Bilder, die man nicht vergisst
Pieter Hugo im Kunstmuseum Wolfsburg

Es sind Aufnahmen von Außenseitern, die Pieter Hugo berühmt gemacht haben: Zu Beginn seiner Karriere porträtiert der südafrikanische Fotograf Schausteller, die mit Hyänen durch Nigeria ziehen. Seine Bilder verleihen den Männern und ihren furchteinflößenden Tieren eine unglaubliche, fast skulpturale Präsenz. Ebenso surreal wirken die Porträts von Darstellern aus Nollywood-Filmen, mit denen der 1976 geborene Künstler auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist. Als Teufel, Zombies oder schwerbewaffnete Gangster verkleidet, posieren die Schauspieler der nigerianischen Traumfabrik mitten im Alltagsleben. Dann wendet sich Hugo dem realen Horror zu. Auf einer riesigen Müllkippe in Ghana fotografiert er Jungen, die aus dem Westen importierten Elektroschrott zertrümmern, um an die darin enthaltenen Metalle zu kommen. Stolz stehen seine Protagonisten in postapokalyptischen Landschaften, zwischen lodernden Flammen und dunklem Qualm. Er fotografiert selbst dort, wo das Grauen kaum vorstellbar ist. Zehn Jahre nach dem Völkermord in Ruanda dokumentiert Hugo 2004 dessen Spuren: Landschaften mit Massengräbern, Beinhäuser, Kirchen, deren Fußböden noch immer mit den Knochen und Kleidungsstücken der Opfer bedeckt sind. All’ seine Aufnahmen kommen ohne jede dramatische Zuspitzung aus – und brennen sich tief ins Gedächtnis des Betrachters ein.

Dagegen erscheinen die Bilder, die jetzt den Auftakt seiner ersten umfassenden Werkschau in Deutschland bilden, geradezu idyllisch. Am Eingang der Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg hängt eine Fotografie aus 1994, einer von Hugos jüngsten Serien. Sie zeigt zwei dunkelhäutige Jungen inmitten eines Felds aus weißen Blüten. Dabei hält der ältere Junge den jüngeren auf seinen Armen, als wolle er ihn dem Betrachter präsentieren. Der Künstler zitiert hier ein ikonisches Foto aus dem Anti-Apartheid-Kampf, das den sterbenden Hector Peterson in den Armen eines Mitschülers zeigt. Der 13-jährige war 1976 eines der ersten Opfer des Soweto-Aufstandes von 1976. Hugos Idylle ist also trügerisch. Für 1994 kehrt der Fotograf auch nach Ruanda zurück, wo weitere Porträts von Kindern in einer scheinbar unberührten Natur entstehen.

Doch auch dieser Eindruck täuscht. "Die Landschaft in Ruanda ist unglaublich aufgeladen“, erklärt der Fotograf. „Im Gegensatz zu den Vernichtungslagern der Nazis hat sich der Völkermord in Ruanda überall abgespielt. Auf jeder Bananenplantage, jedem Bach, jeder Böschung. Dadurch entsteht eine psychologische Ambiguität: Die idyllisch wirkende Landschaft ist auch ein Schlachtfeld. Man hat den Eindruck, dass man nur an der Erdoberfläche kratzen muss, um eine Leiche zum Vorschein zu bringen." Alle Kinder, die Hugo porträtiert, wurden nach 1994 geboren – nach dem Ende der Apartheid in Südafrika und des Völkermords in Ruanda. Wie alle Menschen auf seinen Bildern blicken auch sie direkt in die Kamera – verträumt, nachdenklich, trotzig. Die Schrecken der Vergangenheit haben sie nicht selbst erlebt und leben doch in deren Schatten.

Wie Kemang Wa Lehulere, der „Künstler des Jahres“ 2017 der Deutschen Bank, gehört auch Hugo zu einer jüngeren südafrikanischen Künstlergeneration, die bei ihrer Auseinandersetzung mit kollektiver und privater Geschichte neue Wege geht. In der Fotografie bedeutet dies den Abschied von den klassischen dokumentarischen Ansätzen, die während der Apartheid vorherrschten. „Die Fotografen betrachteten sich meist als Teil des liberalen Lagers und nutzten ihr Können, um die politische Realität darzustellen – alles andere galt als frivol", so Hugo. Nach dem Ende der weißen Herrschaft ist die Zeit der eindeutigen Fronten vorbei. „Jetzt leben wir in einer völlig anderen Ära. Die Lage ist wesentlich komplexer und differenzierter geworden." Das betrifft auch die Frage seiner eigenen Identität: "Afrika ist meine Heimat, doch ich bin weiß. Ich fühle mich als Afrikaner, aber wenn du irgendjemanden in Südafrika fragst, ob ich Afrikaner bin, wird er das höchstwahrscheinlich verneinen. Ich passe nicht in die soziale Topografie meines Landes.“

Um diese Fragen kreist dann auch Hugos aktuelle Serie Kin. Er bezeichnet sie als „Auseinandersetzung mit dem Scheitern des kolonialen Experiments Südafrika und meinem Gefühl, sozusagen „koloniales Treibholz“ zu sein. Südafrika ist so ein zerbrochener, schizophrener, verwundeter und problematischer Ort… Wie kann man hier Verantwortung für die Geschichte übernehmen? Wie sehr sollte man dies überhaupt versuchen? Und wie kann man in einer von so vielen Konflikten gezeichneten Gesellschaft seine Kinder aufziehen?“ In Kin, zu Deutsch „Verwandtschaft“, begegnet man nicht nur Hugos hochschwangerer Frau oder dem Fotografen selbst, der nackt mit seiner neugeborenen Tochter posiert. Zu seiner Familie zählen auch Freunde, ehemalige Hausangestellte, Obdachlose oder das erste homosexuelle Paar Südafrikas, das nach traditioneller Zeremonie geheiratet hat. In diesen sehr intimen und eindringlichen Bildern geht es um Themen wie Heimat, Nähe, Zugehörigkeit – und nicht zuletzt um ein Gefühl von Hoffnung.
A.D.

Pieter Hugo: Between the Devil and the Deep Blue Sea
Kunstmuseum Wolfsburg
bis 23.7.2017

Pieter Hugo ist auch in der Ausstellung Good Hope. South Africa and The Netherlands from 1600 vertreten, die noch bis zum 21.05. im Rijksmuseum, Amsterdam, gezeigt wird.