THE QUESTION: GLOBAL IDENTITIES
Wie wichtig ist die Herkunft in der globalisierten Kunstwelt?

Grenzübergreifende Biografien sind heute für einen großen Teil der jüngeren Kunstszene selbstverständlich. Gleichzeitig nährt sich der globale Kunstbetrieb von lokalen oder nationalen politischen Bedingungen, Traditionen und Mythen. Nicht nur in der Kunst ist die Frage nach „nationaler Identität“ ambivalent. Angesichts ökonomischer Krisen und der Flüchtlingsströme pochen immer mehr Länder auf ihre politische oder kulturelle Souveränität.



Elke Buhr
Chefredakteurin Monopol, Berlin

Elke Buhr

Herkunft kann für Künstler und Künstlerinnen heute gleichermaßen Reichtum und Bürde sein. Die Kunstsprache ist global, manchmal sogar viel zu sehr, und der Gefahr der großen Gleichmacherei kann die Kunst nur durch individuelle Inhalte und Prägungen entgehen, die oft lokalen Traditionen entstammen. Außerdem bieten die Nationalstaaten immer noch für viele Künstler den primären sozialen und ökonomischen Rahmen, über Stipendien und Institutionen – und die politische Teilhabe ist immer noch nationalstaatlich organisiert, auch für denjenigen, der international denkt. Andererseits wehren sich Künstler zu Recht, wenn sie auf nationale oder lokale Herkunft reduziert werden, denn hinter dem Lob der Vielfalt lauert das Klischee. Herkunft bildet heute einen Möglichkeitsraum, aber sie definiert nicht Identität.








Julia Grosse & Yvette Mutumba
Herausgeberinnen, C& (Contemporary and), Berlin


Julia Grosse & Yvette Mutumba

Aus unserer Perspektive spielt die Herkunft keine Rolle. Jeder Künstler ist in erster Linie zeitgenössisch UND hat beispielsweise tansanische Eltern, ist in London aufgewachsen, lebt in Johannesburg mit einer Galerie in New York. Natürlich kann die Herkunft im Sinne von kulturellen Prägungen durch Familie und soziale Umfelder zum besseren Verständnis oder zu einer Affinität zu spezifischen Themen beitragen. Eine "African Perspective" kann so neben vielen anderen Ideen und Sichtweisen relevant sein. Gleichwohl spielt die Herkunft im globalen Kunstzirkus noch immer eine Rolle: Künstlerlisten von Biennalen etc., die eine globale und politische Agenda verfolgen, achten genau darauf, dass die Herkunftsländer der Teilnehmenden möglichst ausbalanciert und heterogen sind. Idealerweise braucht man diese explizite Berücksichtigung in Zukunft nicht mehr. Es sollte normal sein, "globale" Künstler als Teil der Kunstwelt zu zeigen. Momentan ist es allerdings noch notwendig – darum machen wir unser Magazin C&.






Angelika Stepken
Leiterin, Villa Romana, Florenz


Angelika Stepken

Ich würde sagen: Es gibt keine "globalisierte Kunstwelt" und es gibt auch keine "Kunstwelt". Solche Wortschöpfungen suggerieren, es gäbe ein "Ein und Alles". Es gibt Kunst als individuelle Freiheit wie Notwendigkeit, unabhängig von Staaten und Geografien. Und es gibt Systeme, in denen diese Kunst verhandelt, geteilt, bewertet wird. Wer von diesem "Ein und Alles" redet, ist in der Regel von Interessen getrieben oder sich seiner "Bubble" gar nicht bewusst.
In der Villa Romana waren an diesem Wochenende Künstler aus Deutschland, Syrien, Korea, Algerien und Ägypten. Eine der Künstlerinnen aus Deutschland ist kossovarischer Herkunft. Der algerische Fotograf lebt in Casablanca. Eine der ägyptischen Künstlerinnen lebte gerade ein halbes Jahr in Paris, ein anderer bewirbt sich für die Città dell’arte in Biella. Wir reden über die unterschiedlichen Konditionen, Repressionen, Öffentlichkeiten, in denen die Künstler operieren. Das größte Problem war, sie überhaupt zusammen zu bringen. Die italienischen Botschaften in Kairo, Istanbul, Casablanca haben in den vergangenen Jahren wiederholt Visa verweigert, wenn wir Künstlerinnen und Künstler zu Veranstaltungen eingeladen haben.
Für die Villa Romana bietet Italien den Zugang zu einer Kommunikation mit Künstlern in der Mittelmeerregion. Umgekehrt ist Italien weiterhin die erste Station für Menschen und Künstler, die vor allem den afrikanischen Kontinent verlassen müssen. Wir haben begonnen, ein Netzwerk unter/mit diesen Künstlern aufzubauen, in der festen Annahme, der Austausch sei eine wechselseitige Bereicherung. So etwas gibt es zum Glück noch, trotz, inner- oder außerhalb der "globalisierten Kunstwelt". Seitdem die Migration nicht mehr an den deutschen Außengrenzen halt macht, müssen wir diese Praxis nicht länger kleinschreiben. Und das, obwohl sie die Kompetenzzuschreibungen von Innen- und Außenpolitik überschreitet.





Rodel Tapaya
Künstler, Bulacan, Philippinen


Rodel Tapaya

Ich bin mit dem Glauben aufgewachsen, dass  so etwas wie das mythische Wesen Manananggal tatsächlich existiert. Dieser Name entstammt dem malaiischen Wort 'tanggal', das 'entfernen', 'loslösen' oder 'trennen' bedeutet, und heißt wörtlich übersetzt "Entfernerin" oder "Trennerin". Der Körper dieser Kreatur gliedert sich in zwei Teile: während die untere Hälfte am Boden bleibt, schwingt sich die obere Hälfte mit ihren fledermausartigen Flügeln empor, um nach dem nächsten Opfer Ausschau zu halten. Wie ein Vampir trinkt sie menschliches Blut… Wie also kann man diese Kreatur vernichten? Finde ihre untere Körperhälfte, streue Salz auf die Taille und es wird ihr nie wieder möglich sein, an ihren Ursprungsort zurückzukehren und das wird ihr Ende sein.
Für uns Menschen, denke ich, ist es wichtig diese 'untere Körperhälfte' zu haben. Sie gleicht den Wurzeln einer Pflanze. Eine Familie, eine Identität, sich einem Ort zugehörig zu fühlen, eine Ideologie – das alles sind essentielle Bestandteile unserer persönlichen Entwicklung. Wir brauchen eine "sichere Basis" im Sinne der Bindungstheorie des Psychologen John Bowlby. Mir persönlich vermitteln meine Herkunft und die Mythen meines Landes das Gefühl eine sichere Basis, eine untere Körperhälfte und  familiäre Wurzeln zu haben.
Genauer betrachtet habe ich aber keine eindeutige "Heimat", wo ich verwurzelt bin. Meine Eltern stammen eigentlich aus der Provinz Leyte in Visayas, im Zentrum der Philippinen. Doch sie zogen später mit mir nach Rizal in Luzon, dann in die Hauptstadt Manila. Ich selbst bin nun mit meiner Familie, meiner Frau und meinen Kindern, an den Stadtrand gezogen, in die Provinz Bulacan. Weil wir so häufig umgezogen sind, konnte ich nirgendwo Wurzeln schlagen, denn wir wurden immer wieder an einen neuen Ort verpflanzt. Die Philippiner fühlen sich häufig sehr verbunden mit der Provinz oder Stadt, in der sie aufwuchsen. Ich hingegen empfinde kein Heimatgefühl in Bezug auf einen bestimmten Ort. Daher fällt es mir auch nicht leicht, die übliche Frage nach meiner Herkunft zu beantworten. Was mir jedoch ein "Gefühl von Herkunft" vermittelt, sind die Geschichten aus meiner Kindheit, etwa die von dem Riesen namens Bernardo Carpio, der versuchte zwei miteinander kämpfende Berge zu versöhnen und am Ende unter ihnen begraben wird; oder das Märchen von dem schönen Mädchen Maria Makiling, das im Wald lebt und auf alle lebenden Dinge, seien es Pflanzen oder Tiere, aufpasst. Diese Geschichten erzählen immer auch von zwei Kräften, Gut und Böse, die in unterschiedlichen Formen auftreten, sei es als kleinster Zwerg namens Dwende oder als gigantisches Monster namens Kapre…
Ehrlich gesagt, ist es auch nicht wirklich mein wichtigstes Anliegen, ob mein Werk auf globaler Ebene verstanden wird. Mit Sicherheit kann ich aber folgendes sagen: Ich lebe auf den Philippinen und meine Arbeit ist von jenen Quellen inspiriert, die ich selber auswähle, um sie mir genauer anzuschauen – den lokalen Mythen, Glaubensrichtungen und Geschichten. Ich möchte lediglich ehrlich, möglichst aufrichtig und authentisch in meiner Arbeit sein. Die Geschichten machen mir einfach Spaß, ich liebe sie. Anfangs habe ich sie nur illustriert, ihnen eine Form verliehen, nach und nach erst entwickelte sich daraus ein Prozess. Heute illustriere ich die Geschichten nicht bloß, sondern es geht mir um die Verbindungen dieser Mythologien zu Themen, Problemen und Herausforderungen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft… dabei arbeite ich ohne einen bestimmten Plan und befasse mich mit den unterschiedlichsten Fragestellungen, kombiniere universelle Themen aus dem Alltag und aktuellen Ereignissen mit Geschichten, Wissenschaft, Machtpolitik und globalen Bedrohungen wie dem Klimawandel und ähnlichen Krisen.
Es gab eine Zeit, in der ich überlegte, ob ich mich nicht auch mit den anderen großen Mythen der Welt beschäftigen müsste, etwa denen der Griechen, Römer oder Ägypter. Ich fragte mich, ob ich auch diese anderen "Quellen" für meine Arbeit nutzen sollte. Aber gleich nach meinen ersten Recherchen, bei denen ich viel zu diesen Themen gelesen habe, wurde mir klar, dass unsere philippinischen Geschichten gar nicht so einzigartig waren, sondern Parallelen und Schnittmengen zu den Mythologien und Archetypen anderer Länder aufweisen. Natürlich gibt es in jeder Geschichte interessante andere Details oder ganz eigene Merkmale, aber es gibt eben auch Ähnlichkeiten in den Charakteren, den Handlungen und geschilderten Emotionen. Ganz so wie es Carl Gustav Jungs Theorie "des kollektiven Unbewussten" besagt, nach der sich ein Teil unserer Psyche aus Erinnerungen und Bildern speist, die wir mit der ganzen Welt teilen.




Stefan Winkler
Direktor, Goethe-Institut, Karachi, Pakistan.


Stefan Winkler

Wenn man einen Blick auf die Künstlerauswahl der großen internationalen Ausstellungen und Biennalen wirft, ist man versucht zu sagen, nein. Doch ein genauerer Blick macht deutlich: Der (westliche) Blick auf außereuropäische Kunst wird immer noch – bewusst oder unbewusst – eingerahmt von sozio-kulturellen und politischen Fragen: die unausgesprochene Erwartung, dass uns der außereuropäische Künstler seine Welt erklärt oder darauf Bezug nimmt.
Westliche Kunst wird als international wahrgenommen, außereuropäische oft nicht. Warum ist das so? Weil die spezifischen Entstehungsbedingungen westlicher Kunst und das Referenzsystem als universal angenommen werden. Aber dem ist nicht so.
Außereuropäische Künstler sollen "authentisch" sein, zugleich im Rahmen des globalen Kosmopolitismus aber die gleichen "universalen" Fragen stellen. Dies ist letztendlich ein unauflösbares Dilemma, dem kaum zu entkommen ist. Aber genau in diesem Spannungsfeld kann große Kunst entstehen, durch Inkorporation lokaler Formate und Referenzen jenseits des Exotismus, durch interdisziplinäre und recherchebasierte Ansätze und durch ortspezifische Arbeiten.