Bunte Revolution:
International Pop im Dallas Museum of Art

Massenkultur, Cola Flaschen, sexuelle Befreiung: In Dallas zeigt eine von der Deutschen Bank geförderte Schau mit Werken aus 13 Ländern, wie international und vielfältig die Pop-Art tatsächlich war.
Bereits 1962 stellte der legendäre Kurator Henry Geldzahler fest, dass die Pop Art die Kunstgeschichte „auf der Stelle“ erobert hatte. Ihr weltweiter Siegeszug vollzog sich in Lichtgeschwindigkeit – nicht nur in Museen und der Kunstszene, sondern auch in der Konsum- und Massenkultur. „Pop“ wurde zum Begriff für ein neues Lebensgefühl, für all die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, die schließlich auch zu den Studentenrevolten 1968 und der sexuellen Revolution führten. „Die Kinder von Marx und Coca Cola“ lautete der Untertitel von Jean Luc Godards 1966 entstandenen Film „Masculin-Feminin“, der zum Schlagwort für eine ganze Generation avancierte.

Tatsächlich werden Cola-Flaschen, Marilyns und Rasterpunkte zu den Markenzeichen einer Kunstströmung, die heute ebenso zum Kanon gehört wie Kubismus oder Abstrakter Expressionismus. Doch während „Pop“ eine globale, kulturelle Erscheinung war, die auch Musik, Mode, Design und Architektur erfasste, und ganz eigene nationale Spielarten hervorbrachte, beschränkte sich die von Kritikern und Museen sanktionierte „Pop Art“ meist auf ein rein US-amerikanisches Phänomen mit britischen Ablegern. Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, auf der anderen Seite des Atlantiks Richard Hamilton und Peter Blake, dazu der zwischen London und Los Angeles hin- und her pendelnde David Hockney – so sieht für viele noch bis heute die in den 1960ern festgeschriebene Landkarte der Pop-Art aus.

„In diesen Jahren war es wie bei einem Fußballspiel“, äußerte der Frankfurter Künstler Thomas Bayrle, der Jahre vor Warhol Mao portraitierte, „ bei dem die eine Seite immer gewann, während die andere kein einziges Tor schießen konnte.“ Doch über ein halbes Jahrhundert später wendet sich das Blatt, zumindest retrospektiv. Bereits 2014 war Bayrle in der Frankfurter Schirn in German Pop zu sehen, einer groß angelegten Überblicksausstellung, die sich der deutschen Ausprägung widmete.

Jetzt sind seine Arbeiten auch bei International Pop mit dabei, einer Schau, die den Rahmen global absteckt und den Kanon der Pop Art neu definiert. Vom renommierten Walker Art Center in Minneapolis kommend, wird sie mit Unterstützung der Deutschen Bank nun im Dallas Museum of Art präsentiert – nahezu zeitgleich zu der Ausstellung The World Goes Pop, die in der Londoner Tate Modern einen sehr ähnlichen Ansatz verfolgt.

Das Interesse an übersehenen oder unterbewerteten Pop-Künstlern aus Japan, Südamerika oder Osteuropa ist offensichtlich groß. Das gilt auch für Positionen, die in den 1960ern gar nicht mehr so jung oder neu waren, anderen Kunstrichtungen zugerechnet wurden, aber erstaunlich „poppige“ Werke produzierten. Fünf Jahre arbeitete die Walker- Kuratorin Darsie Alexander mit ihrem Kollegen Bartholomew Ryan an dem Projekt. Wie sie erläutert, ging es ihr nicht um einen bestimmten Stil, um Amerika, oder festzustellen, wo und wann die Pop Art nun wirklich begann: „Wenn man sich die Dinge anschaut, die in den 1950ern und 1960ern geschrieben wurden, spürt man, dass jeder wusste, dass sich gesellschaftlich etwas unglaublich Neues in der Massenkultur und den Bildern tat, und jeder versuchte, das irgendwie zu beschreiben.“

In diesem Sinne ist International Pop grenzüberschreitend. Mit 125 Werken von über 100  Künstlern aus 13 Ländern vereint die Ausstellung die Klassiker des Pop, wie Ed Ruscha oder Tom Wesselmann mit internationalen Positionen, die sich damals eigentlich von der Pop Art abgrenzten: der japanischen Anti-Art, dem brasilianischen Neoconcretismo oder dem französischen Nouveau Réalisme.

Das Gefälle zwischen Warhol & Co und dem internationalen Pop wurde bereits bei den aufwändigen Vorbereitungen zur Schau auf paradoxe Weise spürbar. Die Werke der amerikanischen Pop-Heroen kosten auf Auktionen Summen zwischen 50 und 100 Millionen Dollar und waren aus versicherungstechnischen Gründen nur unter großen Schwierigkeiten zu bekommen. Währenddessen glichen Abstecher der Kuratoren in Länder wie Ungarn, Brasilien, Japan oder Argentinien regelrechten Entdeckungsreisen – Werke, die seit Jahrzehnten in Sammlungen oder Studios schlummerten, sind jetzt erstmals wieder für eine breite Öffentlichkeit zu sehen.

Das Ergebnis ist fantastisch. In Dallas treffen Ikonen wie Ed Ruschas berühmtes Tankstellenbild Standard Station, Amarillo Texas (1963) oder Roy Lichtensteins Comic- Adaption Look Mickey (1961) auf einen überraschend innovativen Popkosmos. Der reicht von dem Rauschenberg- artigen Mona Lisa Environment (1964) des  tschechischen Künstlers und Aktivisten Jirí Kolár, über die an den frühen Tom Wesselman erinnernden Interieur Bilder der Brasilianerin Wanda Pimentel bishin zu den grell-geometrischen Abstraktionen des japanischen Neo-Dadaisten Ushio ShinoharaInternational Pop zeigt nicht nur, dass die Grammatik der Pop Art internationaler definiert werden muss, sondern liefert auch jede Menge Stoff für weitere Ausstellungen: Viele der Künstler, die hier im Pop-Kontext gezeigt werden, haben komplexe, höchst eigenwillige Oeuvres erschaffen und wären auch ganz allein eine Retrospektive wert.
    

International Pop
11.10.2015 – 17.1.2016
Dallas Museum of Art