Eine subtil hinreißende Anthologie
Die Presse über „Checkpoint California“ und „Photo-Poetics“

Gleich zwei bedeutende Institutionen waren diesen Sommer in der Deutsche Bank KunstHalle zu Gast: Mit  „Checkpoint California“ feierte die Villa Aurora  ihr 20-jähriges Jubiläum als Künstlerhaus. Und die Guggenheim Foundation präsentierte die Schau „Photo-Poetics“. Für viele Journalisten zählten die beiden Ausstellungsprojekte zu den Höhepunkten des Berliner Kunstsommers.
In den 1940er Jahren trafen sich in der Villa Aurora deutsche Exilanten wie Thomas Mann oder Bertolt Brecht. Heute beherbergt sie internationale Künstler. Von der Bedeutung des Hauses als transatlantischen Austauschs zeugten auch zwei prominente Gäste in der Deutsche Bank KunstHalle: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier und der amerikanische Botschafter John B. Emerson sprachen zur Eröffnung von Checkpoint California, der Ausstellung, mit der die Villa Aurora ihren 20-jähriges Jubiläum als Künstlerhaus feierte. Die Schau und ein Rahmenprogramm aus Konzerten, Performances, Lesungen, Filmvorführungen und Diskussionen dokumentierten, wie die kreative Atmosphäre dieses  „wahres Schlosses am Meer“, so Thomas Mann, ganz unterschiedliche Stipendiaten inspiriert hat.

Der Tagesspiegel widmete der Geschichte der Villa Aurora und der Ausstellung einen ausführlichen Artikel. „Es gibt – leider – viele Parallelen zwischen unserer Zeit und damals“, so zitiert Fabian Federl die Checkpoint California-Kuratorin Alexandra von Stosch. „Flucht und Exil, das ist wieder sehr aktuell.“ Für Ina Beyer vom SWR ist das Haus ein „auratischer Ort, zu dem sich wohl jeder Künstler, der für ein paar Monate in die Villa einzieht, verhalten möchte und muss. Denn der Geist der Feuchtwangers und ihrer illustren Gäste der vierziger Jahre, von Adorno über Brecht bis zu Fritz Lang oder Max Reinhardt, weht sicher noch durch das Haus.“ Die Ausstellung ist „die Feier eines Austausch- und Vermittlungsprozesses, der seit zwei Jahrzehnten erfolgreich gestaltet wird.“ Die art stellte Checkpoint California in ihrer Rubrik „Gib mir Fünf“ vor, in der das Kunstmagazin auf die besten Ausstellungen der Woche hinweist, und auch die beiden wichtigsten Berliner Stadtmagazine tip und zitty empfahlen einen Besuch der KunstHalle.

Von einer „starken Ausstellung“ spricht Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung und begeistert sich besonders für Christian Jankowskis Video 16 mm Mystery, das “einem den Atem stocken lässt.“ In Kalifornien lassen sich die „Auswüchse“ des amerikanischen Traums „wie unter einem Vergrößerungsglas wahrnehmen“, schreibt Angela Hohmann in der Berliner Morgenpost. Die Künstler der Ausstellung „betreten eine Art Transitbereich, der ihre Wahrnehmung verändert. Kalifornien wird dabei zum Ort des Innehaltens und Reflektierens, zum Checkpoint California.“ Für Jan Russetzki von der taz gleicht die Kunsthalle einem „Setting von Träumen und Utopien, vom Umgang mit dem American Dream, seiner Ambiguität und der Identität.“ Die Arbeiten „zeigen die Ambivalenz von konstruierten Wunschbildern Kaliforniens.“      

Mit Photo-Poetics setzte die Deutsche Bank ihre Partnerschaft mit der Guggenheim Foundation fort. Die Schau, die ab November auch im New Yorker Guggenheim Museum zu sehen ist, präsentiert eine jüngere Generation konzeptuell orientierter Künstler, die sich mit dem Wesen und der Tradition der Fotografie beschäftigen. Eine „subtil hinreißende Anthologie“, so charakterisiert Irmgard Berner die Ausstellung in der Berliner Zeitung. „Luftig verdichten sich in den weißen, offen in die Halle eingebauten Raumkojen die Foto- und Videoarbeiten, die die Kuratorin Jennifer Blessing vom New Yorker Guggenheim Museum eigerichtet und sinnfällig als Anthologie betitelt hat. (…) Die Schau ist ein Seh- und Leseerlebnis.“

„Inne halten und richtig hinschauen“, empfiehlt Sindy Hübsch in Ticket, der Veranstaltungsbeilage des Tagesspiegel. „Hier muss man sich auf die Fotografie einlassen, sie eingehend betrachten, um sie zu entschlüsseln. Ein Erlebnis, das die Frage aufwirft, was Fotografie eigentlich ist.“ Das sieht Peter Raue in der BZ ganz ähnlich. In der KunstHalle „gibt es eine Ausstellung, die mich fasziniert, obwohl oder weil sie nicht einfach und schnell zu konsumieren ist. (…) Hier ist die Tiefe gerade nicht an der Oberfläche versteckt, sondern der Betrachter muss in diese Werke wirklich einsteigen. Eine lohnende Sucharbeit mit herrlichen Fundstücken.“

Eine „kluge Ausstellung“ urteilt Gabriela Walde in der Berliner Morgenpost, ein „längerer Blick lohnt sich“ schreibt der Szene-Blog Mit Vernügen, „ein sehenswertes Panorama im Spannungsfeld zwischen digitalen Innovationen und nicht mehr verwendeten Foto-Techniken“ heißt es bei art in berlin. Das Online-Kunstmagazin Ocula empfielt die Schau ebenso wie der Design-Blog livegreen, tip und zitty.

 „Die Ausstellung Photo-Poetics fordert den Betrachter auf, einen heute eher unüblichen Bildbetrachtungsmodus einzunehmen: den des Lesens“, schreibt die art. Dem schließt sich Jan Russezki in der taz an: Die „postdigitale Konzeptkunst“ fordert dazu auf, „fotografische Werke zu lesen, statt sie nur zu überfliegen.“ Sein Fazit: „Jede Position ist es wert, studiert zu werden.“ Von einer „leisen, sehenswerten Ausstellung“ spricht Christiane Meixner im Tagesspiegel. „Sie macht eines deutlich: Die digitale Epoche ist längst nicht das Ende einer sinnlichen, poetischen Sprache der Fotografie.“