Bhupen Khakhar: Die Wahrheit malen
Ein Interview mit der Kuratorin Nada Raza

Bhupen Khakhar gilt als einer der bedeutendsten Maler Indiens. Der Autodidakt malte das, was vor ihm noch niemand gezeigt hatte: den Alltag der indischen Mittelschicht, aber auch intime Szenen, die um Sexualität, Krankheit und Sterben kreisen. Gemeinsam mit Anish Kapoor nahm er 1992 als erster indischer Künstler an der documenta teil. Dennoch ist Khakhar in Europa kaum bekannt. In diesem Herbst kommt seine bedeutende Retrospektive aus der Tate Modern in die Deutsche Bank KunstHalle. Warum sein zutiefst menschliches Werk gerade heute so aktuell ist, erklärt Tate-Kuratorin Nada Raza Oliver Koerner von Gustorf im Interview.
Oliver Koerner von Gustorf: Warum ist es gerade jetzt wichtig Bhupen Khakars Werk zu zeigen, besonders in der westlichen Kunstwelt?

Nada Raza: Als indischer Künstler fand Bhupen Khakhar bereits zu Lebzeiten internationale Beachtung. Seit den 1970er-Jahren bereiste er Europa und stellte dort auch aus. 1992 wurde er zur documenta IX eingeladen. Er war wirklich ein Künstler, der besonders von Künstlern geschätzt wurde. Gerade in Indien beeinflusste er eine ganze Generation von Malern. Doch nach seinem Tod 2003 wurde im Rückblick deutlich, dass seine Arbeiten gar nicht so oft gezeigt worden waren. Sie waren nicht wirklich im Umlauf. Deshalb wollten wir Khakhar neu würdigen und sein Werk mit frischem Blick betrachten, damit es auch kommende Generationen für sich entdecken können. Seine Position war von grundlegender Bedeutung. Als Museum hat es sich die Tate zum Ziel gesetzt, Künstler in die internationalen Kunstgeschichten einzuschreiben, die Einfluss genommen und wirklich etwas verändert haben.

OKvG: Was war denn an seiner Arbeit so revolutionär?

NR: Als Khakhar am Anfang seiner Laufbahn stand, war die von K.G. Subramanyan und Geeta Kapur angestoßene Debatte "Internationalismus" versus "Indigenismus", also um die Besinnung auf einheimische Wurzeln, in vollem Gange. Sie wurde von seinen Zeitgenossen heftig ausgetragen. Khakhar leistete einen wichtigen Beitrag, indem er in seiner Malerei das ausdrückte, was er die "Wahrheit" nannte. Er war dieser Idee sehr verpflichtet, die aus seinem früheren Interesse an Gandhi resultierte. Deshalb lautete auch der Titel seines ersten Katalogs aus den 1970ern Truth is Beauty and Beauty is God. Von Anfang an ging es ihm ganz klar darum, eine Position zu formulieren, die wahrhaftig war. Er wollte keine Zweifel daran lassen, wer er war. Seine Kunst sollte in Bezug auf seine Herkunft, Klasse, Sexualität und seine eigene visuelle Welt absolut aufrichtig sein. Als visueller Geschichtenerzähler fand er seine Berufung in der Kunst. Auf diese Weise verweigerte er sich auch dem internationalen Modernismus, der in den späten 1960er-Jahren in Delhi oder Bombay angesagt war. Dieser wirkte im Vergleich zu seiner eigenen, bewusst vulgären Ästhetik geradezu fade. Damals wandten sich die progressiven Künstler dem Abstrakten Expressionismus und den verschiedenen Varianten eines eher männlichen geprägten Stils in der europäischen Malerei zu. Viele waren bereits in die Metropolen gezogen, studierten und arbeiteten in Paris, London und New York. Im Zuge dieser Debatten um Internationalität gab es damals, in der Generation, die nach der Unabhängigkeit herangewachsen war, eine sehr vitale Auseinandersetzung darüber, was es eigentlich bedeutet, ein indischer Künstler zu sein. Es ging ihnen wirklich darum, eine eigene Stimme für dieses neue Indien zu finden.

OKvG: Und was bedeutete dies für Khakhar?

NR: Er stammt aus eine Gujarati-Familie aus der Provinz Sindh, die heute zu Pakistan gehört. Die Teilung des Landes hat viele Familien auseinandergerissen und seine verschlug es dabei nach Khetwadi, einem Viertel in Bombay. Seine Familie zählte zur aufstrebenden Mittelklasse, den sogenannten “petty bourgeois”. Als sein Vater früh verstarb, wurde die Mutter zum Familienoberhaupt. Sie setzte sehr große Erwartungen in Bhupen. Er wurde als Buchhalter ausgebildet. Fast während seiner gesamten künstlerischen Laufbahn arbeitete er – in Teilzeit – in diesem Beruf. Khakhar zog von Bombay nach Vadodara, dem ehemaligen Baroda, um dort Kunstkritik zu studieren. Dort stieß er auf eine Gruppe von Altersgenossen, die seine Interessen in der Kunst teilten und den akademischen Realismus ablehnten. Stattdessen begeisterten sie sich für volkstümliche Ausdrucksformen und lokale Malerei, um ihre eigene Stimme zu finden. Khakhars Interesse an Henri Rousseau ist in dieser Hinsicht sehr bezeichnend. Damals dominierte in Bombay vor allem die ungegenständliche Malerei, die sich nicht mit den Themen auseinandersetzte, die ihn interessierten. Die Künstler in Baroda, etwa Ghulam Sheikh, teilten dagegen sein Interesse an der Literatur – besonders den in Gujarati verfassten Werken, die einen ganz spezifischen Ton und Humor besitzen. Und genau diesen Humor empfand Khakahr sofort als befreiend, denn er erlaubte es ihm, sich satirisch mit Scheinheiligkeit und den sozialen Realitäten  auseinanderzusetzen. Sheikh und Khakhar stehen heute beide für die erzählerische, gegenständliche Malerei der Baroda Schule.

OKvG: Wie würden Sie Khakhars Malerei beschreiben?

NR: Er war sich bewusst, dass sein Malstil krude war, dass seine Gemälde wegen ihrer Farben und Inhalte als vulgär angesehen wurden. Er wollte das Indien des einfachen Mannes, der Polyesterhemden, der Plastikblumen abbilden. In dieser Hinsicht war er absolut aktuell. Alles fängt mit Khakhars Abschied vom Modernismus an, der sich in der Ära von Ministerpräsident Nehru herausgebildet hatte – diesem international geprägten Modernismus, der damals nicht nur in Indien auch für wirtschaftlichen und nationalen Fortschritt stand. Die Farben, die Form, die Quellen seiner Malerei – das alles ist sehr bewusst ausgesucht und steht eben nicht für einen globalen oder elitären Anspruch. Im Grunde sagt er: Das ist mir egal. Ich gehöre zum Indien Gandhis. Ich werde meine Welt porträtieren.

OKvG: Der Maler Howard Hodgkin sagte, dass Khakhar „in der Lage war, das zu malen, was er lebte, es ging ihm dabei nicht um die Kunst, sondern um das Leben – ganz ohne Vorbehalte.“

NR: Sir Salman Rushdi hat für den Telegraph gerade über die Ausstellung in der Tate Modern geschrieben. Der Titel seines Artikels lautet Er malte so wie ich schreibe. Das ist eine wirklich interessante Behauptung, denn Rushdi steht natürlich für eine ganze Generation post-kolonialer südasiatischer Schriftsteller. Er ist eine Art Stimme eines Ich-Erzählers, die darüber spricht, was es heißt post-kolonial zu sein, und zwar in sprachlicher Hinsicht. Und in gewisser Weise ging es Khakhar ebenfalls darum, eine Stimme des modernen Indiens zu sein. Ich meine das nicht im Sinne von modernen Malstilen, sondern im Hinblick auf das moderne Leben im damaligen Indien. Hier war die Erfahrung von Modernität offensichtlich eine ganz andere als in der restlichen Welt. In einem Großteil der damaligen Literatur spielt sich das moderne Leben in dem Spannungsfeld zwischen einem westlichen liberalen Blick auf die Welt und einer Art authentischem Traditionalismus ab. Diese Polarisierung ist immer noch wirksam und wir können sehen, zu welchen Problemen das im heutigen Südasien geführt hat. Aber Khakhar gehört zu der Generation davor. Sie wandte sich bewusst dem Volkstümlichen und den klassischen Formen zu, um herauszufinden, was davon für ihre Zwecke brauchbar sein könnte – was davon geeignet war, das Leben in der Stadt, wie sie es erlebte, adäquat zu repräsentieren.

OKvG: Khakhar entschied sich, die Metropole Bombay zu verlassen und nach Vadodara zu ziehen – in eine Kleinstadt.

NR: Diese Stadt und auch die Welt haben sich während seines Lebens völlig verändert. Er zeigte Alltagsszenen, Leute, die ihren Geschäften nachgehen, einen Mann, der Mangos vom Baum pflückt, Ladenbesitzer, Männer, die er in der Stadt oder im Park traf, Freunde, Familie, Liebhaber. Er malte Beerdigungen, Hochzeiten, tagtägliche religiöse Zeremonien und Praktiken. Sein einzigartiges Interesse an allem Menschlichen kommt hier zum Vorschein. Die Ladenbilder vom Uhrmacher bis zum Friseur zeigen Orte, die einen schwulen Mann ganz selbstverständlich anziehen, weil hier Männer zusammenkommen. Dazu gehören auch die Schneiderei oder der Paan Shop, eine Art Tabakladen, in dem man sich abends trifft. Seine Porträts sind dabei immer mitfühlend. Es findet sich eine Menge Ironie in seinen Schilderungen der Mittelklassemoral. Während zum Beispiel Homosexualität zum damaligen Zeitpunkt noch kaum akzeptiert war, finden sich in seinen Bildern zahlreiche andere Charaktere, die selbst alles andere als moralisch sind. Wenn man sich ein Gemälde wie Blind Man Looks in the Mirror and Has Relations with Wanton Woman genau ansieht, entdeckt man eine Szene, die sich draußen vor der Jalousie abspielt. Sie zeigt eine Gruppe von Männern, die Schnaps trinken, was damals natürlich verboten war. Khakhar versteckte immer solche kleinen Hinweise, die die Scheinheiligkeit der Gesellschaft entlarven.

OKvG: Aber seine Bilder sind weit mehr als moralische Erzählungen, oder?

NR: Absolut. Seine Gemälde bieten viele Ebenen, auf denen sie interpretiert werden können. Er sagte, dass er über großartige Bilder sowie über großartige Romane nachdenken würde. Für ihn mussten sie komplex und vielschichtig sein. Natürlich kann man ein Gemälde wie You Can’t Please All auch als malerische Adaption von Aesops Fabeln betrachten. Wenn man es jedoch genau anschaut, fallen einem Details auf, wie etwa dieser Mann, der hinter einem vergitterten Fenster in der Ecke sitzt. Das ist das genaue Gegenteil, von dem, was sich in der Hauptszene vorne abspielt: Hier sieht man den Protagonisten, der seine Kleidung abgelegt hat und sich dem Betrachter in einem Moment absoluter Offenheit und Intimität zeigt. Es wird deutlich, dass man sich in dem Bild befindet, im Haus des Mannes und quasi gemeinsam mit ihm nach draußen blickt. Diese Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem beschrieb Khakhar oft und nutzte dazu Fenster oder Türen zur Veranschaulichung. Das war zugleich auch eine malerische Entscheidung.

OKvG: Wir sprechen über seine Homosexualität, als ob das damals für ihn längst geklärt gewesen war. Aber wie werden dieses Thema und seine Gemälde heute in Indien gesehen?

NR: Ich war wirklich überwältigt von der Unterstützung, die diese Ausstellung in Indien bekommen hat. Die Leute erkannten, dass es in Khakhars Werk um Debatten geht, die immer noch aktuell sind und durchaus hier und jetzt verhandelt werden müssen – auch international. Ich glaube, dass es immer mehr Akzeptanz gibt. Die Menschen sind voller Hoffnung, dass sich die Dinge ändern werden. Aber es ist ein andauernder Kampf. Ich arbeite in ganz Südasien, in Indien, Pakistan, Bangladesch und Sri Lanka. Es gibt dort eine wachsende LGBT-Bewegung, die sich immer besser organisiert. Und es gibt diese solidarischen Netzwerke, auch über nationale Grenzen hinweg. Für mich ist in dieser Hinsicht das Werk von Leela Gandhi sehr interessant. Sie unterrichtet an der Brown University und stammt aus Gandhis Familie. Sie beschreibt diese Netzwerke, die auf Anziehung, auf Liebe oder Freundschaft beruhen und die sich Formen imperialistischer Macht widersetzen. Diese Netzwerke sind nicht neu. Und natürlich denke ich, dass Khakhar, als er nach Großbritannien und durch die Welt reiste, mit ihnen in Berührung kam und wirklich dazugehörte. Und er fand eine Gruppe von Freunden und Künstlern, die ihm hier in England das Gefühl von Freiheit vermittelt haben, etwa Howard Hodgkin oder David Hockney. Das sprach ihn wirklich an.

OKvG: Warum war seine Beziehung zu Hodgkin so eng?

NR: Howard hat seit vielen Jahren Verbindungen zu Indien. Er sammelt klassische indische Kunst und ich glaube, dass er auch immer noch jeden Winter dort verbringt. Er sah Bhupens Arbeiten zum ersten Mal auf der India Triennale 1968. Kürzlich beschrieb er in einem Interview für Tate Etc. wie er die Kuratorin Geeta Kapur auf der Ausstellung traf und ihr sagte, dass er alle Arbeiten für Müll hielt – alle bis auf drei. Und sie antwortete ihm, dass der Künstler, der diese drei Bilder gemalt hat, neben ihm stünde. Dann stellte sie Bhupen und Howard einander vor. Beide Männer bewunderten die Arbeit des anderen. 1982 zeigte Howard ihn im Rahmen der wegweisenden Ausstellung Six Indian Painters, die er in der Tate kuratierte. Doch schon in den späten 1960er-Jahren entwickelten sie eine ganz persönliche Freundschaft. Damals war Howard noch nicht offen schwul. Er lud Bhupen ein, eine Weile bei ihm, seiner Frau und seinen Kindern zu leben – eine familiäre Situation, die der Gast aus Indien sehr genoss. Man muss sich vergegenwärtigen, dass Khakhar, obwohl er in seinen Gemälden sehr offen mit Homosexualität umgeht, bis zum Tod seiner Mutter in den frühen 1980er-Jahren abwartete, bevor er sich outete. Nach seinem ersten Besuch in Großbritannien reiste er weiter nach Amsterdam. Dort gestaltete er sogar ein Poster für die Gay Games, ein wirklich schöner, ganz einfacher Entwurf. Diese Erfahrungen spielten sicherlich eine Rolle bei dem Entschluss, sich zu outen und in seiner Arbeit zu seiner Sexualität zu stehen. Auch hier entschied er sich für die Wahrheit, was unglaublich mutig war. Das alles ist zwar auch in seinen früheren Werken präsent, allerdings immer nur verschlüsselt. In seinen späteren Arbeiten machte er sich mit erstaunlicher Ehrlichkeit ans Werk. Und seine Annäherung an den Körper, den alternden, sexuellen Körper, war wirklich interessant. Auch sein offener Umgang mit dem Thema Krebs und der Tatsache, dass er an Prostatakrebs erkrankte, als die ganze schwule Community mit Aids kämpfte. Er sprach das mit Einfühlsamkeit, Schmerz, Humor und Wut an. Es ist alles da, in seinen letzten Bildern. In seinen Notizen schrieb er über die Angst, seine sexuelle Potenz zu verlieren, die Würdelosigkeit der Krankheit. Er war ein durchaus ehrgeiziger Mann. Seine mögliche Karriere in einem Unternehmen gab er auf, um Künstler zu werden. Deshalb war es ihm sehr wichtig, erfolgreich zu sein. Zusammen mit Anish Kapoor war er der erste indische Künstler, der bei der documenta ausgestellt hat. Für ihn als Autodidakten war es eine große Sache, gemeinsam mit solchen international sehr erfolgreichen Künstlern gezeigt zu werden. Und gerade auf dem Höhepunkt seines außergewöhnlichen Lebens schlug seine Krankheit zu. Ich glaube, er stellte sich in seiner Arbeit wirklich seiner Furcht und seinen Ängsten. Er erzählte Freunden, dass er Albträume hatte, in denen ihn Dämonen wegzerrten. Auch wenn er sein Leben so offen wie nur möglich lebte, war es eine sehr schwierige Situation für ihn. Diese Erkenntnis, dass man es nicht jedem recht machen kann, war für ihn wie eine Befreiung, weil er akzeptieren konnte, dass er gegen den Strom schwimmen musste. In dem Gemälde You Can’t Please All geht es weniger darum, sich zu outen, als vielmehr darum, ganz grundsätzlich Position zu beziehen.

Nada Raza ist Assistant Curator an der Tate Modern. Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf moderner und zeitgenössischer Kunst aus Südasien.

Bhupen Khakhar – You Can’t Please All
Tate Modern

bis 06.11.2016
Deutsche Bank KunstHalle
18.11.2016 – 05.03.2017