Wagemutiger, subversiver, smarter
Eine Preview der Londoner Frieze-Messen

Jeden Herbst ist die britische Hauptstadt vier Tage lang Sehnsuchtsort der internationalen Kunstszene – dank der Frieze London und der Frieze Masters, die zehntausende Besucher in den Regent’s Park locken. Achim Drucks verrät, was die beiden Messen dieses Jahr zu bieten haben.
Es gibt sie wirklich, die Triskaideka-Phobie, die panische Angst vor der Zahl Dreizehn. Ausgerechnet der an einem 13. September geborene Komponist Arnold Schönberg zählt zu ihren prominentesten Opfern. Doch die Organisatoren der 13. Ausgabe der Frieze London sind gegen solchen Aberglauben immun. So haben sie zu ihrem Filmprogramm dann auch die Thirteen Black Cats eingeladen. Das amerikanische Kunstkollektiv arbeitet gerade an einem ambitionierten Projekt – einem Film in 56 Teilen. Angeregt wurden sie durch Roberto Bolaños Antwerp. Der poetische Roman kreist um gescheiterte Dichter, verschlagene Detektive und geheimnisvolle Frauen. Seine rudimentäre Handlung wirkt, als sei sie aus halberinnerten Filmen collagiert. Jetzt wird Antwerp tatsächlich ins Medium Film übertragen. Und wie Bolaños Buch wird auch diese Produktion aus 56 Kapiteln bestehen, die jeweils von einem anderen Filmemacher oder Künstler realisiert werden. Den kürzlich vollendeten ersten Teil des Films stellt „Thirteen Black Cats“ jetzt auf der Londoner Messe vor.

Nicola Lees, die neben dem Filmprogramm auch die Frieze Projects kuratiert, setzt dieses Jahr erneut auf Interdisziplinäres, Performatives und Experimentelles – auf Beiträge, die als Widerhaken im Messetrubel fungieren. Die Frieze ist eben anders als andere Messen, wagemutiger, subversiver, smarter, mit einem Hang zum absurden Humor. Das wird den rund 60.000 Besuchern, die wohl auch dieses Jahr in den Regent’s Park strömen werden, schon beim Betreten der Messezelte deutlich: Die kalifornische Konzeptkünstlerin Lutz Bacher verwandelt den Eingangskorridor in eine befremdliche Installation, für die sie Fundstücke von Filmsets mit Bildern aus Politik und Pop-Kultur kombiniert.

Nach anderen Projects-Beiträgen muss man dagegen fast suchen: Jeremy Herbert, der schon Bühnenbilder für so unterschiedliche Künstler wie Michael Nyman und Madonna entwarf, hat für die Frieze eine mysteriöse, unterirdische Kammer installiert. Und auch Asad Raza, der als „Kunst-Produzenten“ u.a. Tino Sehgal bei der Verwirklichung seiner Projekte hilft, hat einen Raum konzipiert, den man durch eine Tür hinter dem Messe-Buchladen betritt. Hier wird man eine sich täglich wandelnde Ausstellung erleben. Aber nicht nur das. Die Besucher müssen auch damit rechnen, ganz plötzlich Mitspieler in einer interaktiven Performance zu werden. Inspirieren ließ sich Raza von Höhlen, in denen die antiken Griechen dem Gott Pan huldigten.

Der spezielle Charakter der Projects trägt viel zum Profil der Frieze London bei. Die Messe versteht sich eben nicht nur als Marktplatz, an dem sich alljährlich rund 160 der weltweit wichtigsten Galerien versammeln, sondern ebenso als kulturelles Forum, das einflussreiche Kuratoren und Museumsleute anzieht. Die Deutsche Bank hat das Potential der Messe von Anfang an erkannt. Bereits seit der zweiten Ausgabe ist sie Partner der Frieze London und seit ihrer Premiere 2012 auch der Frieze Masters, die das Angebot mit Werken von der Antike bis zum 20. Jahrhundert noch erweitert hat. Gemeinsam bieten die beiden Messen die Möglichkeit, Kunst aus nahezu allen Epochen und Regionen zu erleben.

Wie jedes Jahr ist die Deutsche Bank auf der Frieze London präsent – mit einer Lounge, in der sie Arbeiten aus ihrer Sammlung präsentiert. Unter dem Titel Sirocco sind diesmal ausgewählte Werke von Künstlern aus dem Mittelmeerraum zu sehen. Bilder von Kader Attia, Yto Barrada oder Zohra Bensemra zeigen die Region aus einem ganz eigenen Blickwinkel – jenseits der Krisenbilder, mit denen wir tagtäglich in den Nachrichten konfrontiert werden. ArtMag ist auf der Messe mit einem Stand im Reading Room vertreten, wo den Kunstmagazinen in diesem Jahr eine völlig neugestaltete Präsentationsfläche gewidmet ist.

Zu den interessantesten Einzelpräsentationen der diesjährigen Frieze London dürfte Ken Okiishis Auftritt am Stand der Pilar Corrias Gallery zählen. 2013 ließ er bei seinem Frieze Project die Messebesucher mit einer Paintball-Maschine abstrakte Bilder produzieren. Dieses Jahr präsentiert er neue Arbeiten aus seiner Serie gesture/data, in der er gestische Malerei und Video-Kunst kombiniert. Und auch die David Kordansky Gallery zeigt, wie Künstler das Medium Malerei heute weiterentwickeln – mit einer Schau von Mary Weatherford, die ihre abstrakt-expressiven Leinwände mit Neonröhren bestückt.

Natürlich präsentieren Teilnehmer wie Sadie Coles, Gagosian, Hauser & Wirth oder Shanghart vor allem Malerei, Skulptur, Papierarbeiten und Fotografie. Doch auch Performatives und Partizipatives spielt  für die kommerziellen Galerien eine immer wichtigere Rolle. Deswegen wurde 2014 die Sektion „Live“ initiiert. Sie widmet sich Werken, die man eben nicht im Wohnzimmer präsentieren kann. Dieses Jahr sind hier Künstler aus ganz unterschiedlichen Generationen vertreten: Die junge Spanierin Amalia Ulman setzt sich mit Sozialen Medien und dem Selfie- und Celebrity-Wahn unserer Zeit auseinander und verspricht für die Frieze die Möglichkeit einer „intimen Begegnung“, wie es die Vorankündigung formuliert. Die mythischen, zeremoniellen Arbeiten des 1951 geborenen Brasilianers Tunga stehen dagegen in der Tradition des „Alchimisten“ Joseph Beuys.

Dass es gerade in der südamerikanischen, speziell der brasilianischen Kunst noch sehr viel zu entdecken gibt, zeigt sich auch auf der Frieze Masters. Hier stellt die Sektion „Spotlight“ Positionen des 20. Jahrhunderts vor, die bislang zu wenig Beachtung fanden: Nara Roesler (São Paulo) zeigt eine Hommage an Tomie Ohtake, die Anfang des Jahres im Alter von 101 Jahren verstarb. Ohtakes riesige abstrakte Skulpturen übertragen die schwungvollen Linien ihrer Gemälde ins Dreidimensionale. Mit Wanda Pimentel präsentiert Anita Schwartz (Rio de Janeiro) eine Künstlerin, die außerhalb ihrer Heimat nur Insidern bekannt ist. Ab Oktober ist Pimentel auch in der Schau International Pop im Dallas Museum of Art vertreten, die von der Deutschen Bank gefördert wird. Zu den weiteren Höhepunkten von „Spotlight“ zählen die eindringlichen Metallskulpturen des afroamerikanischen Künstlers Melvin Edwards und die Fotoarbeiten von Boris Mikhailov. Der Ukrainer wurde dieses Jahr mit dem Goslarer Kaiserring ausgezeichnet und ist auch in der Ausstellung Time Present - Photography from the Deutsche Bank Collection vertreten, die momentan durch die Metropolen Asiens tourt.

Besonders spannend dürfte auch die neue Sektion „Collections” werden, für die niemand geringeres als Sir Norman Rosenthal verpflichtet wurde. Acht Galerien, alle erstmals mit dabei, stellen hier Sammlungsgebiete vor, die bislang auf der Masters gefehlt haben – von japanischen Netsuke bis zu ägyptischen Schnitzereien. „Jede dieser Präsentationen“, so verspricht es der legendäre Kurator, „enthält Anregungen für Ausstellungen, die man in allen großen internationalen Institutionen präsentieren könnte.“ So selbstbewusst wie Sir Norman Rosenthal wirkt das gesamte Programm der beiden Londoner Messen. Nachdem sich die Frieze-Gründer Amanda Sharp und Matthew Slotover letztes Jahr zurückgezogen haben, um an neuen Projekten zu arbeiten, werden jetzt alle drei Frieze-Messen von Victoria Siddall, der Gründungsdirektorin der Masters, geleitet. Ein Blick auf die Ausstellerlisten und das Rahmenprogramm zeigt, dass sie bei der 13. Ausgabe der Frieze London alles richtig gemacht hat. Zur Triskaideka-Phobie besteht jedenfalls absolut kein Anlass.

Frieze London
14.-17.10.2015

Frieze Masters
14.-18.10.2015

Regent’s Park, London