Lost in Language
Idris Khans widersprüchliche Welten

Ob die Gasometer von Bernd und Hilla Becher, Stempelgedichte oder Turners Seestücke – alles in der Kunst des Londoners Idris Khan wird zum geisterhaften Abbild. Eddy Frankel hat mit ihm über Identität, Zweifel und Malerei gesprochen.
Fast das ganze Jahr über gleicht das urbane England einer feuchten, grauen Einöde. Es ist ein trübes, vielerorts marodes Land. Nur wenige britische Gegenwartskünstler reflektieren dieses Lebensgefühl so eindringlich wie Idris Khan. Gespenstische Industrielandschaften, geisterhafte menschliche Figuren, Wolken und Explosionen aus unleserlichen, unverständlichen Worten – all das wiederholt sich auf Khans ebenso düsteren wie häufig ausgesprochen schönen Bildern bis ins Unendliche. Irgendwie macht es da auch richtig Sinn, dass Khans Werk aus England kommt, möglicherweise könnte es sogar nirgendwo anders entstehen.

Manchmal jedoch kann England auch ausgesprochen schön sein. Wenn die Sonne auf Londons Straßen scheint, sind nur wenige andere Städte so pittoresk wie diese. Es ist einer dieser seltenen, lichtdurchfluteten Tage, an dem ich Khan vor seinem Studio in Stoke Newington treffe, wo er gerade mit seinen Assistenten eine Pause macht. Er nimmt mich gleich mit, legt einen Arm auf meine Schulter und führt mich erst einmal durch das Ateliergebäude, das er mit seiner Frau, der Künstlerin Annie Morris, teilt. Er ist nicht nur auf eine vollkommene, fast schuljungenhafte Art höflich, sondern wirkt auch umtriebig, voller positiver Energie. Ein recht komischer Widerspruch – denn eigentlich hatte ich jemanden erwartet, der so ernst und still ist wie seine Arbeit, genauso wie man erwartet, dass England immer grau und deprimierend ist. Und hier sitze ich nun in der Sonne und rede über Fußball, mit einem der freundlichsten und bestgelauntesten Künstler, dem ich je begegnet bin.

Das mag wie eine ganz einfache Verkettung von Widersprüchen erscheinen, doch sie passt gut, um Khan zu beschreiben. Er ist ein Künstler des Konflikts und der Widersprüche, zerrissen zwischen seinen ganz eigenen Licht- und Schattenseiten, vor allem zwischen großem Selbstvertrauen und extremer Schüchternheit. Je mehr Zeit man mit ihm verbringt, umso mehr spürt man, dass er auch eine getriebene, unsichere Persönlichkeit ist, was sich in beidem, seiner Arbeit und seinem Leben, niederschlägt.

Khan stammt aus der Industriestadt Walsall, in der Nähe von Birmingham. Allerdings könnte man das nicht an seiner Aussprache erkennen, die völlig ohne regionalen Akzent und dafür betont deutlich und bedacht ist. Seine Mutter war eine walisische Krankenschwester, sein Vater stammt aus Pakistan und ist Chirurg. „Es war die erste multikulturelle Hochzeit in dem kleinen Dorf, aus dem meine Mutter stammt“, sagt Khan, der in einem der hellen, weiß geschlämmten Räume seines Studios in einem tiefen, schwarzen Ledersessel Platz genommen hat. Er beugt sich vor, als er von seiner Kindheit in den industriell geprägten Midlands erzählt. „Das war zu einer Zeit, als viele Muslime in diese Gegend zogen, das war damals ein richtiger Zustrom. Mein Vater war sehr liberal, aber er wollte, dass wir den Islam praktizieren.“ Der junge Idris war ein Kind zwischen zwei Kulturen – der ganz normalen britischen Gesellschaft und der relativ jungen Gemeinde der muslimischen Immigranten. „Ich wusste eigentlich nie, was ich in diesen Gebeten sagte, ich rezitierte sie lediglich. Da war ein Teil von mir, der verloren war in dieser Sprache, während ich versuchte, beide Kulturen zu verstehen.“ In einer Zeit, als das Verhältnis zwischen den Rassen noch spürbar angespannt war, steckte Khan zwischen beiden Welten fest: „Ich fühlte mich immer unwohl in der Moschee. Anstelle das einzige asiatische Kind in der Schule zu sein, bist du hier das einzige weiße Kind.“

Natürlich hat die muslimische Erziehung seine Arbeit als Künstler beeinflusst. Am offensichtlichsten ist das in seinen Koran-Bildern. Aber man erkennt es auch an anderen Beispielen: an den philosophisch-mystischen Stempelmalereien, die vom Sufismus inspiriert sind, an den mit Kalligrafien verzierten Skulpturen, aber am deutlichsten im Ritual der Wiederholung in seinen fotografischen Werken. „Wenn ich an manche meiner Bilder denke“, sagt Khan, „dann haben sie etwas von täglichen Ritualen, ganz so, als ob man fünfmal am Tag das Gebet wiederholt.“ Nicht nur seine Werke haben diese Eigenschaft, auch Khans Arbeitsweise ist ritualisiert: „Ich halte mich nicht für zwanghaft“, sagt er. „So bin ich im Alltag nie. So bin ich nur im Studio. Ich versuche das auseinanderzuhalten, sonst würde ich durchdrehen. Wenn ich an den Werken arbeite, verwandle ich mich ein bisschen in einen Psycho. Aber wenn ich eine Ausstellung vorbereite, bin ich ganz anders drauf.“ Danach unterzieht er sich einem Reinigungsprozess: „Wenn ich einen Werkkomplex vollendet habe, wird das Studio aufgeräumt, alles wird abgehängt, sodass nur die nackten Wände bleiben. Ich muss mich selbst reinigen, bevor ich mit etwas Neuem beginne.“ Kommt es jemals vor, dass er diese Person verabscheut, zu der er werden muss, um seine Arbeit zu machen? Er hält kurz inne, bevor er antwortet: „Nein, dann würde ich wohl aufhören, Kunst zu machen, ich werde diese Eigenheiten also nie verlieren.“

Es gibt noch einen weitaus heftigeren Konflikt in Khans Leben. Und der ist ästhetischer Natur: der Kampf zwischen Fotografie und Malerei. Eigentlich ist er bekannt für seine unwirklichen Bilder, in denen sich verschiedene fotografische Aufnahmen ein und desselben Motivs überlagern wie etwa bei seinen Gasometern, die auf den Arbeiten von Bernd und Hilla Becher basieren. Doch vor zwei Jahren präsentierte Khan in London seine erste Gemäldeausstellung. Mit Stempeln und Farbe gefertigt, beruhen diese Arbeiten sowohl auf Khans eigenen Aufzeichnungen als auch auf Zitaten aus den unterschiedlichsten philosophischen und mystischen Quellen. Unzählige Male werden diese Texte auf die Leinwand gestempelt und bringen so gigantische, schimmernde, unleserliche Formen hervor. Ausgelöst wurden sie durch Khans wohl traumatischste Erinnerungen: „Sie entstanden, weil ich meine Mutter und wir unser Baby innerhalb eines Jahres verloren haben und ich nach einem Weg suchte, um das wirklich körperlich abzuarbeiten. Also kam ich hierher und schrieb diese schrecklichen Dinge hin. Es wurde zu einer Art Therapie, ich habe all diese Gedanken weggestempelt.“ Khan wirkt äußerst unsicher, als er über diese Arbeiten spricht. Er erklärt mir, dass er sie mehr als Zeichnungen und weniger als Gemälde betrachtet. Doch dann ändert er seine Meinung wieder und räumt ein, dass sie eigentlich Gemälde sein könnten. „Der Sprung von der Fotografie zum Gemälde …“, sagt er und hält inne, bevor er, mehr an sich selbst als an mich gerichtet, weiterspricht: „Das ist schwer zu sagen. Es sind Gemälde, doch, das kann man wirklich sagen.“ Das ist ein nachvollziehbares Problem. Khans Werk streift so viele Bereiche – von der Fotografie bis zur Philosophie, von der musikalischen Komposition bis zur Skulptur –, dass es auch für ihn schwierig wird, diese Stränge auseinanderzuhalten.

Vielleicht zögert er zuzugeben, dass er eher zufällig zum Maler wurde, weil er die Kritik fürchtet. Er führt mich durch sein Atelier und zeigt mir die neue Serie, an der er gerade arbeitet. Große schwarze Tafeln hängen an der Wand, die von dicken Wolkenwirbeln aus weißer Farbe überzogen sind. Es sind schöne, abstrakte Gemälde, ganz anders als alles, was er je zuvor gemacht hat. Wenn man näher kommt, stellt man fest, dass es sich bei den aggressiv anmutenden Verwischungen eigentlich um Worte handelt – um Khans eigene Poesie, die er bis zur Unleserlichkeit auf die Oberflächen kratzt. Aber er kann sie nicht einfach als Gemälde bestehen lassen. Stattdessen fotografiert er während des Malprozesses jedes Bild hundertfach ab und heftet die Bilder zusammen, um daraus dann wieder einen Fotoprint herzustellen, der noch abstrakter ist als das Original. Während er auf die Bilder deutet, sagt er: „Wenn ich so etwas in eine Galerie hänge, dann hinterfragt man die Oberfläche, die Ölfarbe, seine Geschichte und alle Referenzen, die sich durch das bloße Anschauen eines Gemäldes ergeben. Ich will diese Überfrachtung, dieses schwere Gepäck, nicht. Darum geht es mir nicht. Deshalb würde ich diese Arbeiten auch nie als Gemälde hängen.“ Aber was ist das eigentlich, dieses schwere Gepäck der Malerei? „Wenn ich eine Serie weißer Gemälde mache, sieht man mich automatisch als Künstler, der versucht, so zu sein wie etwa Robert Ryman. Also vergleicht man mich sofort damit. Wenn ich hingegen ein weißes Gemälde schaffe, es abfotografiere und eine Komposition daraus generiere, fühlt es sich plötzlich wie etwas eigenes an.“ Ich frage ihn, ob das nicht bloß eine defensive Haltung sei, er vielleicht Angst vor Kritik habe. „Ehrlich gesagt, finde ich, dass sie einfach nicht gut genug sind.“ Schweigen füllt den Raum. „Ich werde wohl aufhören müssen, so zu denken. In dem Moment, in dem ich das geschafft habe, werde ich sie hängen können.“

Khan führt mich durch einen Raum, in dem einige Assistenten an einer neuen Serie von Stempelgemälden arbeiten, die A River Runs Happy, seiner Auftragsarbeit für die Deutsche Bank in Birmingham, ähneln. Doch gibt es in diesen Arbeiten keine Farbigkeit. Hier gibt es nur schimmerndes Weiß auf glatter, weißer Leinwand. Es ist völlig unmöglich, die Worte – in diesem Fall ausschließlich Khans eigene – zu lesen, was die Gemälde vollkommen abstrakt erscheinen lässt. „Auf den schwarzen Gemälden kann man die Umrisse sofort erkennen. Man muss in sie eintauchen. Es ist eine intensive, viel körperlichere Erfahrung, sich so etwas anzuschauen.“ Er hat recht. Die Bilder schimmern im Studiolicht und zwingen einen, sich anzunähern – aber auch das ändert nichts: Die Worte bleiben unleserlich. „Ich liebe dieses Rätselhafte an einem Gemälde, erst dann ist es wirklich abstrakt. Natürlich wollen die Leute wissen, was da steht. Aber ich will es nicht preisgeben. Der Betrachter sieht die Form, sieht das Gemälde und liebt es. Und dann soll er die Worte hören und sich davon abgestoßen fühlen? Weißt du, was ich meine? Das ist meine Welt!“ Das klingt nicht aggressiv, nur trotzig. Aber würde er denn seine Texte veröffentlichen? „Ich glaube schon, ja, irgendwann einmal. Ich liebe Künstler, die das machen.“ Na also. Ein Künstler voller Widersprüche und Gegensätze. Doch vielleicht sind es trotz der enormen Anspannung gerade diese Kämpfe, die er mit sich selbst austrägt, die ihn so besonders machen.