Painting for Peggy: Wie Jackson Pollocks „Mural“
die Kunstgeschichte revolutionierte

Die Restaurierung von Jackson Pollocks Meisterwerk gleicht einer Wiedergeburt. Jetzt ist „Mural“ mit seinen leuchtenden Farben in der Deutsche Bank KunstHalle in Berlin zu sehen. Sebastian Preuss hat sich auf die Spuren des Jahrhundertbilds begeben.
Ungeduldig wartete Peggy Guggenheim auf ihr Bild. Im Sommer 1943 hatte die exzentrische Sammlerin und Mäzenin ein Wandgemälde bei dem damals noch kaum bekannten Maler Jackson Pollock in Auftrag gegeben – sechs Meter breit und zwei Meter vierzig hoch. Das Mural, so heißt es bis heute, sollte die Eingangshalle ihres neuen Apartments schmücken. Zuvor hatte Guggenheim mit ihrem Ehemann, dem Surrealisten Max Ernst, in einem Townhouse am Beekman Place logiert. Seit ihrer Rückkehr aus Europa im Sommer 1941 trafen sich dort André Breton, Marcel Duchamp, Yves Tanguy, Piet Mondrian, Fernand Léger und viele andere Künstler und Intellektuelle, die vor Hitler und dem Weltkrieg geflohen waren. Nach der Trennung von Ernst, der sich in die junge Künstlerin Dorothea Tanning verliebt hatte, war Guggenheim in ihr neues, spektakuläres Domizil an der East 61st Street gezogen.

Ein halbes Jahr nach dem Auftrag, im Winter 1943, brachte Pollock schließlich das langerwartete Bild. Doch die Hängung erwies sich als schwierig. „Hysterisch rannte er in meine Wohnung hinauf und begann aus allen Flaschen zu trinken“, erinnert sich Peggy Guggenheim in ihrer Autobiografie. „Alle paar Minuten rief er mich im Museum an und verlangte, ich solle heimkommen und ihm helfen, das Bild aufzuhängen. Einmal war er so betrunken, dass er sich auszog und splitternackt in eine Party platzte, die meine Mitbewohnerin Jean Connolly gerade im Wohnzimmer gab. Marcel Duchamp und ein Handwerker retteten uns endlich aus der Not und hängten es auf.“


FAKT & FIKTION: Pollock und der Jazz

Immer wieder sind Jackson Pollocks Drip Paintings mit Cool Jazz und Bebop in Verbindung gebracht worden. In den gestisch-abstrakten Bildern sah man das visuelle Pendant zur Musik, die die Fifties prägte – dieselbe Freude an der Improvisation, dieselben komplexen rhythmischen Strukturen. Pollocks Mural vibrierte bereits 1943 von musikalischer Energie und noch 1960 sollte eines seiner Drip Paintings das Cover von Ornette Colemans Klassiker Free Jazz zieren. Doch entgegen der Legende war Pollock kein Fan der Avantgarde. Zu seiner Plattensammlung gehörten vor allem Stücke aus den 1920er- und 1930er-Jahren und Interpreten wie Louis Armstrong und Cab Calloway. Auch die Vorstellung, dass Pollock zu lauten Jazzklängen um seine liegenden Leinwände tanzte, ist reine Fantasie: Im Studio gab es weder Grammophon noch Strom. Dennoch war Jazz in seinem Leben allgegenwärtig. Er besuchte Clubs und hörte zuhause tagelang Platten, bis seine Frau Lee Krasner „die Wände hochging“. Für Pollock, so sagte sie, war Jazz „das einzig Kreative, das in diesem Land passiert“.


Ganz New York wollte nun das Wandbild sehen, und die meisten Besucher erkannten sofort, dass hier eine radikale, bislang nicht gesehene Form von Malerei entstanden war. Die physische Wucht, mit der Pollock malte, überträgt sich auf den Betrachter und absorbiert ihn förmlich. Je länger man schaut, desto mehr wird man Teil der dramatisch verschlungenen Konturen in Grün, Blau, Rot, Rosa und Schwarz, der auf die Leinwand geworfenen Gelb- und Weißfetzen und dem zart aufgebrachten Netz von Schlieren und Farbspritzern. Wie nach einer gewaltigen Eruption breiten sich die Formen und Farben auf der Fläche aus. Es gibt keinen Anfang und kein Ende, kein Oben und kein Unten: die erste monumentale Allover-Komposition. Ein folgenreicher Durchbruch, der nicht nur die Nachkriegsmoderne in Amerika prägte.

Dennoch ist Mural von Pollocks großen Meisterwerken das unbekannteste. Denn es hängt, fernab von den meisten großen Kunstmetropolen, in Iowa City. Guggenheim schenkte es 1948 mit einigen anderen Werken der dortigen Universität, nachdem sie New York endgültig hinter sich gelassen hatte und in ihr geliebtes Venedig gezogen war. Mit der Schenkung würdigte sie das engagierte Kunstausbildungsprogramm in der kleinen, abgelegenen Stadt. Zugleich ging es ihr darum, Pollocks Werk überall in den USA bekannt zu machen – also auch im Mittleren Westen.

Jetzt ist Mural vier Monate lang in Berlin zu erleben. Die Ausstellung in der Deutsche Bank KunstHalle kreist um die Entstehung, die Quellen und die Nachwirkungen dieses legendären Gemäldes. Das University of Iowa Museum of Art (UIMA) reagiert mit dem Gastspiel nicht zuletzt auf eine Hochwasserkatastrophe, die 2008 das Museumsgebäude zerstörte. Die Sammlung wurde gerettet, kann seither aber nur in Ausweichquartieren gezeigt werden. Während ein neues Domizil entsteht, nutzte das UIMA die Zeit zu einer achtzehnmonatigen Reinigung und Restaurierung von Pollocks Bild, durchgeführt im Getty Conservation Institute in Los Angeles. Vor allem durch die Entfernung des Firnis, der bei einer vorhergehenden Restaurierung 1973 aufgetragen wurde, blüht das Bild jetzt wieder auf. Es ist so etwas wie eine Wiedergeburt: Die Ölfarben haben ihre alte Strahlkraft zurückgewonnen, zwischen Konturen in Grün und Schwarz funkeln die gelben Einschüsse. Es geht um Expression und Bewegung, um Rasanz und Dynamik – und letztlich um eine völlig neue Art des Sehens. Die schiere Monumentalität der Leinwand treibt alle Eindrücke auf die Spitze. Erst nach und nach erkennt man, dass die Pinselstriche und die fragmentierten Farbflächen in ihrem hektischen Rhythmus von rechts nach links drängen – von Osten nach Westen, in die amerikanische Weite, laut einer der zahllosen Deutungen von Mural. Pollock selbst lieferte dazu einen Hinweis: „Ich hatte eine Vision: eine Stampede“, erzählte er Freunden später über die Entstehung des Wandbilds, „jedes Tier im amerikanischen Westen, Rinder und Pferde und Antilopen und Büffel. Alles lastet auf dieser verdammten Oberfläche.“ Pollock wuchs in Wyoming auf und thematisierte in seiner Malerei immer wieder den weiten Raum der Prärie, die ungebändigten Kräfte der Natur, denen auch der Mensch dort trotzen muss, und die Ursprünglichkeit Amerikas als Gegenbild zur europäischen Kultur.

Nach Mural war in der amerikanischen Kunst nichts mehr wie zuvor. Der Kritiker Clement Greenberg schwärmt: „Ich dachte beim ersten Blick: Das ist jetzt große Kunst. Und ich wusste, Jackson war der größte Maler, den das Land je hervorgebracht hatte.“ Greenberg wurde zum wortmächtigsten Apostel von Pollock und der New York School, der abstrakt-expressiven Malerei, mit der Amerika nach dem Krieg die künstlerische Vorherrschaft Europas brach. Aber ohne das Erlebnis der Moderne aus Europa ist Pollocks Kunst nicht zu denken.

In dem kleinen Ort Cody kommt Jackson Pollock 1912 in ärmlichen Verhältnissen zur Welt. Schon früh hat er Alkoholprobleme, leidet unter Depressionen. Ab 1930 studiert er Kunst in New York. Das wenig eigenständige Frühwerk schwankt zwischen expressiv-mystischen Landschaften und einer Figurendramatik, wie Pollock sie bei den mexikanischen „Muralistas“ bewundert. Auf der Suche nach Ursprünglichkeit greift er die Formen von Masken und Malereien der Indianer auf. Zudem unterzieht er sich der Psychoanalyse bei zwei Schülern C.G. Jungs. Die prägendsten Einflüsse aber kommen von den europäischen Künstlern, deren Werke zunehmend in New York präsent sind. Pollock eignet sich die biomorphen Traumgebilde der Surrealisten an; mehr noch bewundert er die gerundeten Farbflächen Joan Mirós und die fragmentierten, zerrissenen Figuren Picassos.

Aus all dem entwickelt er eine flackernde Formensprache, voller gestischer Dramatik und zunehmend freier im improvisierten Fluss der Linien und Formationen. Im Jahr 1943 überzieht er die gepinselten Farbschlieren erstmals mit einem Netz aufgetropfter Linien und Spritzer. Auch diese Drip-Technik, später Pollocks Markenzeichen und sein wichtigster Beitrag zur Geschichte der Moderne, stammt wohl von den Surrealisten im New Yorker Exil: Bei einer Performance im Wakefield Bookshop lässt Ernst 1942 aus einer durchlöcherten Dose, die er an einer Schnur in kreisende Bewegung bringt, Farbe auf die Leinwand tropfen.

In diesem Umfeld wurde Guggenheim auf Pollock aufmerksam. Seit 1921 hatte sich die Erbin vor dem Puritanismus der New Yorker Geldaristokratie ins Boheme-Leben Frankreichs und Englands geflüchtet. Wo sie nur konnte, brüskierte sie die bürgerlichen Konventionen. Für viele Literaten und Künstler war sie eine treue Freundin und großzügige Unterstützerin. Auf Anregung von Samuel Beckett, mit dem sie eine glücklose Liebesbeziehung verband, begann sie 1937 Gegenwartskunst zu sammeln. Duchamp war einer der Ideengeber für ihre erste Galerie, die sie 1938/39 in London unterhielt. Danach betrieb sie in Paris mitten im Krieg den Aufbau ihrer berühmten Sammlung mit allen wichtigen Künstlern der Moderne: Täglich erwarb sie ein Werk. Dabei wurde sie von Howard Putzel, einem Kunsthändler und Avantgarde-Verfechter aus Kalifornien, beraten. Im Sommer 1941 wurde die Situation in Frankreich für sie als Jüdin zu bedrohlich und sie floh mit ihren beiden Kindern, der neuen Liebe Max Ernst, einigen Künstlerfreunden und den Bilderkisten nach New York.

Zurück in ihrer Heimatstadt richtete sie in einem zweigeschossigen Loft ein Museum für ihre Sammlung ein, genannt Art of This Century. Für die surrealistische Abteilung entwarf der Architekt Friedrich Kiesler eine Art Tunnel aus gebogenem Eukalyptusholz. Die Bilder hingen an Baseballschlägern, die aus der Wand ragten; davor saß man auf biomorphen Sesseln, die aussahen wie von Dalí gemalt. In einem eigenen Raum wurde junge, vor allem amerikanische, Kunst gezeigt und auch verkauft.

In den nur fünf Jahren ihres Bestehens veränderte Art of This Century die amerikanische Kunstszene nachhaltig, vor allem durch Guggenheims Engagement für die junge Kunst des eigenen Landes. Putzel, der Guggenheims Galerie leitete, empfahl ihr Jackson Pollock, und nach anfänglichem Zögern wurde der Maler zu ihrem wichtigsten Schützling. Sie unterstützte ihn mit einem monatlichen Vorschuss von 150 Dollar, widmete ihm mehrere Ausstellungen und setzte alles daran, seine Bilder an Sammler und an das Museum of Modern Art zu verkaufen. Putzel drängte sie zur Beauftragung des Wandbildes, weil er sich davon erhoffte, dass Pollock die noch gezähmten und ungelenken Kräfte seiner kleinen Bilder im großen Format endlich ausleben könnte. Genauso kam es auch, nachdem der Maler lange vor der leeren Leinwand gebrütet hatte. Es ist ein Mythos, dass er Mural in einer Nacht in einem einzigen Energieausbruch geschaffen habe. Mittlerweile weiß man es dank genauer Untersuchung der Leinwand besser: Zwar entwarf Pollock offenbar in einem Zug eine dynamische Grundstruktur, danach aber arbeitete er über Monate in mehreren Durchgängen daran.

Erstmals lebte Pollock den physischen Akt des Malens so radikal aus. Das ebnete den Weg für seine späteren „Maltänze“ um die auf dem Boden liegende Leinwand. Mural wurde zum Durchbruch sowohl für Pollocks Werk als auch für die gesamte Strömung des Abstrakten Expressionismus. Die lodernden Formen, die er vorher nur halbherzig erprobt hatte, entfalteten sich hier erstmals in dieser Freiheit. Auf der enormen Fläche fand Pollock zu sich selbst, zur explosiven Kraft seiner späteren Drip Paintings.

Peggy Guggenheims Persönlichkeit war der von Jackson Pollock diametral entgegengesetzt. Sein unbändiges, zuweilen auch brutales Verhalten, besonders aber sein unmäßiger Alkoholkonsum, stießen sie ab. Dennoch entstand eine folgenreiche Beziehung. Der ungehobelte Maler aus Wyoming und die Exzentrikerin aus der New Yorker Geldwelt: Hier trafen zwei Außenseiter aufeinander, die gemeinsam die Kunstgeschichte revolutionierten.


Jackson Pollock’s “Mural”: Energy Made Visible
Deutsche Bank KunstHalle
25.11.2015 – 10.04.2016