Sun Xun:
Das absurde Theater der Gegenwart

Kalligrafie trifft Kentridge: Mit seinen expressiven Zeichnungen, Wandgemälden und Animationsfilmen ist Sun Xun zum Liebling internationaler Kuratoren avanciert. Kito Nedo über einen der spannendsten jungen chinesischen Künstler, der auch mit zahlreichen Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist.
In China gibt es gegenwärtig zwei unterschiedliche Geschichtsschreibungen: die offizielle Version, verfasst und kontrolliert von Staat und Partei und die inoffizielle Kultur der Erinnerung, wie sie unter den Menschen kursiert. Codiert oder nur in Umschreibungen angedeutet, begegnet man ihr auch im Internet oder in den Medien der chinesischen Diaspora. Seit Jahrzehnten verhindert die Sprache der Partei und der von ihr gesteuerten Medien, die Dinge zu benennen wie sie sind. Diese Spaltung ist so mächtig, dass der chinesische Literat Yan Lianke sogar von zwei „gegensätzlichen Sprachsystemen“ und einem daraus resultierenden gesellschaftlichem Gedächtnisschwund spricht: „Vergessen“, so Yan, „ist keine Krankheit der Leute oder ein Defekt; es gehört zur Führungsstrategie dieses Staates und ist eine Voraussetzung für die willkürliche Lenkung der Gesellschaft. Am effektivsten funktioniert das Vergessen dort, wo Erinnerung mit ideologischen Tabus belegt wird. Durch die Kontrolle der Macht wird alles in den Kanal des Vergessens umgeleitet, und die Geschichts- und Lehrbücher, die Literatur und sämtliche Formen der Kunst werden entsprechend zurechtgestutzt.“ Ironischerweise münden aber gerade diese Konflikte um das Erinnern, die von Tabus durchzogene öffentliche Rede oder die trickreichen Chiffren, mit denen sich die kollektive Netz-Intelligenz immer wieder gegen die staatlichen Internet-Zensoren wehrt, in neue Diskurse, die ihren Niederschlag natürlich auch in der bildenden Kunst finden.

Solche politischen und kulturellen Widersprüche der chinesischen Gegenwart bilden einen der Subtexte für die Arbeiten von Sun Xun, einem der erfolgreichsten Vertreter der jungen, in den Achtzigern geborenen chinesischen Künstlergeneration. Schon seit seiner Schulzeit pflegte er ein obsessives Verhältnis zur chinesischen Geschichte. Damals, so erklärt Sun, lernte er beide Versionen der Geschichte quasi gleichzeitig kennen. In der Schule brachten ihm die Lehrer tagsüber die offizielle Sicht auf die Dinge bei. Zuhause war es sein Vater, der ihm abends die andere Version erzählte. Es waren vor allem Berichte über die Dekade der Kulturrevolution in den späten Sechzigern, frühen Siebzigern.  Unter den damaligen Grausamkeiten hatte auch Suns Familie zu leiden: Seine Großmutter wurde wegen ihrer großbürgerlichen Herkunft von Maos gefürchteten Roten Garden öffentlich mit einem Schandhut an den Pranger gestellt. Auch wenn die Schrecken der Kulturevolution heute (anders etwa als die  Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Tiananmen 1989) nicht mehr verschwiegen werden, ist doch eine breite gesellschaftliche Debatte – etwa über die Rolle der Kommunistischen Partei – noch immer nicht erwünscht.

Es ist daher sicher kein Zufall, wenn die Roten Garden durch manche von Suns Bilder wie Untote geistern: Jungkommunisten wie Pathosformeln, gezeichnet im Stil des Sozialistischen Realismus, denen der Künstler immer wieder Tiere zur Seite stellt: viele Käfer etwa, die über eine Mao-Uniform krabbeln, eine menschengroße Katze, oder eine Schlange. Manchmal erscheinen die Rotgardisten auch als Nicht-Individuen, Uniformträger, deren Gesichter mit Megafonen verwachsen sind. Generell hält sich Sun jedoch mit Bezügen zu den Agit-Prop-Motiven der Mao-Zeit zurück. Solche Referenzen, die unter dem Label „Mao-Pop“ lange unser Bild von der chinesischen Gegenwartskunst dominierten, erscheinen derzeit ausgereizt.

Das absurde Theater der Gegenwart, welches Sun in seinen Bildern, Animationen, großflächigen Wandgemälden und raumfüllenden Installationen inszeniert, ist viel breiter angelegt und speist sich aus ganz unterschiedlichen Quellen, deren Lesart immer auch davon abhängt, welchen Hintergrund ihr Betrachter mitbringt: Gestalten aus der jüngeren Welt-Kulturgeschichte tauchen auf, wie der exzentrische kroatische-amerikanische Physiker Nikola Tesla, der seine Erfindungen im New York der Jahrhundertwende wie ein Magier der Elektrizität zelebrierte oder Duncan MacDougall, ein amerikanischer Arzt, der einst das Gewicht der Seele durch das Wiegen sterbender Patienten zu bestimmen suchte. Ihm ist die 2010 entstandene Serie 21 Ke (21 Grams) aus der Sammlung Deutsche Bank gewidmet, in der Sun auf einem Bild die Seele wie eine Seifenblase in die Höhe schweben lässt.

Sun zeichnet und malt klassische Medienmaschinen wie die Arriflex-Filmkamera, aber auch traditionelle Motive wie den „Gelehrtenfelsen“ aus der Gartenphilosophie, genauso wie Motive aus der Tierfabel- und Märchenwelt: die in China als Haustier beliebte Grille oder eine stetig wiederkehrende Magier-Gestalt – ihm fällt in Suns Theater die Rolle des Super-Schurken zu. Der Künstler nennt ihn „the only legal liar” – den einzig rechtmäßigen Lügner. Offen bleibt freilich, ob es sich um Suns Alter Ego handelt oder eben eine Art Gegenspieler, zum Beispiel einer der Sprach- und Geschichtsverdreher in den staatlichen Institutionen.

Ein anderes häufiges Motiv ist der chinesische Drache, der auch im Zentrum der Zeichnungen aus der Serie Beyond-ism C aus der Sammlung Deutsche Bank steht: Sun spielt auf seinen historisch-mythologischen Gehalt an, benutzt ihn aber gleichzeitig als Metapher für aktuelle politische Auseinandersetzungen. Aus solchen Bausteinen ersteht ein diskret verlinktes Kunst-Narrativ, dass Sun seit Jahren immer weiter treibt und das ihm immer häufiger Ausstellungsanfragen aus den USA und Europa einbringt. Gerade weil Sun die ausgetretenen Pfade seiner Vorgänger meidet, avanciert er seit einiger Zeit zum Liebling der Kuratoren und fehlt in kaum einer wichtigen Ausstellung zur chinesischen Gegenwartskunst. Durch ausgedehnte Reisen und Arbeitsaufenthalte, etwa in Indien, der Ukraine, Japan oder den USA, kommt Sun mit seinem Werk einem internationalen Publikum entgegen – auch das hat sicher Anteil an seinem gegenwärtigen Erfolg.

Geboren wurde der Künstler in Fuxin, einer vom Kohleabbau geprägten Zwei-Millionen-Stadt im Nordosten Chinas. Der große Energiehunger infolge des rapiden Wirtschaftswachstums machte die Bergbauindustrie zum profitablen, aber auch gefährlichen Geschäft. Im Jahr 2012 verbrauchte China circa 4 Milliarden Tonnen Kohle – so viel wie der Rest der Welt zusammen. Doch das Land zahlt einen hohen Preis: Smog ist in den Großstädten allgegenwärtig und wegen Missachtung elementarer Sicherheitsbestimmungen sterben immer wieder Bergarbeiter bei schweren Grubenunglücken. So verunglückten vor zehn Jahren in Fuxin 200 Kumpel durch eine Gasexplosion und im letzten Winter kamen zwei Dutzend Bergleute bei einem Feuer in einer Mine ums Leben. Mit dem achtminütigen gezeichneten Animationsfilm Coal Spell (zu Deutsch: „Kohle-Fluch“) verarbeitete Sun 2008 nicht nur seine Kindheit und Jugend in Fuxin, sondern zeigt die Stadt als einen dystopischen Ort.

In seinem von ihm ausschließlich mit der Hand gezeichneten Reich bringt Sun eine an William Kentridge und Raymond Pettibon erinnernde Film-Noir-Ästhetik mit einer uralten Tradition kunstvoll zusammen. Tusche ist seit vielen Jahrhunderten das wichtigste Medium der chinesischen Kunst. Und die damit verbundene Schriftkunst gehört mit ihrer dreitausend Jahre alten Geschichte zu den am weitesten zurückreichenden Wurzeln in der dortigen Kultur. Noch heute gibt es an den Kunsthochschulen eigene Fachbereiche, in denen sich die Studierenden ausschließlich mit Kalligraphie auseinandersetzen, oft gelten sie als konservative Bastionen.  Doch wenn sich Sun Xun fröhlich auf traditionelle künstlerische Medien bezieht und sie zum Teil einer  zeitgenössisch-medialen Inszenierung macht, befreit er sie aus dem goldenen Käfig akademischen Erstarrung und haucht ihnen neues Leben ein.

Dabei geht es nicht um Perfektion, sondern um Kunst und Denken. „Während des Malens ist die richtige Psychologie entscheidend. Etwa, wie man mit Fehlern umgeht: Bei Wandmalereien sind Fehler nicht erlaubt. Aber es ist unmöglich, keine Fehler zu machen. Deshalb muss man umdenken und den Fehler als etwas verstehen, das man zu seinem Vorteil nutzen kann.“ Kunstproduktion hat für ihn nichts Genialisches oder Geheimnisvolles, sondern basiert auf einer Kette von Ereignissen und Entscheidungen. „In Fluss der kreativen Arbeit kommen Idee und Umsetzung zusammen. Das Endprodukt fällt immer anders aus als die ursprüngliche Idee. Manchmal ist es schlechter, manchmal besser als ursprünglich erwartet.“ Andererseits bedarf es genau dieser Lässigkeit und diesem Flow, um Tradition, Gegenwart, Geschichte und Kritik an den politischen Zuständen in seiner Heimat so geschmeidig zu verknüpfen wie Sun – in ästhetischer wie auch politischer Hinsicht. Anstatt an den politischen Widersprüchen Chinas zu zerbrechen oder zu verhärten, bringt der Künstler sie in seinen Bildern und Animationen wie kaum ein anderer zum Tanzen.

Sun Xun ist gerade auf diesen Ausstellungen vertreten:

2015 Asian Art Biennial
National Taiwan Museum of Fine Arts, Taichung   
bis 06.12.2015

Bat Cave: Treasures of the Day and Creatures of the Night
Asia Society Hong Kong Center, Hong Kong
bis 03.01.2016