Starke Bilder
„Die 80er. Figurative Malerei in der BRD“ im Städel

Viel mehr als nur wild: In Frankfurt wirft eine große, von der Deutschen Bank geförderte und mit Leihgaben aus ihrer Sammlung unterstützte Ausstellung einen frischen Blick auf die Maler-Rebellen der 1980er – und stellt eine ganze Generation neu zur Diskussion.
Diese Malerei schlug in den frühen 1980ern in der internationalen Kunstwelt ein wie ein Blitz. Salomé, Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Elvira Bach, Albert Oehlen – sie alle werden innerhalb kürzester Zeit zu Stars, die für ein neues Deutschland stehen: rebellisch, radikal, provokant. Doch die Aufregung um die Maler vom Moritzplatz in Berlin oder die „Mülheimer Freiheit“ in Köln kühlte fast so schnell ab wie Sommerluft nach einem Gewitter. Während einige wenige wie Kippenberger und Oehlen den Kunstdiskurs weiter mitbestimmten, wurde die neo-expressive Malerei zwar gehandelt und ausgestellt, aber kaum diskutiert. Vielen gilt sie noch immer als reines Zeitgeistphänomen: Zu oberflächlich, zu rückwärtsgewandt, zu wenig konzeptionell, heißt es seit den späten 1980ern. „Wir haben es mit einer Künstlergeneration zu tun, die in einem klar definierten Zeitraum durch die Wucht ihres Auftretens und die Neuheit ihrer Malerei für ein ungeheuer kontroverses Echo sorgte“, erklärt Martin Engler, der Kurator der Ausstellung. „Gleichwohl gibt es bis heute keine schlüssige Narration, die diese Bilder sinnstiftend mit dem Davor und Danach verknüpft.“
Das ändert sich jetzt. Nachdem dreißig Jahre nur Wenige genauer hinschauten, holt das Frankfurter Städel die Bilder dieser Ära zurück ins kunsthistorische Rampenlicht. Und der Auftritt ist groß: Über 100 Werke von insgesamt 27 Künstlern und Künstlerinnen werden gezeigt, unter anderem Ina Barfuss, Werner Büttner, Walter Dahn, Rainer Fetting, Martin Kippenberger, Helmut Middendorf, Salomé oder Andreas Schulze. Zu Tage tritt eine Generation, die nach den konzeptlastigen, minimalistischen 1970ern nicht nur die Rückkehr der Bilder forderte, sondern die Revolution, die sich in der Gesellschaft vollzog, auch in die Malerei bringen wollte. Sexuelle Befreiung, Häuserkampf, Punk: Ende der 1970er sind Großstädte wie Berlin, Köln und Hamburg in Aufruhr. Und ebenso vielfältig und widersprüchlich wie die urbane Szene sind auch die Vertreter der Malerei, die aus ihr erwächst. Die Ausstellung wirft einen differenzierten Blick auf die einzelnen Szenen, die völlig unterschiedliche Malereiansätze und Mentalitäten hatten: die ironisch-kühlen Hamburger, die körperlich-expressiven Berliner und die Kölner, die eher von Art Brut inspiriert waren.

Dabei führt die Reise durch verschiedene Themensektionen. Den Auftakt bildet das klassische Genre der Porträtmalerei. Albert Oehlens Selbstportrait mit Palette (1984), Werner Büttners Selbstbildnis im Kino onanierend (1980) oder Luciano Castellis Berlin Nite (1979) zeigen auch die intensive, kritische Auseinandersetzung mit dem Medium Malerei. Der Konfrontation mit dem Künstler-Ich folgt der Blick auf das eingemauerte Berlin und die Galerie am Moritzplatz, die 1977 von Fetting, Middendorf, Salomé und Bernd Zimmer in Kreuzberg gegründet wurde. Die Stadt jenseits von Bundeswehr und konservativer Provinz wurde zum zentralen Motiv dieser Maler, die aus den westdeutschen Bundesländern hergekommen waren. Fettings Mauerbilder könnte man heute als politisches Statement verstehen. Doch für ihn war die Mauer zunächst einmal Alltag und der Blick aus dem Atelierfenster. Während Künstler wie Fetting oder Middendorf die Architektur ihrer Stadt thematisieren, erkundet Zimmer mit seinen Landschaftsbildern die Grenzen zwischen Figur und Abstraktion. Die wichtige Rolle von Punk und Subkultur wird in Bildern wie Middendorfs Electric Night (1979) sichtbar: „Elektrisiert“ sind hier nicht nur die schematisch dargestellten Figuren im bunten Dschungel der Nacht, elektrisiert ist gleichermaßen die Malerei.
Die „elektrisierten Großstadteingeborenen“ kehren in Fettings Große Dusche (1981) als Aktmodelle wieder. Das Gemälde eröffnet die Sektion, die dem Körperdiskurs gewidmet ist. Salomé konfrontiert hier den Betrachter mit radikalen homoerotischen Akt-Darstellungen. Daneben stehen Bilder wie die mystisch anmutenden Arbeiten Christa Nähers, in denen sich Zwitterwesen aus Tier und Mensch begegnen. Erstaunlich offen und provokant berührt die Malerei jener Zeit Gender-Fragen und gesellschaftliche Normen.

Noch deutlicher wird die politische Haltung der Maler-Rebellen im oberen Stockwerk des Städel. Neben Ikonen wie Albert Oehlens Führerhauptquartier (1982) ist hier auch Hans Peter Adamskis Bildnis MAO (1983) zu sehen. Der Umgang mit geschichtsträchtiger Symbolik ist häufig auch ironisch, wie bei Kippenbergers zentralem Werk Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken (1984). Das zugleich sichtbare wie unsichtbare Hakenkreuz unterminiert, hinterfragt und ironisiert das politische Symbol gleichermaßen. Die in dieser Sektion der Schau ausgestellten Werke verdeutlichen: das Politische der Bilder ist nur eines unter verschiedenen thematischen Versatzstücken, die beständig changieren und neue Bedeutungen herstellen.

Die Bilder der Hamburger Szene um Werner Büttner, Georg Herold, Martin Kippenberger sowie Albert und Markus Oehlen schließen an den politischen Diskurs an. Die Gruppe verbindet vor allem die Nähe zu Sigmar Polkes Akademie-Klasse in Hamburg und der Galerie von Max Hetzler. Während die Berliner einen bewusst direkten Zugang zur Malerei pflegten, ist der Ansatz der Hamburger Künstler eher gebrochen und stellt Bild, Sujet und Inhalt beständig infrage.

Es schließt sich der dritte geografische Raum an: Die „Mülheimer Freiheit“ um Peter Bömmels, Walter Dahn und Jiří Georg Dokoupil arbeitete ab 1980 in einem Gemeinschaftsatelier in der Straße in Köln-Deutz, nach der sie ihre Gruppe benannten. Dahn hielt die Entstehung dieses Zusammenschlusses in seinem Bild Die Geburt der Mülheimer Freiheit (1981) auf Leinwand fest. Die „Mülheimer Freiheit“ pflegte einen gezielt ästhetisierenden Dilettantismus, der in archaischen, häufig an Outsider Art erinnernden, immer aber malerisch faszinierenden Arbeiten zum Ausdruck kommt. Die Arbeiten der „Mülheimer Freiheit“ vergegenwärtigen auf besonders anschauliche Weise den Stilpluralismus, der die neue Figuration um 1980 prägte. Der kritische Blick zurück, den das Städel jetzt wagt, zeigt, wie unterbewertet diese Ära der deutschen Malerei ist und wie sehr sie doch mit ihren anarchischen Strategien die nachfolgende Generationen geprägt hat.

Die 80er. Figurative Malerei in der BRD
22.07. – 18.10.2015
Städel Museum, Frankfurt