Wolfgang Tillmans
Den eigenen Augen trauen

Das Hier und jetzt, darum geht es Wolfgang Tillmans. Der in der Sammlung Deutsche Bank vertretene Fotograf ist ein unermüdlicher Chronist der globalisierten Gegenwart. In den letzten Jahren ist sein Werk zunehmend politischer geworden. Das zeigt auch seine neue Ausstellung in der Londoner Tate Modern.
Schon als Kind begeistert er sich für das Universum und die Astronomie. Durch sein Teleskop studiert Wolfgang Tillmans Sterne, Planeten, die Oberfläche der Sonne. Dieser Blick ins All soll seine gesamte künstlerische Arbeit prägen: „Ich betrachte diese Phase intensiven Beobachtens tatsächlich als die Grundlage meines visuellen Verständnisses.“ Die kaum vorstellbaren Weiten des Kosmos empfindet er nicht als bedrohlich. Im Gegenteil. „Durch diese Begegnung mit der Unendlichkeit, dieser Verbindung zu etwas Größerem, hatte ich das Gefühl, nicht einsam zu sein.“ Inzwischen weiß auch die NASA, dass wir im Universum nicht alleine sind. Mit Hilfe des Weltraumteleskops Kepler identifizierte sie eine unerwartet große Anzahl erdähnlicher Planeten. Dass dort Leben existiert, ist so gut wie sicher. Diese Entdeckung hat Tillmans euphorisiert. „In unseren heutigen, von religiösem Fundamentalismus geprägten Zeiten sind das für mich absolut tolle Nachrichten. Denn damit stellt die Wissenschaft all diejenigen in Frage, die behaupten, dass der Mensch einzigartig und von Gott auserwählt sei.“

Ein Blick in den Sternenhimmel und aktuelle gesellschaftspolitische Fragen – solche zunächst erstaunlichen Verbindungen sind charakteristisch für das Werk des 1968 in Remscheid geborenen Fotografen. Seine Gedanken über die Welt auszudrücken, das treibt seine Arbeit an. Und so begegnen sich hier die unterschiedlichsten Motive: Landschaften, Planetenkonstellationen, ein Markt in Äthiopien, Shopping Malls in Saudi-Arabien und Polen oder auf einer Wiese liegendes Obst, wie auf einer seiner Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank. Hinzu kommen abstrakte Arbeiten, die ohne Kamera, nur durch die Belichtung des Fotopapiers entstehen. Und natürlich die Bilder von Menschen. Denen verdankt Tillmans seine Bekanntheit – und das Image, vor allem ein Chronist der Rave- und Techno-Szene zu sein. Doch ebenso selbstverständlich, wie er seine Freunde aus den Clubs und der queeren Subkultur in Berlin, New York und London fotografiert, porträtiert er auch seine Mutter, Kate Moss, Tony Blair, die Besucher des evangelischen Kirchentags. Oder Frank Ocean, den ersten Hip-Hop- und R’n’B-Star, der seine schwulen Erfahrungen thematisiert. Der Sänger entschied sich für ein Bild von Tillmans als Cover seines vor kurzem erschienenen Albums Blond. Und nicht nur das. Mit seinem Techno-Track Device Control ist der Fotograf auch als Musiker auf Oceans Video-Album Endless zu hören. 

Was dieses unglaublich vielfältige Werk zusammenhält ist seine beiläufige Ästhetik. Tillmans gelingt es, dass selbst millionenfach reproduzierte Motive wie Sonnenuntergänge oder Blumen auf seinen Fotografien nicht wie Klischees aussehen, sondern wie Sinnbilder für die fragile, flüchtige Schönheit der Welt. Mit seinem Stil des scheinbar Unvollkommenen knüpft er an die Fotografie von William Eggleston oder Nan Goldin und David Armstrong an. Er kommt ohne dramatische Zuspitzungen aus, bei Großformaten verzichtet er, anders als die Vertreter der Düsseldorfer Schule, auf jeden Überwältigungsgestus. Diese formalen Entscheidungen sind zugleich Ausdruck seiner Haltung. Um sie zu verstehen, hilft ein Blick auf die Welt aus kosmischer Perspektive – mit den Augen der Astronomie, die Tillmans als einen „großartigen Gleichmacher“ betrachtet. Das Bewusstsein dafür, dass die Erde nur ein winziger Teil eines unendlichen Universums ist prägt seinen Blick auf Welt. Alles ist sich beständig wandelnde Materie, alles ist miteinander verbunden. Diese an sich selbstverständliche Tatsache hat gerade in einer Zeit, in der viele Politiker immer stärker auf Abschottung setzten, auch eine sehr politische Dimension.

Aus diesem „astronomischen“ Weltbild resultiert eine zutiefst humanistische, durchaus auch spirituelle Haltung. Nicht umsonst tauchen in seinem Werk immer wieder Hinweise auf Krishnamurti auf. Eine Aussage des 1986 verstorbenen indischen Philosophen klingt, als beschriebe er den Ausgangspunkt von Tillmans‘ Fotografie: „Achtsamkeit ist ein aufmerksames Beobachten, ein Gewahrsein, das völlig frei von Motiven oder Wünschen ist, ein Beobachten ohne jegliche Interpretation oder Verzerrung.“ Der aus der buddhistischen Meditationspraxis abgeleitete Begriff „Achtsamkeit“ ist für den Künstler eine der Grundlagen seiner Arbeit: „In Zeiten, in denen ich achtsam bin, denke ich nicht in starren  Definitionen wie schwarz/weiß oder ja/nein, sondern stehe mit dem Sein im Hier und Jetzt in Verbindung.“

Um dieses Hier und Jetzt geht es ganz dezidiert in seiner aktuellen Ausstellung in der Londoner Tate Modern. Das signalisiert bereits ihr lakonischer Titel 2017. Die Schau kreist um den Zustand unserer Welt – und der erfüllt Tillmans seit einiger Zeit mit Sorge. Ging es ihm in den Neunzigern vor allem um Themen wie Gemeinschaft, die Konstruktion von Identität und seine Selbstvergewisserung als schwuler Mann, bezieht er in seiner Arbeit inzwischen sehr viel konkreter Stellung. Mit dem Einmarsch in den Irak und den weltweiten Friedensdemonstrationen 2003 wird sein Werk zunehmend politischer. Das zeigen in der von Chris Dercon in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler kuratierten Schau neben Aufnahmen von AIDS-Aktivisten in Südafrika auch seine visuellen Antworten auf die BREXIT-Kampagne. Deren Aggressivität brachte den überzeugten Europäer dazu, gemeinsam mit seinem Assistenten Paul Hutchinson 25 Plakate zu entwerfen, die für den Verbleib Großbritanniens in der EU plädieren. Ansichten von Küsten, dem Meer und dem Himmel kombinierten sie mit Slogans wie No man is an island. No country by itself  oder Democracy, peace and human rights have many enemies. Don’t make them stronger. Only as a united Europe can we stand in their way. Tillmans, der seit 1990 mit Unterbrechungen in England lebt und als erster Nicht-Brite 2000 mit dem Turner Prize ausgezeichnet wurde, betrachtet die EU als das „größte Friedensprojekt in der Geschichte der Menschheit.” Der populistischen, häufig von Nationalismus und Rassismus geprägten BREXIT-Propaganda begegnet er mit Appellen an die Vernunft. Scherzhaft bezeichnet er sich selbst als „activist of moderation“, als „Aktivist der Mäßigung“.

Wie dieser nicht polemische, auf Verständigung ausgerichtete Aktivismus aussehen kann, erfährt man auf Tillmans Instagram-Account. Zu Weihnachten postete er ein Bild eines auf dem Kopf stehenden Weihnachtsbaums, begleitet von einem aus der New York Times übernommenen Text. Wie konntest du nur? lautet seine Überschrift. Darauf folgt ein Katalog von „19 Fragen, die du deine Lieben fragen kannst, die für den anderen Weg gestimmt haben.“ Ziel ist es, über die Gräben, die unterschiedliche politische Ansichten im Familien- oder Freundeskreis gerissen haben, miteinander ins Gespräch zu kommen – ohne Geschrei und Aggressionen. In Berlin hat Tillmans angesichts der „Flüchtlingskrise“ und wachsender rechter Bewegungen seinen Kunstraum Between Bridges in ein Forum für politisch und sozial engagierte Projekte verwandelt. Diese Aktivitäten werden auch in der Tate dokumentiert.

Für Ausstellungen kombiniert der Fotograf seine Bilder immer wieder neu. Die sorgfältig zusammengestellten Präsentationen zeigen, welche Fragen und Themen ihn gerade umtreiben. Sie gleichen, wie er es formuliert, „Labors zum Studium der Welt“. In London zeigt sich sein gesteigertes Interesse an Oberflächen – dem Schnittigen und Scharfkantigen kommerzieller Architekturen, metallisch glänzendem Lack, an Gold und Trash. Das verbindet seine Arbeiten mit den Assemblagen von Isa Genzken, einer Künstlerin, mit der er gut befreundet ist und die er immer wieder porträtiert. Für Beide lassen sich an diesen Oberflächen gesellschaftliche Entwicklungen und Sehnsüchte ablesen. Genzken collagiert sie zu skulpturalen Objekten, Tillmans fotografiert sie und kombiniert diese Bilder in Ausstellungen, Magazinstrecken oder in Künstlerbüchern.

Seit 2005 zeigt er sie auch verstärkt in Vitrinen – kombiniert mit Büchern, Kopien von Zeitungsartikeln, Kalenderbildern und Fundstücken. Daraus ergeben sich neue Zusammenhänge, Assoziationen und Gedankengänge. Zugleich werden die Fotografien aus der Zweidimensionalität befreit, zu Objekten. „Ihre nicht-hierarchische Komposition soll einen nicht vorherbestimmten Zugang zu den Bildern ermöglichen. Ein übergreifendes Thema  ist die Ermutigung, den eigenen Augen zu trauen, wenn man die Welt betrachtet, den eigenen Vorurteilen zu misstrauen“, erklärt Tillmans. 

Seine bekanntesten Vitrinenarbeiten tragen den ironischen Titel truth study center. Sie erzählen von der Dogmatisierung der Welt, hinterfragen den Anspruch von Religionen und Ideologien auf den Besitz einer absoluten Wahrheit. Gerade wenn die Sprecherin des neuen amerikanischen Präsidenten den Ausdruck „alternative Fakten“ bemüht, wenn ihr die sehr objektive Wahrheit der Zahlen missfällt, trifft Tillmans truth study center den Punkt. „Die Möglichkeit, sich die Umwelt mit den eigenen Augen anzueignen, steht  jedermann offen“, sagt er. „Hat man das erst einmal trainiert, ist es einfacher, Manipulation zu erkennen und ihr zu widerstehen und weiter offen für neue Ideen zu sein.“
Achim Drucks

Wolfgang Tillmans. 2017
Tate Modern, London
15.02. – 11.06.2017
Live Programm, The Tanks
03. – 12. März 2017

Wolfgang Tillmans
Fondation Beyeler, Riehen/Basel
28.05. – October 01.10.2017