XENOPOLIS: Deutsche Bank KunstHalle ergründet
die Sprache der Städte

Die Stadt ist wie eine Schrift und wir sind ihre Leser – sagt der französische Philosoph Roland Barthes. Doch wie lesen Künstler die Stadt, mit all ihren unterschiedlichen Sprachen, Gebräuchen, Regeln und Sehnsüchten?
Es war früh am Morgen, als Simon Njami zum ersten Mal in Berlin ankam. Immer noch erinnert er sich an die Fahrt im Dunklen, die Wachtürme und Grenzsoldaten. Und dann die Schrebergärten entlang der Bahngleise, die Lichter des Kurfürstendamms. Njami besucht Jazzclubs, fährt nach Zehlendorf, wo die Amerikaner stationiert sind, nach Kreuzberg, dieser „Mischung aus Jugend und Verzweiflung“. Doch als er nach dem Mauerfall zurückkehrt, hat sich die Stadt radikal verändert: „Das Berlin, das ich nach 1989 wieder entdeckte, war wie ein Ruinenfeld, das versuchte, meine Erinnerungen nachzustellen. Auch das sind Städte. Sie sind die idealen Grabstätten unserer angehäuften Erinnerungen.“

Heute, fast drei Jahrzehnte später, ist der in Paris lebende Ausstellungsmacher und Autor weltbekannt. Als Kurator der bahnbrechenden Ausstellung Afrika Remix (2004) und Mitbegründer der Kunstzeitschrift Revue Noire hat er den Blick auf die afrikanische Gegenwartskunst grundlegend verändert. Nun kehrt er wieder nach Berlin zurück. Gemeinsam mit sechs internationalen Künstlern, die allesamt hier leben, hat er im Rahmen von Stadt/Bild mit Xenopolis für die Deutsche Bank KunstHalle ein Labyrinth der Wahrnehmungen kreiert. In der Ausstellung hallen die Vorstellungen von Stadt in all ihren Facetten nach – nicht nur von Berlin, sondern von allen Metropolen dieser Welt, die immer wieder neu erinnert und gedacht werden.


STADT/BILD. XENOPOLIS

Zur Berlin Art Week 2015 kooperieren zum zweiten Mal vier der führenden Institutionen der Hauptstadt: Berlinische Galerie, Deutsche Bank KunstHalle, KW Institute for Contemporary Art, Nationalgalerie - Staatliche Museen zu Berlin. Unter dem Titel Stadt/Bild gehen sie in ihren Ausstellungsprojekten der Frage nach, wie wir die modernen Metropolen, insbesondere Berlin, erleben und wie sich unser Bild des urbanen Lebens verändert. Dabei geht es um bauliche Entwicklungen sowie soziale, ästhetische und kulturelle Aspekte. Der Stadtraum und die Grenzen zwischen Öffentlichem und Privatem sowie Fragen der Partizipation und Gemeinschaft werden reflektiert.

berlinartweek.de, 15.– 20.9.2015
stadt-bild.berlin, 16.9.– 8.11.2015


Die globalisierte Metropole bildet für Njami eine „freie Zone“, in der ein Schwebezustand zwischen Ortlosigkeit und Verwurzelung herrscht. Das birgt auch Chancen: Wenn wir akzeptieren, dass wir alle gewissermaßen Fremde sind, denen die Stadt nicht gehört, dann können wir auch hybride Identitäten und Räume entwickeln, die nicht mehr mit Angst oder Hass besetzt sind – in denen wir lernen, mit Ungelöstem, Paradoxem oder Ambivalentem zu leben.

Es passt gut zu Njamis Idee einer Stadt als Grabstätte von Erinnerungen, dass die kenianisch-deutschen Künstler Mwangi Hutter auf einem stillgelegten Friedhof arbeiten. In einer Seitenstraße am Kreuzberger Südstern gelangt man durch ein unscheinbares Tor zu der von einem Park umgebenen Ehrenhalle für gefallene Soldaten des Zweiten Weltkriegs. Über 4.900 Menschen wurden hier begraben. Der schweigend daliegende „Tempel des Vaterlandes“ wirkt wie der Eintritt ins Totenreich.

 Seit Ende der 1990er-Jahre tritt die in Nairobi geborene Künstlerin Ingrid Mwangi mit dem Deutschen Robert Hutter als Künstlerpersönlichkeit „Mwangi Hutter“ auf. Sie treffen bei ihren Aktionen, Filmen und Installationen alle Entscheidungen gemeinsam. „Wenn wir arbeiten“, sagt Mwangi, „setzen wir uns ständig in Beziehung zueinander, zu Umgebungen und Situationen – unter der Prämisse, dass es diese Dualität zwischen dem ‚Ich‘ und dem ‚Anderen‘ im Grunde nicht gibt.“ Hutter erzählt, wie die Leute gestern in der Regionalbahn nach Berlin eine junge Frau, die einzige Schwarze im Zug, angestarrt hätten. „Sie wurde komplett abgescannt. Auch ich kenne dieses Gefühl, etwa wenn ich in Kenia bin.“

In ihren Performances scheuen sie kein Extrem, um die Angst vor dem „Anderen“ auf den Prüfstand zu stellen. Für The Cage (2009) stellte sich Hutter in einem schwarzen Viertel mitten in Johannesburg in einen Käfig, verklebte sich die Augen, zerriss seine Kleidung und ließ sich von Passanten den Oberkörper mit Slogans vollkritzeln. Die Idee war, diesen starrenden Blick umzudrehen, vom Kolonialisierten zum Kolonialisten. In den Werken von Mwangi Hutter ist der Körper Schauplatz rassistischer Projektionen und zugleich Medium der Begegnung. Davon zeugt auch Fields of Joy, ihr Beitrag zu Xenopolis, für den die Künstler ihre Arme mit Wachs abgossen. Ein Meer schwarzer Armpaare umringt zwei vereinzelte weiße Arme – eine Architektur aus Körperteilen, die zugleich von Gemeinschaft und Ausgrenzung spricht.

Wie Fields of Joy ist auch Loris Checchinis Installation Monologue Patterns (2009) ein poetisches Modell hybrider Identität. Seine transparenten Wohnwagen vereinen in sich, wie es der italienische Künstler erläutert, die Vorstellungen von Stadt und Bewegung, von einem nomadischen Raum. Zugleich sind diese Zwitter aus Skulptur und funktionalem Objekt auch autobiografisch. Für jede Ausstellung werden sie mit anderen Dingen und Pflanzen gefüllt. Seine Wohneinheiten verkehren nicht nur Innen und Außen, Natur und Zivilisation. Sie thematisieren auch, dass der private Raum immer öffentlicher wird. Um eindeutige politische Statements geht es Checcini nicht. Eher um die Annäherung an eine Realität, die durch die Verbindung von Kunst, Ökologie und Technologie zunehmend mobiler, modularer und virtueller wird. Das helle Studio, in dem er zusammen mit seiner Frau Jade unweit des Planetariums an der Prenzlauer Allee seine weltweiten Projekte organisiert, gleicht einem ästhetisch-wissenschaftlichen Labor.

Weniger als einen Kilometer entfernt, entfaltet sich ein mindestens ebenso surrealer Kosmos. Der in London als Sohn eines Äthiopiers und einer Holländerin geborene Künstler Theo Eshetu ist gerade erst von Rom ganz nach Berlin gezogen und noch nicht eingerichtet. Er schlägt vor, sich im Café Wohnzimmer am Prenzlauer Berg zu treffen. Vielleicht passt das Muster der Tapeten im Seventies-Barock-Look sogar, denn der Hang zum Überbordenden und Ornamentalen zeichnet auch seine Filme und Installationen aus. Und die können sich mit seiner Familiengeschichte, dem Bowie-Choreografen Lindsay Kemp, afrikanischen Mythen oder rein formalen Fragen befassen. Auch „Kiss the Moment“, sein Beitrag zu „Xenopolis“, gleicht einer Art Videomusical, in dem er seine Erfahrungen während eines DAAD-Stipendiums in Berlin verarbeitet. Als er sein leeres Studio im Wedding einweihte, waren die Gäste begeistert, obwohl es keine Kunst zu sehen gab: „Und dann wurde mir klar, was so schön war – das riesige Fenster mit Blick auf einen Park. Also dachte ich, imitiere doch einfach das Fenster!“ In Eshetus Installation bilden 18 Monitore ein gigantisches „Fenstergitter“. Darin entfaltet sich ein assoziativer Stadttrip: Parks, Tanzperformances, Burlesque- Shows, Architekturen, Liebesgeschichten. Berlin kann bei ihm aussehen wie das Setting einer romantischen Oper, eines Fritz-Lang-Films oder wie die Fliesen im Zoo-Aquarium. Der Tiergarten, ein häufig wiederkehrendes Motiv, wird zur archaischen Landschaft. „Der Mythos vom Wald, der so sehr mit Deutschland verbunden ist, ist auch sehr afrikanisch“, grinst Eshetu. „Diese Mythen, dass man in den Dschungel geht, Geister und Ungeheuer besiegt und zum Mann wird. Ich versuche, intuitiv diese Verbindungen zwischen den Kulturen zu finden, die hier in Berlin aufeinandertreffen.“

Auch im Beitrag des Künstlers und Komponisten Jan-Peter E.R. Sonntag überlagern sich die unterschiedlichsten kulturellen Schauplätze: das Berlin des beginnenden 20. Jahrhunderts, die mexikanische Revolution, Mexiko- Stadt heute. Sonntag baut seine ehemalige Wohnung gerade in ein Zweitstudio um. Es gleicht einer Wunder- und Denkkammer. An der Wand hängen alte Blasinstrumente, auf dem Tisch stapeln sich Bücher, Notizen, Fotografien. Mit ihm zu reden, ist ein intellektuelles Abenteuer. Wir beginnen beim Synthesizer, den der Medientheoretiker Friedrich Kittler konstruierte, und der Frage, ob er darin ein ganzes Denksystem eingelötet hat, kommen dann zu den Inuit, die die Radiofrequenzen der Nordlichter hören, und schließlich zu Sonntag im Park, seiner Arbeit in der KunstHalle. Auch hier geht es um ein historisches Gedächtnis, das sich in einen technischen Apparat eingeschrieben hat. Bei einem Aufenthalt in Mexiko-Stadt saß Sonntag in den Parks und hörte den „Organillos“ zu, die auf ihren alten Leierkästen Revolutionslieder dudelten: „Alle Instrumente waren völlig verstimmt, kaputt. Ich fragte, wie sie mit so einem Sound leben können. Sie antworteten: ‚Das ist doch Nostalgie, das ist schön, das ist der Sound der Revolution.‘ Wow! Da ist ein Apparat, in dem Musik eingelagert ist, und weil das Ding 100 Jahre lang nicht gewartet wurde, hat sich die Zeit in die Melodien – so sind zum Beispiel Töne verlorengegangen und Tonhöhen – mit ihren Verstimmungen eingeschrieben.“ Dann entdeckte Sonntag den Schriftzug einer großen Drehorgelbauer-Dynastie: „Harmonipan – Frati & Co, Schönhauser Allee 73“. Er erzählt, dass Ende des 19. Jahrhunderts über 3.000 Leierkastenmänner durch die Hauptstadt zogen und Deutsche dieses Modell zu Revolutionszeiten nach Mexiko brachten. „Sonntag im Park basiert auf den aufgezeichneten Drehorgelklängen“, sagt Sonntag. „Digital hat man die Möglichkeit, dass man in die Klänge reinfährt und sie wie ein Gummiband auseinanderzieht, ich kann einzelne Instrumente zerdehnen, damit die Zeit zum Gefrieren bringen.“ Während im Inneren der KunstHalle Sonntags gleichnamige Videoarbeit zu sehen ist, sind die verzerrten Revolutionsklänge durch eine Sound-Installation auf dem Boulevard Unter den Linden zu hören – wie ein vielstimmiges Echo schwingen sie quasi zu ihrem Ursprungsort Berlin zurück.

Ein „Requiem für das Ende eines Traumes“ wurde Anri Salas Videoarbeit Long Sorrow (2005) genannt – auch ein von Musik inspiriertes Werk, das in der Schau zu sehen ist. Protagonist ist der Free-Jazz-Musiker Jemeel Moondoc, der vor dem obersten Stock eines Wohnblocks im Märkischen Viertel zu schweben scheint und auf dem Saxofon improvisiert. Moondoc reagiert im musikalischen Muster des „Call and Response“ auf die Umgebung – eine Architektur aus Klang. „Er setzt sich mit diesen Fragen des Lesens, Schreibens und Überschreibens der Stadt auseinander“, sagt Sala und erzählt, dass es für ihn und Njami von Anbeginn klar war, dass dies der Beitrag zur Ausstellung sei. Die Arbeiten des in Albanien geborenen Künstlers werden rund um den Globus gezeigt. Auf die Frage, ob Kunst angesichts von Gentrifizierung und Xenophobie etwas verändern könne, antwortet er: „Ich glaube nicht, dass Kunst eine Lösung ist. Ich denke, sie ist einer der vielen Wege mit einer komplexen Gesellschaft umzugehen. Es scheint momentan so, dass die Leute sich selbst reduzieren und langsam den Reichtum ihrer eigenen subjektiven Erfahrungen aufgeben. In einer Zeit, in der die bestimmenden Diskurse häufig nicht interessant und manchmal eindimensional oder sogar gefährlich sind, ist die Kunst ein Nährboden für Subjektivität und hilft ihr, sich zu regenerieren.“

Was passiert, wenn die Debatten um Einwanderung und soziale Probleme in den großen Städten eindimensional werden, zeigt Laurence Bonvins Serie Blikkiesdorp, die sie 2009 in der Nähe der südafrikanischen Metropole Kapstadt aufnahm. Mitten in einer wüstenartigen Landschaft wurden hunderte von Blechhütten ohne Kanalisation errichtet, um soziale Randgruppen im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft 2010 aus der Stadt hierhin umzusiedeln. Bonvin traf zufällig auf das Camp. „Es hat eine sehr starke Präsenz“, erinnert sie sich, während sie in ihrer Kreuzberger Fabriketage die Bilder auf dem Tisch ausbreitet. „Man sieht das glänzende Wellblech, das irgendwie schön aussieht. Dann hat man diese rasterartige Anordnung der Häuser im Sand und darüber den blauen Himmel, was ebenfalls fantastisch aussieht. Dieser erste Eindruck ist allerdings sehr zwiespältig. Man spürt sofort, dass dies kein guter Ort ist.“ Bonvin erzählt, wie perfide diese Camps sind, die nur den Zweck haben, Menschen aus der Stadt zu entfernen: „Alle sind arm, keiner hat hier je eine Chance, Arbeit zu finden oder etwas anzubauen. Und es ist eine sehr gewalttätige und feindliche Umgebung.“ Ihre Bilder zeigen eine schreckliche, schöne neue Welt, die an diesem Berliner Sommertag sehr weit weg erscheint. Dabei gibt es nur unweit von ihrem Studio eine besetzte Schule mit Flüchtlingen aus Afrika. Zehntausende Menschen aus Krisengebieten werden in den nächsten Monaten versuchen, nach Europa zu kommen. Hunderttausende leben bereits hier – und schreiben mit an der Geschichte unserer Xenopolen.

XENOPOLIS
16.09. – 08.11.2015
Deutsche Bank KunstHalle, Berlin