Zärtlich, neugierig, voller Hoffnung
Thabiso Sekgala zeigte ein Südafrika jenseits der Klischees

Mit Thabiso Sekgala verlor die südafrikanische Fotoszene eines ihrer vielversprechendsten Talente. Seine einfühlsamen Aufnahmen dokumentieren die Härten des Lebens in den „Homelands“, aber auch den Stolz und Optimismus ihrer Bewohner. Vor kurzem wurde eine Auswahl von Sekgalas Fotoarbeiten für die Sammlung Deutsche Bank angekauft. Gerade ist er auch auf der Foto-Biennale „Rencontres de Bamako“ vertreten. Sean O’Toole erinnert sich an einen Künstler, der trotz seines frühen Todes ein beeindruckendes Werk hinterlassen hat.
Zur Fotografie fand er relativ spät: Thabiso Sekgala arbeitete noch in einem Fast Food Restaurant in Johannesbug, als er zufällig einen Fotografen kennenlernte. Der zeigte ihm, welche Möglichkeiten eine Kamera bietet. Der 25-Jährige war sofort Feuer und Flamme. Er schrieb sich 2007 beim Market Photo Workshop ein. Diese renommierte Schule wurde von David Goldblatt mitbegründet, dem wohl wichtigsten Chronisten der sozialen und politischen Entwicklungen in Südafrika. Bereits ein Jahr später schloss Sekgala seine Ausbildung ab. 2009 begann er dann mit der Arbeit an Homeland. Dieser visuelle Essay dokumentiert die Umgebung und die Verhältnisse, in denen der Fotograf aufwuchs, und markiert zugleich den Beginn seiner internationalen Karriere.

Geboren wurde Sekgala in Soweto, allerdings wuchs er bei seiner Großmutter in einer ländlichen Siedlung in der Nähe von Pretoria auf. Das Gebiet gehört zu KwaNdebele, einem damals noch teilweise autonomen Homeland, in dem ausschließlich Schwarze lebten. Seit den ersten demokratischen Wahlen 1994 gehört das Gebiet wieder zu Südafrika, doch wie so viele ehemalige Homelands ist auch diese Region noch immer chronisch unterentwickelt.

Hier begann er mit der Arbeit an seinem ersten Projekt. Er fotografierte vor allem die für die Region so typischen Backsteinhäuser mit ihren Blechdächern und porträtierte ihre Bewohner. Den Bauten widmete er dabei die gleiche Aufmerksamkeit wie den Menschen. Sein Porträt von Johanna Mthombeni zählt zu den besonders bemerkenswerten Bildern aus Homeland. Die junge Frau trägt eine blass gelbe Bluse und steht unter einem ebenfalls gelben, mit Rüschen besetzten Lampenschirm, der wie ein Schutzschild über ihr schwebt. Ähnliche Motive sollen später noch häufig in seinem Werk auftauchen.

2010 wurde Sekgala mit dem Tierney Fellowship ausgezeichnet. Das Stipendium für vielversprechende Nachwuchs-Fotografen ist nicht nur mit einer finanziellen Förderung verbunden. Die Preisträger werden auch ein Jahr lang von einem Mentor unterstützt. Sekgala arbeitete mit dem Magnum-Fotograf Mikhael Subotzky zusammen, der genauso alt war wie er, aber bereits international Karriere gemacht hatte. „Wir wurden Freunde, obwohl wir aus ganz unterschiedlichen Welten kamen”, erzählte er mir kurz nach Sekgalas Selbstmord im Oktober 2014. „Wir hatten trotzdem viele Gemeinsamkeiten.“ Subotzky, der dieses Jahr mit dem Deutsche Börse Photography Prize ausgezeichnet wurde, half Sekgala auch dabei, die Bilder für seine erste Einzelausstellung auszuwählen.

Und auch in dieser Auswahl tauchte es auf - das für Sekgala so typische Motiv der Schirme. Man war ihnen  bereits auf seinem Porträt von Johanna Mthombeni begegnet. Auf zwei der Arbeiten aus Homeland, mit denen er in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, fallen sie ebenfalls ins Auge: Zwei lachende Jungen laufen mit einem überdimensionalen roten Exemplar durch den Regen. Ein Schirm schützt einen Mann vor der Sonne, während er an einer Satellitenschüssel vorbeiläuft, die an einen riesigen Schirm erinnert. Die Bilder dokumentieren Sekgalas Blick für Alltagsszenen, die gleichzeitig symbolisch aufgeladen sind. So stehen die Schirme für Schutz und Geborgenheit. Seine frühen Arbeiten wirken in sich gekehrt und bieten doch einen kompromisslosen Blick auf die widersprüchlichen Nachwirkungen der südafrikanischen Geschichten. „In Homeland geht es mir darum, zu zeigen, woher ich persönlich komme aber gleichzeitig auch, woher wir als Land politisch kommen“, fasst er das Konzept dieser Serie zusammen.

Homeland wurde 2011 im Market Photo Workshop präsentiert und verschaffte Sekgala große Aufmerksamkeit. Schnell war er mit Arbeiten aus der Serie in wichtigen internationalen Ausstellungen vertreten, so etwa Okwui Enwezors Rise & Fall of Apartheid, die nach ihrem Debüt in New York auch in Paris, München und Johannesburg zu sehen war oder dem Festival PHOTOQUAI 2013 im Musée du quai Branly in Paris. Trotz seiner raschen Karriere versuchte Sekgala seine Fähigkeiten als Fotograf weiter auszubauen, anstatt sich wie so viele seiner jungen Kollegen mit einer Laufbahn als Foto-Reporter zufrieden zu geben.

So absolvierte er etwa die vom Goethe-Institut geförderte Pan African Master Class in Photography. Geleitet wurde der Workshop von dem Kurator Simon Njami, dessen Gruppenausstellung Xenopolis gerade in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen ist. Die Pan African Master Class findet alljährlich in einer anderen afrikanischen Stadt statt. Ich habe Sekgala bei der Ausgabe 2013 in Lagos kennengelernt. Er beeindruckte mich sehr. Zurückhaltend aber doch selbstbewusst präsentierte er seine Arbeiten einem prominenten Podium, zu dem neben Njami auch Tate Modern-Direktor Chris Dercon und der nigerianische Fotograf Akinbode Akinbiyi zählten. In Lagos präsentierte er Bilder, die voller Neugier auf das Leben in den Straßen von Amman, Berlin und Bulawayo blicken – Städte, die er während seiner Stipendien kennengelernt hat.

Akinbode Akinbiyi erlebte Sekgalas künstlerische Entwicklung aus erster Hand. „Thabiso nahm die Fotografie sehr ernst. Er hatte eine ganz klare Vorstellung von dem, was er mit seinen Bildern rüberbringen wollte“, erklärte er. Einmal erkundeten die beiden gemeinsam die Innenstadt von Johannesburg. Der Spaziergang endete in Sekgalas bescheidenem Apartment. „Aus dem Fenster seines Wohnzimmers blickte man auf von gepflegtem Rasen umgebene Häuser, die das Gefühl ökonomischer Sicherheit ausstrahlten,“ erinnert sich Akinbiyi. Doch für Sekgala schien diese Sicherheit in weiter Ferne zu liegen. Seine schwierigen finanziellen Verhältnisse haben sicher zum Selbstmord des Fotografen beigetragen und der Tod der geliebten Großmutter einen Monat zuvor war wohl ein zusätzlicher Auslöser.

Ab März 2013 lebte Sekgala für ein Jahr in Berlin – als Stipendiat KfW Stiftung im Künstlerhaus Bethanien. Am Ende seines Aufenthalts zeigte er in der Ausstellung Paradise eine Auswahl seiner vor Ort entstandenen Bilder. Darin ging es um Themen wie Heimat, die Identität von Migranten und Entfremdung, aber auch um das Alltagsleben in den Straßen der Hauptstadt. Selbstverständlich taucht das Motiv der Schirme wieder auf, etwa auf seinem Bild einer Gruppe von Jugendlichen, die sich unter einem Dach eines Gartenpavillons  traf.  Auch mit dieser, seiner ersten Einzelausstellung in Europa gelang es ihm nicht, größeres Interesse an seiner Arbeit zu erwecken, vor allem nicht bei kommerziellen Galerien. Doch spornte ihn das nur weiter an. Sekgala ging zurück nach Südafrika, um sich dort einem neuen Projekt zu widmen.

“Das Publikum möchte immer ein bestimmtes Bild von Afrika sehen“, erklärte der Fotograf kurz nach seine Rückkehr. „Ich denke aber, es gibt viel interessantere Dinge als dieses ganze negative Zeug, besser als Armut und Gewalt.“ Mit dieser Haltung widmete er sich einem schwierigen Thema, dem Leben in den Bergbau-Regionen. Seine Serie Second Transition beschreibt unter anderem auch die Stimmung in den Ansiedlungen rund um die Platinminen nördlich von Johannesburg. Im August  2012 fand hier das Massaker von Marikana statt. Ganz in der Näher der Oberlandleitungen, die auf den Second Transition-Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank zu sehen sind, wurden 34 streikende Minenarbeiter erschossen. Es war der bislang tödlichste Polizeieinsatz in der Ära nach Ende der Apartheid. Dreht sich die Serie also doch um Armut und Gewalt? Diese Thematik schwingt natürlich im Hintergrund mit, doch Sekgala zeigt eben nicht die üblichen Klischeebilder von prügelnden Polizisten oder sozialem Elend, verzichtet auf jede dramatische Zuspitzung. Ihn interessiert vor allem das Beiläufige und Alltägliche, die Solidarität untereinander. Dank ihrer stillen Würde sind seine Bilder meilenweit entfernt von den Aufnahmen der meisten Fotojournalisten, denen es vor allem um das Sensationelle geht. „In Homeland ging es mir um die politische und persönliche Bedeutung von Orten“, erklärte Sekgale dem Kurator Brendan Wattenberg. „ Second Transition beschäftigt sich dagegen mit der ökonomischen Bedeutung von Land in den Bergbau-Regionen.“ Aus seinen Sympathien macht der Fotograf dabei kein Geheimnis: Er ist ganz auf der Seite der Arbeiter.

Wegen der Eindringlichkeit seiner Bilder wird Sekgala im Gedächtnis bleiben. „Thabiso war sehr talentiert und immer bereit, sich um jedes Detail eines Projekts zu kümmern und hart zu arbeiten“, erzählte mir Akinbiyi nach dessen Tod. „Er hatte schon einen persönlichen, sehr einfühlsamen Stil entwickelt und experimentierte mit quadratischen Formaten und Farbe. Obwohl er noch jung war, versuchte er immer alles zu verstehen, worauf er seine Kamera richtete – das zu sehen, was hinter den Oberflächen liegt.“ Sekgalas Bedeutung für die afrikanische Fotoszene unterstreichen auch die Rencontres de Bamako. Im Rahmen der 10. Ausgabe dieser  Biennale für die Foto- und Videokunst des Kontinents wird eine Auswahl seiner Arbeiten gezeigt.

Sekgala steht für einen neuen Ansatz in der afrikanischen Fotografie. Er zählte sich, so die Kenianerin Mimi Cherono Ng’ok, mit der er zusammen gearbeitet hatte, zu einer „neuen Künstlergeneration“ mit einer „positiven Ansatz“. Aus ihren zahlreichen Gesprächen ist der jungen Fotografin an eines von Sekgalas Statements ganz besonders in Gedächtnis geblieben: „Wir versuchen beide unsere Umgebung abzubilden, ihre physische Beschaffenheit, aber auch ihren emotionalen Gehalt. Wir versuchen unseren Platz in der Welt zu finden und machen Bilder, die Orte, Bewegungen und neue Entdeckungen festhalten. Wir gehören zu einer Generation der Suchenden.“

Thabiso Sekgala wurde 1981 geboren und starb am 16 Oktober 2014. Er hinterließ einen Sohn und eine Tochter.

Rencontres de Bamako
Bamako, Mali
1.10. – 31.12.2015