Gefangen zwischen den Zeiten
Frances F. Dennys subtile Familienbilder

Sommerhäuser in den Hamptons, Tennis, Polohemden – der Lifestyle der WASPs, der „White Anglo-Saxon Protestants“, hat sich längst in die Werbebilder der Modeindustrie eingeschrieben. Doch in dieser Gesellschaftsschicht, aus der lange Zeit die politische und kulturelle Elite der Vereinigten Staaten hervorging, herrschen auch rigide Rollenbilder. Die Fotografin Frances F. Denny stammt aus dieser privilegierten Welt. Ihre Serie „Let Virtue Be Your Guide“ zeigt beides: uramerikanische Frauenbilder und den unglaublichen Druck, der sich hinter der Fassade weiblicher Perfektion verbirgt. Für ihre subtilen Bilder wurde Denny jetzt mit dem Deutsche Bank/ NYFA Fellowship Award for Photography ausgezeichnet. Oliver Koerner von Gustorf hat die Künstlerin in Brooklyn getroffen.
Frances F. Dennys stammt aus einer alteingesessenen Familie. Ihre Wurzeln reichen zurück bis zu den Pilgervätern, die 1620, an einem Novembertag, an Bord der Mayflower die amerikanische Ostküste bei Cape Cod erreichten. Die Fahrt über den Atlantik war eine unmenschliche Tortur. Starke Westwinde beschädigten die Schiffswände so stark, dass Seewasser eindrang, die Rationen waren zu klein, die sanitären Verhältnisse katastrophal. Auf der Reise starben zwei Menschen an Unterkühlung, Nässe und Erschöpfung. Fast die Hälfte der entkräfteten Passagiere, vor allem Frauen und Kinder, sollte im ersten kalten Winter Neuenglands ums Leben kommen. Die Pilger waren zäh. John Howland, der Urahn von Frances F. Denny, allerdings noch ein bisschen zäher: Der Legende nach soll der junge Mann in einem heftigen Sturm von Bord gespült worden sein. Er konnte aber noch nach einer Flaggleine greifen und sich eigenhändig wieder an Deck ziehen.

Fast vierhundert Jahre später öffnet seine Nachfahrin die Tür zu ihrer Wohnung in Cobble Hill, einem jener Bezirke in Brooklyn, die gerade schwer im Kommen sind. Frances F. Denny wurde vor kurzem mit dem Deutsche Bank Fellowship Award für Fotografie ausgezeichnet, einen Preis für junge Künstler, der jährlich durch die New York Foundation for the Arts verliehen wird. Der Gegenstand ihrer preisgekrönten Fotoserie Let Virtue Be Your Guide, über den wir sprechen wollen, ist genau das: ihre Herkunft, ihre Familiengeschichte und besonders die Rolle, die die Frauen darin spielen. 

Weil sie gerade mit ihrem Studio umzieht, haben wir uns bei ihr Zuhause verabredet. Das elegante, aber absolut nicht protzige Ambiente passt zu der jungen Frau, die aus einer der ältesten Familien der Ostküste stammt. Die Astors, die Vanderbilts, die Rockefellers und auch die Roosevelts (mit letzteren ist Denny sogar entfernt verwandt) bilden in den USA eine legendäre aristokratische Elite und sind alle Nachfahren der protestantischen Mayflower-Pilger. Nicht nur vererbtes, "altes" Geld und politische Macht sind für die "WASPs", die White Anglo-Saxon Protestants, entscheidend, sondern auch Kultur, Bildung und ein Lebensstil, der die Traditionen bewahrt. Wie bei wohlhabenden Familien üblich werden die Kinder auf Prep-Schools, Ivy League Universitäten oder gar zu Debütantinnenbällen geschickt. Zur Etikette gehören tadelloses Benehmen, Disziplin und eine praktische, keinesfalls verschwenderische Eleganz. WASP, das ist häufig ein abfälliger Begriff für ein überholtes Establishment. Die Rebellion gegen diese zunehmend erstarrte Kultur hat Tradition, sei es J.D. Salingers verlorener Held Holden Caulfield, der sich im Fänger im Roggen gegen das Prep-School System auflehnt. Oder Dustin Hoffmann, der in dem Film Reifeprüfung durch seine erotischen Abenteuer mit der älteren Mrs. Robinson und deren Tochter die konservative Fassade einer WASP-Familie sprengt. Auch das Poor Little Rich Girl Edie Sedgwick, die von der gefeierten New Yorker Debütantin zum drogenabhängigen Superstar in Andy Warhols Factory avancierte, ist eine Kultfigur der Subkultur.

Spätestens seit Diane Keaton 1977 in Woody Allens Großstadtneurotiker in Khaki-Hosen und Herrenhemden dem sogenannten "Preppie-Style" eine neue androgyne Note verpasste, wurde die WASP-Kultur zum Mode-Phänomen. Designer wie Tommy Hilfiger und Ralph Lauren brachten in den frühen 1980ern Kollektionen auf den Markt, die den sauberen Look der Park Avenue und der Strandhäuser in den Hamptons massentauglich machten – mit Chinos, Polohemden, Segelschuhen, aber auch Abendkleidern und Tweed-Jacketts. „Aufstrebend, anspruchsvoll, ambitioniert – das sind Worte, die in der Modeindustrie ständig verwendet werden“, sagt Denny. „Wie können wir Dinge produzieren, die Leute für begehrenswert halten? Ich glaube, Ralph Lauren war einer der ersten, der sich so etwas wie einen idealisierten WASP-Stil angeeignet und als Luxusprodukt kommerzialisiert hat - auch wenn diese Darstellung der WASP-Welt weit entfernt von dem ist, wie ich sie erlebe. Die Modeindustrie hat dazu beigetragen, diese Stereotypen zu schaffen. Bestandteil meiner Arbeit ist, das ganze etwas komplizierter zu machen.“ In ihrer Serie Let Virtue Be Your Guide, die auch als Buch erschienen ist, tut Denny etwas fast Frevelhaftes. Sie öffnet nicht nur die Türen zu der wahren, aussterbenden Welt der WASPs, sondern gibt Einblicke in ihre Familie, die unglaublich intim sind. Sie zeigt das Leben der alten Ostküsten-Oberschicht mit Blick auf die Frauen in ihrer Familie, auf ihre Schönheit und Kraft, aber auch die Abgründe, die sich hinter konservativen Frauenrollen und dem ständigen Drang nach Perfektion verbergen.

Denny, die an der Universität auch Gender-Studies belegte und die Schriften von Feministinnen wie Mary Wollstonecraft, Simone de Beauvoir und Judith Butler als grundlegend für ihre Arbeit bezeichnet, fotografierte drei Generationen von Frauen in neun Häusern an der Ostküste. Sie zeigt eine vergehende Welt. Vor den Bildern ihrer Vorfahren oder in Kinderzimmern mit geblümten Tapeten warten Mädchen und junge Frauen auf etwas, das nie zu kommen scheint. Wie auf klassischen Porträts blicken sie in die Kamera oder wenden den Blick elegant zur Seite. Dennys Cousine Edith, die sie immer wieder porträtiert, sitzt tatsächlich auf gepackten Kisten. Der alte Familiensitz, auf dem sie ihr gesamtes Leben verbracht hat, wird in ein Museum verwandelt.

Die Protagonistinnen dieser Bilder scheinen zwischen den Zeiten gefangen zu sein. Äußerlich ganz heutig, in Jeans oder Bademänteln, auf Plastikstühlen sitzend, mit ihrem Mops auf dem Schoß. Innerlich allerdings belastet mit dem Bewusstsein ihrer Familiengeschichte und den traditionellen Rollen, die Frauen in ihr einnehmen. "Virtue", also das Leitbild von Tugend und Perfektion, ist verbunden mit dem Bild der dienenden Mutter, Hausfrau, der vollendeten Gastgeberin, die ihre Bildung für Konversationen nutzt und ihre künstlerischen Fähigkeiten für Inneneinrichtung, Gartengestaltung und Tischdekoration ohne Aussicht auf eine wirkliche berufliche Karriere.

Erst habe sie für dieses Projekt auch die Männer ihrer Familie fotografiert, erzählt Denny, doch schnell merkte sie, dass die Idee, einfach nur ihre Familie oder ihre gesellschaftliche Klasse zu beobachten, zu beliebig, zu ungenau sei. Und so entstanden Frauenbilder, die manchmal unglaublich distanziert und manchmal berückend liebevoll erscheinen. Viele der stärksten Aufnahmen zeigen ihre Mutter, im Tweed-Rock auf dem Ahnenfriedhof, im Wohnzimmer mit einer Freundin sitzend, im Gemüsegarten, während sie der Nachbarin freundlich, aber etwas förmlich die Hände schüttelt. Wie die anderen Frauen in Dennys Serie wirkt die Mutter oft wie eine Darstellerin, die ihr Leben ritualisiert.

Ganz unsentimental zeigt Denny, was es mit dieser Perfektion auf sich hat. Zwischen liebevoll verzierten Torten, weiß geschlämmten Küchen und sommerlichen Idyllen hält sie in Nahaufnahmen von zerschlissenen Möbeln, abgewetzten und fleckigen Teppichen, verblichenen Tapeten immer wieder den Verfall dieser Welt fest. Die Hände ihrer Mutter, die in einer weißen Schürze die Tischdekoration kontrolliert, sind so angespannt wie bei einer Sportlerin, die zum Wettkampf antritt.

„Auch wenn ich einigen Aspekten dieser Welt kritisch gegenüberstehe“, sagt Denny, „bin ich ganz klar daran interessiert, sie mit meiner Kamera zu beschreiben, weil ich sehe, dass sie verschwindet. Gott sei Dank ändert sich die Welt. Die WASPs haben hier in den USA nicht mehr dieses Monopol auf Macht und Privilegien.“ Doch warum, frage ich sie, sollte man sich in Zeiten von Rassenkonflikten, von Flüchtlingsströmen, Finanzkrisen und ökologischen Katastrophen für diese aussterbende Welt interessieren? Denny nickt zustimmend. „Ich glaube, als Künstlerin musste ich erst einmal diese Arbeit machen, in der es auch um mich selbst geht, darüber, woher ich stamme. Ich musste das ausdrücken, um mich weiterzubewegen. In meiner aktuellen Arbeit dokumentiere ich eine Gruppe von Menschen, die normalerweise sehr stereotypisch gezeigt wird. Sie ist für die große Mehrheit natürlich nicht repräsentativ, aber ich wollte mit etwas anfangen, das ich kenne und glaubwürdig abbilden kann. Da komme ich her, das war meine Welt.“

In diesem Sinne gleicht Dennys Projekt einer Entdeckungsreise – nicht nur im Hinblick auf ihre Herkunft, sondern auch auf formale Fragen. Für Denny waren dabei renommierte US-Fotografen wie etwa Larry Sultan oder die ebenfalls aus einer WASP-Familie stammende Tina Barney inspirierend. Beide realisierten in den 1980ern und 1990ern subtile Porträt-Serien der amerikanischen Oberschicht. Wie die Fotografie dieser Generation bewegen sich Dennys Bilder an der haarfeinen Grenze zwischen Schnappschuss und Inszenierung, Emotion und Konzept. Häufig weiß man nicht, ob hier ein bestimmter Moment abgepasst wurde oder die Frauen Anweisungen erhielten und sich gerade in Szene setzten. Bei der Erkundung der eigenen Welt und der Frage, wie sich Klasse, Geschlecht, Machtstrukturen repräsentieren, fallen Dennys Blicke auf ephemere Kompositionen: Eine Bluse der Mutter hängt im Sonnenlicht an einem Fensterkreuz und wird zum Sinnbild innerer Leere und Selbstaufopferung. Sonnenstrahlen fallen durch ein geschliffenes Fenster und legen sich wie eine Geistererscheinung auf eine nostalgische Tapete. Brandflecken im Teppich, verschlissene Bezüge lassen in der Vergrößerung an Makroaufnahmen durch ein Mikroskop denken, mit dem Hautproben untersucht werden.

Immer bleibt Dennys Fotografie ambivalent. Während sie den Betrachter durch ihre beinahe klischeehafte Schönheit ins Bild ziehen, entsteht eine merkwürdige Leere zwischen den nostalgisch aufgeladenen Idyllen im Kopf und dem, was Denny recht distanziert und unsentimental fotografiert. Dennys Augenmerk gilt dabei den kleinsten Details: den Schattierungen von verblichenem Papier, Holzkratzern, den Falten eines Kleides, den Unschärfen zwischen Vorder- und Hintergrund.

Vielleicht verhält es sich dabei wie mit Tina Barney, die über ihre Familienporträts sagte: „Ich möchte, dass jedes Objekt so klar und präzise ist, dass der Betrachter es wirklich so untersuchen und fühlen kann, als ob er im Raum wäre. Ich möchte, dass meine Bilder sagen: ‚Du kannst reinkommen. Dies ist kein verbotener Ort.’ Ich möchte, dass du mit uns zusammen bist und diese Existenz mit uns teilst.“ Wie komplex und überwältigend diese Existenz auch in einem flüchtigen Moment sein kann, zeigt eines von Dennys Porträts ihrer Mutter, My mother, after her swim (Prettymarsh, ME) von 2014 – ausgerechnet jenes Bild, das ihre Mutter überhaupt nicht mag, wie die Künstlerin erzählt. Warum ist klar. Für einen Augenblick ist sie nicht in ihrer Rolle, sondern wirkt in ihrem blauen Badeanzug wie ein junges Mädchen, in dessen Gesicht sich all das abbildet, was sonst in dieser Frauenwelt kaum offenbart wird – Verletzlichkeit, Sinnlichkeit, vielleicht sogar Trauer.