„Es geht mir nie um eine Botschaft“
Drei Fragen an Stephan Balkenhol

Stephan Balkenhol zählt zu den international renommiertesten Bildhauern Deutschlands. Häufig sind seine Skulpturen im öffentlichen Raum zu sehen. So auch in Lörrach, wo Balkenhols „Große Säulenfigur“ zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden ist. Nach einer umfassenden Restaurierung ist die Leihgabe aus der Sammlung Deutsche Bank wieder nach Lörrach zurückgekehrt, wo sie nun im Kulturzentrum Burghof steht. Claudia Schicktanz, Senior Curator, Deutsche Bank, Art, Culture & Sports, hat mit Stephan Balkenhol über seine Arbeit gesprochen.
Claudia Schicktanz: Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Arbeit für den öffentlichen Raum entwickeln? Und weshalb haben Sie für Lörrach die „Große Säulenfigur“ konzipiert?

Stephan Balkenhol: Zunächst schaue ich mir den Ort an und lasse mich inspirieren von dem, was da ist. Ich suche nach einem Raum, der nach einer Skulptur verlangt. In Lörrach war es das Bild eines klassischen Platzes, dessen Mitte allerdings noch nicht akzentuiert und gewichtet war. Im Spannungsfeld von Selbstverständnis und Irritation habe ich beschlossen, diese Mitte zu füllen, doch sollte die Skulptur nicht zwischen den Menschen stehen, sondern – und hier kommt die Irritation ins Spiel – in die Höhe gehen. Sie sollte nicht das Abbild eines "wichtigen Menschen", der ein Denkmal verdient, sein, sondern ein "Jedermann", der ganz selbstverständlich mit den Betrachtern kommuniziert. Das ist vergleichbar mit dem Bild eines Hohlspiegels, in dessen Brennpunkt eine Kerze gestellt wird. Die Flamme der Kerze füllt den gesamten Spiegel aus und verleiht allem, was rings um sie herum ist, Präsenz.

Sie studierten 1976 bis 1982, also zu einer Zeit, in der auch im Bereich der Skulptur vor allem abstrakte, minimalistische oder konzeptuelle Positionen vorherrschten. Weshalb haben Sie sich entschlossen, trotzdem figurativ zu arbeiten?

Während meines Studiums war es regelrecht verpönt figürlich zu arbeiten, denn die figurative Skulptur hatte in der Kunst der 1970er-Jahre keine Relevanz und unterlag dem Verdacht religiöser und politischer Machtinszenierung. Es war eine Art Diktum: Kunst muss autonom von der Abbildung sein. Dieses Verbot reizte mich und zugleich auch die Idee, die in der Moderne abgerissene Tradition der figürlichen Skulptur mit veränderten Vorzeichen fortzusetzen.

Wie bei all Ihren Skulpturen verzichten Sie auch bei der „Große Säulenfigur“ auf jedes Pathos und jede Form von emotionaler Aufladung. Warum haben Sie diese Form von "Neutralität" zum Kennzeichen Ihrer Menschenbilder gemacht?

Ich hatte und habe die Vision, Skulpturen zu schaffen, die nicht als Überbringer von Botschaften missbraucht werden. Vielmehr möchte ich sie zu einer Frage werden lassen, zu einem Spiegel, der erst durch den Betrachter mit Inhalt gefüllt wird. So geht es neben der Negation von soziologischen und ökonomischen Kontexten, Pathosformeln und symbolisch aufgeladenen Attributen vor allem um die Offenheit und Ambivalenz im Ausdruck der Skulptur, aus dem viele Stimmungen abgeleitet werden können – oder eigentlich alle. Es geht mir nie um eine Botschaft, sondern immer um den ganzen Menschen. Und den machen eben alle Stimmungen oder ein Neben- und Übereinander der Stimmungen aus. Ich verstehe meine Arbeiten als hölzerne Spiegel unseres brüchigen wie widersprüchlichen Selbst. Sie sind ebenso ein Gegenüber für Projektion wie für Reflexion.