonitore sind auf wandfüllenden Fotoarbeiten angebracht. So ergeben sich zahlreiche Querverbindungen zwischen den Exponaten – die Ausstellung als Bewusstseinsstrom.

Immer wieder laden Sofas dazu ein, es sich bequem zu machen und sich Zeit für Tanakas Videos zu nehmen. Das lohnt sich. Gebannt verfolgt man die Gruppendynamik, die dabei entsteht, wenn der Künstler fünf Keramiker gemeinsam ein Gefäß töpfern lässt. Oder Tanakas Versuch, auf einem Flohmarkt in Los Angeles vertrocknete Palmwedel zu verkaufen. Das ist nicht nur auf absurde Weise komisch. Aus dieser Situation ergeben sich immer wieder überraschende, nahezu philosophische Gespräche mit den Passanten – über den Wert, den wir den Dingen zumessen, über Kunst, aber auch über die Erinnerungen, die Menschen mit den Palmwedeln verbinden. Das subversive Potential der Aktion wird am Ende des Videos sichtbar. Tanakas Stand verunsichert eine Aufseherin so sehr, dass sie den Künstler samt seiner wertlosen Waren des Flohmarkts verweist. Ebenso unterläuft er die Konventionen des Kunstmarkts: Viele seiner Videoarbeiten sind für jeden frei im Internet zu sehen.

Von Anfang an ging es Tanaka darum, neue Perspektiven auf den Alltag zu entwickeln. Das dokumentieren auch die frühen Videos, die 2006 für die Biennale in Taipeh entstanden. Gemeinsam mit seinen beiden Assistenten zeigt er, was man mit Eimern, Kleiderbügeln, Plastikbechern, Besen oder Schirmen jenseits ihrer üblichen Verwendung so alles anstellen kann. Spielerisch erkunden sie neue, bislang verborgene Potentiale in den Dingen. Als Reaktion auf die Nuklearkatastrophe von Fukushima ist Tanakas Kunst politischer geworden. Statt mit Alltagsgegenständen experimentiert er heute mit sozialen Beziehungen. Precarious Tasks nennt er diese Gemeinschaftsaktionen, bei denen Menschen gemeinsam etwas tun. Wie etwa Tee trinken. Jeder Gast brachte seinen eigenen Aufgussbeutel mit, der dann mit allen anderen in einer einzigen Kanne landete. Doch wurde dieser Tee nach Fukushima geerntet? Ist er möglicherweise radioaktiv belastet? Und wie sieht es bei anderen Lebensmitteln aus? Nach wie vor prägen solche Unsicherheiten und Ängste den japanischen Alltag und so kann selbst eine einfache Teezeremonie zum Ausgangspunkt für kritische Diskussionen über Atomkraft werden.

Seine Ausstellung in der KunstHalle hat Tanaka A Vulnerable Narrator betitelt. Dieser „verletzliche Erzähler“ ist für Tanaka jeder, der sich darauf einlässt, an seinen Aktionen teilzunehmen. Die Möglichkeit des Scheiterns steht dabei immer im Raum. Und trotzdem zeichnet seine Arbeit ein leiser Optimismus aus. „Bei diesen Kollaborationen geht es immer auch um „Trial and error“, das Prinzip von Versuch und Irrtum“, erklärt Tanaka. „Aber selbst wenn wir dabei hundert Mal scheitern, können wir schließlich doch etwas erreichen. Das ist der einzige Weg, wie wir eine bessere Welt erschaffen können.“ Gerade dieser utopische Moment ist es, der seiner Kunst ihre Relevanz verleiht – in einer Welt, die immer stärker aus den Fugen zu geraten scheint.
Achim Drucks

Koki Tanaka – A Vulnerable Narrator
Deutsche Bank “Artist of the Year” 2015

26.3. – 25.5.2015
Deutsche Bank KunstHalle, Berlin

Koki Tanaka: A Vulnerable Narrator, Deferred Rhythms
1.10. – 15.11.2015
Rom, Italien
Museo d’Arte Contemporanea di Roma