Ein Gefühl von Freiheit
Koki Tanaka im MACRO in Rom

Nach ihrer Premiere in der Deutsche Bank KunstHalle gastiert Koki Tanakas erste große Einzelausstellung jetzt im Museo d’Arte Contemporanea di Roma. Für diese Station wurde die Schau völlig neu konzipiert. Mit diesem Projekt setzt die Deutsche Bank ihre Kooperation mit dem renommierten Museum fort. Im MACRO waren bereits Ausstellungen der "Künstler des Jahres" Yto Barrada und Imran Qureshi sowie eine Werkschau mit Papierarbeiten von Tobias Rehberger aus der Unternehmenssammlung zu sehen.
„Bestimme einen Tag, an dem es keine Kämpfe, keine Konflikte und keinen Krieg gibt.“ „Schreibe einen ganzen Roman, bevor du zu Bett gehst.“ „Merk dir die Namen aller Menschen, die auf dieser Welt leben.“ Eine ganze Liste solcher Aufforderungen ist an der Wand am Eingang zu Koki Tanakas Ausstellung im Museo d'Arte Contemporanea di Roma (MACRO) zu lesen. Impossible Project lautet denn auch der Titel dieser Arbeit. Doch einige von Tanakas Anregungen ließen sich durchaus umsetzten: etwa „Liebe einen Freund, der dich schon öfter betrogen hat“ oder auch „Folge niemals der vorherrschenden Meinung und lasse in deinem Kopf verschiedene Meinungen zu“. Das ist schwierig, aber nicht unmöglich. „Wenn ich nur „realistische“ oder „realisierbare“ Projekte konzipieren würde, dann würde ich gleichzeitig meine Imagination begrenzen“, erklärt der Künstler. „Natürlich sind wir umgeben von lauter Dingen, die uns einschränken – etwa die ökonomische oder politische Situation, aber auch die Gesetze der Physik. Doch davon sollten wir uns nicht begrenzen lassen. Gerade Ideen, die nur in unserer Vorstellungskraft existieren, können sehr befreiend wirken.“

Und es ist dieses Gefühl von Freiheit, das das Werk des „Künstlers des Jahres“ 2015 und seine Schau im MACRO prägt. Der Mut zum Experiment, zu dem auch der Mut zum Scheitern gehört. So startete Tanaka zu seiner Ausstellung in der KunstHalle die Aktion Free Books, Free Knowledge. Über das Internet bat er die weltweit rund 100.000 Mitarbeiter der Deutschen Bank darum, ihm ein Buch zu schicken, das eine Idee enthält, wie man „den zerstörten gesellschaftlichen Zusammenhalt wiederherstellen kann“.  In Rom zeigt ein großformatiges Foto, wie Tanaka die eingesendeten Bücher vor der KunstHalle an Interessenten verteilt und damit die Ideen weitergibt. Trotz der verhaltenen Resonanz zeichnet auch diese Arbeit ein leiser, für Tanakas Arbeiten typischer Optimismus aus. „Bei diesen Kollaborationen geht es immer auch um „Trial and error“, das Prinzip von Versuch und Irrtum“, erklärt der Künstler. „Aber selbst wenn wir dabei hundert Mal scheitern, können wir schließlich doch etwas erreichen. Das ist der einzige Weg, wie wir eine bessere Welt erschaffen können.“ Gerade dieser utopische Moment ist es, der seiner Kunst ihre Relevanz verleiht – in einer Welt, die augenblicklich immer stärker aus den Fugen zu geraten scheint.

Viele der Werke, die jetzt im MACRO gezeigt werden, waren zuvor auch in Berlin zu sehen. Doch der Künstler hat sie in Rom neu miteinander kombiniert und mit anderen Arbeiten ergänzt. Das Ergebnis ist eine im Vergleich zu ihrer Premiere in der KunstHalle völlig veränderte Schau, in der sich ganz andere Querverbindungen zwischen den Exponaten ergeben. Darauf spielt auch der geänderte Titel an: A Vulnerable Narrator, Deferred Rhythms – der Rhythmus der Schau hat sich in Rom sozusagen „verschoben“. Eine Ausstellung ist für Tanaka nichts Festgefügtes, sondern etwas Organisches, eine soziale Skulptur: Workshop statt Werkschau. An schräg in den Raum gestellten, mit Sandsäcken stabilisierten Sperrholzgestellen dokumentieren Fotografien und sehr persönliche Texte Tanakas Aktionen. Zeichnungen, die auf seine künstlerischen Vorbilder und Inspirationsquellen verweisen, und Videomonitore sind auf wandfüllenden Fotoarbeiten angebracht. Die Ausstellung gleicht einer Mischung aus Installation, Labor und Archiv. Die Bilder, Töne und Objekte verdichten sich zu einem Gesamtkunstwerk.

Zu den neuen Arbeiten zählt etwa We Found Something When We Lost Other Things (Wir haben etwas gefunden, als wir andere Dinge verloren haben), die 2012 während eines Arbeitsstipendiums in Rom entstand. Der Diebstahl seines Portemonnaies brachte Tanaka auf die Idee, sieben leere Koffer an verschiedenen Straßenecken zu deponieren. Er versah sie mit einem Adressaufkleber und der Bitte, den Koffer dort abzugeben. Nur ein Exemplar fand den Weg zurück. Doch auch das sieht der Künstler mit Gelassenheit. In dem Text zu dieser Aktion schreibt Tanaka, dass diese verloren gegangenen Koffer jetzt vielleicht von einem der Obdachlosen oder einer Theatergruppe, die er bei seinen Streifzügen durch die Stadt beobachtet hatte, genutzt werden.

Neue Perspektiven auf den Alltag zu entwickeln – darum geht es Tanaka seit dem Beginn seiner künstlerischen Arbeit. Das dokumentieren auch die frühen Videos, die 2006 für die Biennale in Taipeh entstanden. Gemeinsam mit seinen beiden Assistenten zeigt er, was man mit Eimern, Kleiderbügeln, Plastikbechern, Besen oder Schirmen jenseits ihrer üblichen Verwendung so alles anstellen kann. Spielerisch erkunden sie neue, bislang verborgene Potentiale in den Dingen.

Als Reaktion auf die Nuklearkatastrophe von Fukushima wird Tanakas Kunst politischer. Statt mit Alltagsgegenständen experimentiert er heute mit sozialen Beziehungen. Precarious Tasks nennt er diese Aktionen, bei denen Menschen gemeinsam etwas tun. Tanaka erforscht, wie sich Gruppen verhalten, wie Menschen miteinander verhandeln, wie sie scheitern und dann erneut zusammenkommen. „In meinen Projekten geraten die Teilnehmer in eine Situation, in der sie wirklich darüber nachdenken müssen, was Zusammenarbeit für sie bedeutet“, erklärt Tanaka. „Durch diese temporären Gemeinschaften können wir einen Blick auf uns selber werfen.“ Und darin liegt auch ein utopisches Potenzial – dank seiner Aufgaben können wir alternative, sozialere Formen von Gemeinschaft nicht nur erträumen, sondern auch erfahren.


Koki Tanaka: A Vulnerable Narrator, Deferred Rhythms
01.10.-15.11.2015
Museo d’Arte Contemporanea di Roma