„Künstler können die Bilder zum Sprechen bringen“
Jennifer Blessing über ihre Ausstellung „Photo-Poetics“

Jennifer Blessing weiß, wie man die Geschichte der Gegenwartsfotografie erzählt. Als Senior Curator of Photography des Guggenheim Museums hat sie bedeutende Ausstellungen von Künstlern wie Catherine Opie, Rineke Dijkstra oder Jeff Wall organisiert. Jetzt stellt Blessing mit „Photo-Poetics: Eine Anthologie“ in der Deutsche Bank KunstHalle eine neue internationale Generation vor: cool wie Richard Prince und Cindy Sherman, allegorisch wie barocke Meister.
In den späten 1970ern begannen die Künstler der „Pictures Generation“ wie Richard Prince oder Sherrie Levine mit angeeigneten Bildern zu arbeiten. Was unterscheidet die neue Künstlergeneration, die Sie in Ihrer Ausstellung  vorstellen, von ihren Vorläufern.

Jennifer Blessing: Es gibt sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede in der Art und Weise, wie sich die jüngeren Künstlergenerationen ihrem Bildmaterial annähern. Die Werke der „Pictures Generation“ würdigen nicht immer die spezifischen Quellen, aus denen ihre Motive stammen, während die in Photo-Poetics vertretenen Künstler meist die Bildträger wie Plattenhüllen, Postkarten oder ganze Bücher zeigen – zusammen mit der Typografie, die die Herkunft und den Kontext der Aufnahmen verdeutlicht, beispielsweise wenn Leslie Hewitt auf ihren Fotoarbeiten Seiten aus dem Ebony-Magazin zeigt. Alle diese Künstler vereint eine konzeptuelle Herangehensweise an die Fotografie, eine grundlegende Logik, die das Medium, mit dem sie ihre Arbeiten realisieren, transzendiert. Und tatsächlich wurden viele von Ihnen nicht als Fotografen ausgebildet. Gewidmet ist Photo-Poetics Sarah Charlesworth (1947–2013), einer einflussreichen Fotografin der „Pictures Generation“, deren Arbeit beides ist: ganz und gar konzeptuell und dabei tief im Handwerk der Fotografie verwurzelt.

Wir leben in einer von zunehmender Digitalisierung geprägten Zeit. Wieso interessieren sich die Künstler in „Photo-Poetics“ gerade jetzt so sehr für analoge Fotografie oder klassische Medien wie Plattencover, alte Taschenbücher oder Magazine aus vergangenen Jahrzehnten?


Die Künstler in Photo-Poetics interessieren sich für die fotografische Reproduktion an sich – für Bilder, die auf eine ganz spezifische Weise fotografisch sind. Ihre Werke sind als Fotografie lesbar und das in einer Zeit, in der Fotografie im Alltagsleben immer ephemerer wird und oft nur ganz flüchtig erscheint, etwa auf den Displays unserer Telefone. Diese Künstler interessieren sich für das fotografische Objekt, für den materiellen Kontext der Fotografie. Das heißt aber nicht, dass sie die Maschinenstürmer des 21. Jahrhunderts sind, die dem Digitalen ablehnend gegenüberstehen. Weil das Filmmaterial mit all seinen unterschiedlichen Formaten langsam ausstirbt, ist es praktisch unmöglich, als Fotograf zu arbeiten und digitale Prozesse dabei völlig auszuklammern. Auf gewisse Weise ist es nur im Vergleich mit eindeutig digitalen Effekten möglich, die handgemachte Qualität einiger dieser Werke zu verdeutlichen.

Anne Collier fotografiert Bilder von weiblichen Stars wie Faye Dunaway, Marilyn Monroe oder Madonna ab; Erica Baums Aufnahmen zeigen alte Taschenbücher, in denen Filmstars und Prominente zu sehen sind, während Elad Lassry häufig mit Bildern von Anthony Perkins arbeitet. Warum ist die Pop-Kultur, vor allem die der prä-digitalen Ära, für die Künstler der Ausstellung so interessant?

Diese Beispiele beziehen sich alle auf prominente Schauspieler und damit natürlich auch auf das Erbe von Andy Warhol. Das betrifft besonders die Art und Weise, wie Celebrities zu unseren wichtigsten kulturellen Ikonen geworden sind, wie sich unsere Vorstellungen von Geschlechterrollen und Sexualität durch ihre Performances und ihr Auftreten ausdrücken und wie heute das Privatleben zunehmend öffentlich wird. Die Künstler in “Photo-Poetics” sammeln und archivieren Bilder, egal, ob sie aus der “Hochkultur” oder der Popkultur stammen. Da gibt es heute sowieso keinen Unterschied mehr. Wie die Künstler der „Pictures Generation“ setzen sie dieses vorgefundene Material, mit dem sie eine persönliche Verbindung haben, auf neue Weise in Szene. Für die ursprüngliche Rezeption der Popkünstler war es wichtig, dass ihre Motive banal waren. Die Vertreter der „Pictures Generation“ wurden als Kritiker der modernen Bilderwelt betrachtet. Die Künstler in Photo-Poetics greifen auf die Bilder ihrer Jugendzeit zurück und zeigen, welche Kraft selbst die banalsten Motive auf ganz unterschiedlichen Ebenen entfalten können. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun, sondern dient eher dem Nachdenken über die Bedeutung von Bildern in unserer Gegenwartskultur und wie man sie auf andere Weise zum Sprechen bringen kann.

Was ist für Sie das Poetische am Ansatz dieser Künstler?

Der Begriff „Photo-Poetics“ soll auf den selbstreflexiven Charakter hinweisen, der sich bei vielen Arbeiten in der Ausstellung findet. Er erweitert den Bereich des Poetischen – des Verständnisses für das Wesen und das Handwerk der Literatur – auf die Fotografie. Auf unterschiedliche Weise interessieren sich die gezeigten Künstler für das Medium Fotografie, seine Geschichte und die spezifische Art und Weise, wie es als Werkzeug der Erinnerung dient. Darüber hinaus sind einige der Arbeiten in der Ausstellung auch im eigentlichen Sinne des Wortes poetisch. So bezieht Erica Baum die Poesie ganz direkt in ihre Arbeit ein und Sara VanDerBeek stellt einzelne Bilder einander gegenüber und deutet so eine linguistische Syntax an. Viele der Künstler beziehen sich auch auf Bücher, Magazine und Filme – also „Texte“, die weitere Interpretationsebenen eröffnen.

Die Ausstellung und der Katalog zu Photo-Poetics sind als Anthologien konzipiert. Sie bestehen aus einzelnen Kapiteln, die jeweils in das Werk eines Künstlers einführen. Die Künstler der Schau teilen bestimmte Interessen und beschäftigen sich mit ähnlichen Themen und doch ist jede Position ganz eigenständig. In meinen Essays zu den einzelnen Künstlern habe ich versucht, einen spezifischen Zugang zu jedem dieser Werke zu entwickeln, es auf eine nachhaltige Weise zu lesen. Denn auch wenn wir Spaß daran haben, in den sozialen Netzwerken mithilfe von Bildern zu kommunizieren, verringert das absolut nicht unser Interesse an einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit Kunstwerken.

Photo Poetics: Eine Anthologie
10.07. – 30.08.2015
Deutsche Bank KunstHalle
Berlin

20.11.2015 – 23.03.2016
Solomon R. Guggenheim Museum
New York