Geschichtsstunde
British Museum zeigt South Africa: The Art of a Nation

Südafrika gilt als das Kunstzentrum des Kontinents. Nirgendwo sonst in Afrika ist die Zahl der Galerien und Kunsträume so hoch. Und jetzt entsteht im ehemaligen Hafen von Kapstadt das Zeitz Museum of Contemporary Art Africa. Auf über 6.000 Quadratmetern sind hier ab Herbst 2017 ausschließlich aktuelle Positionen zu sehen. Auch Kemang Wa Lehulere, der „Künstler des Jahres“ 2017 der Deutschen Bank, den die New York Times anlässlich seiner Einzelausstellung im Art Institute of Chicago gerade als „South Africa’s Rising Art Star“ bezeichnet hat, dürfte dort sicherlich zu sehen sein.

Südafrika hat sich seit den 1990er-Jahren vom autoritären Apartheid-Staat zur dynamischen Rainbow Nation gewandelt. Zwar sind die Folgen der Rassentrennung längst nicht überwunden, die sozialen und gesellschaftlichen Spannungen noch immer groß. Doch trotzdem – oder gerade deswegen –  hat sich am Kap eine sehr dynamische Kunstszene entwickelt. Häufig ist es die von Unterdrückung und Gewalt geprägte Geschichte, die von der Kunst  thematisiert wird. So stehen die engen Verbindungen zwischen Kunst, Politik und Geschichte auch im Fokus von South Africa: The Art of a Nation. Dabei treffen in der großen neuen Ausstellung des British Museum immer wieder historische und zeitgenössische Werke aufeinander. Die Schau, in der mit William Kentridge und David Koloane auch zwei Künstler aus der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind, knüpft immer wieder Verbindungen zwischen Zeiten und Kulturen.

So liegen ganze 75.000 Jahre zwischen Karel Nels abstraktem, 2002 entstandenem Gemälde Potent fields und den in der Blombos-Höhle entdeckten Gehäusen von Meeresschnecken. Doch sie teilen sich ein Material – Ocker. Damit bemalten die damaligen Bewohner der Höhle Schneckenhäuser, die sie als Schmuck trugen. Sie zählen zu den weltweit ältesten vom Menschen gestalteten Objekten. Genau in dem Jahr, in dem diese Artefakte entdeckt wurden, überzog Karel Nel zwei quadratische Leinwände, eine mit rötlichem, die andere mit gelbem Ocker. Sie beziehen sich nicht nur auf die uralten Objekte aus der Blombos-Höhle. Dicht an dicht gehängt sollen das Helle und das Dunkle zugleich die Apartheid und deren Überwindung durch Nelson Mandela symbolisieren. Der Ocker stammt aus Eastern Cape, der Provinz, in der der Friedensnobelpreisträger aufwuchs.

Zur Zeit der Apartheid wurde jede Form schwarzer Kultur von offizieller Seite weitgehend ignoriert. Auch deshalb erinnert Kemang Wa Lehulere in seinen Ausstellungsprojekten häufig an verdrängte Positionen der südafrikanischen Kunst wie Ernest Mancoba, der in den 1940er Jahren die Künstlergruppe CoBrA mitbegründete. Die Schau im British Museum zeigt, dass sogar die Existenz alter Hochkulturen verleugnet wurde. Die Ideologen der Rassentrennung behaupteten, dass die ersten weißen Siedler am 6. April 1652 in einem kulturellen Niemandsland ankamen. Doch das bedeutendste Ausstellungsstück – ein um 1250 entstandenes goldenes Nashorn, das in einem Königsgrab in Mapungubwe gefunden wurde – beweist das Gegenteil. Lange wurden solche bedeutenden Funde in den südafrikanischen Schulbüchern verschwiegen. Doch inzwischen ist dieses Nashorn zum Symbol des Ordens von Mapungubwe geworden, der höchsten Auszeichnung Südafrikas, die 2002 zum ersten Mal verliehen wurde – an Nelson Mandela.

Einem anderen lange verdrängten Kapitel der südafrikanischen Geschichte widmet sich eine Diaprojektion von Santu Mofokeng, der 2013 einer der Künstler des Deutschen Pavillons auf der Venedig Biennale war. The Black Photo Album besteht aus 80 Porträts von Schwarzen aus der städtischen Mittelschicht. Sie entstanden zwischen 1890 und 1950, also noch vor den schlimmsten Jahren der Apartheid. Auf den größtenteils im Fotostudio entstandenen Bildern posieren die schwarzen Bewohner Kapstadts oder Johannesburgs in der gleichen Kleidung, wie sie die weißen Kolonialisten auf ihren Porträts trugen, und mit einem ebensolchem Selbstbewusstsein. Bis auf die Hautfarbe, so signalisiert es das Black Photo Album, gibt es keinen Unterschied zwischen beiden Bevölkerungsgruppen.

Die Ausstellung endet mit einer Installation von Mary Sibande. Für A Reversed Retrogress, ein umgedrehter Rückschritt, lässt die junge Künstlerin auf einer kleinen Bühne zwei schwarze Schaufensterpuppen gegeneinander antreten. Die eine trägt ein blaues Kleid, das an eine viktorianische Dienstmädchen-Uniform erinnert. Die andere ein violettes Ensemble, das aussieht, als hätte es John Galliano für einen Science Fiction-Film entworfen. Die blaue Figur steht für die Vergangenheit, in der viele schwarze Frauen, auch aus der Familie der Künstlerin, nur als Dienstmädchen arbeiten konnten. Violett wurde dagegen zur Farbe der Aufstands und der Befreiung: Friedliche Anti-Apartheid-Demonstranten, die 1989 vor dem Parlament in Kapstadt protestierten, wurden dort nicht nur mit Schlagstöcken empfangen. Auch ein Wasserwerfer kam zum Einsatz. Er versprühte violette Farbe, um die Demonstranten später leichter identifizieren und verhaften zu können. Doch einem von ihnen gelang es, sich des Wasserwerfers zu bemächtigen und auch das Hauptquartier der für die Apartheid-Politik verantwortlichen National Party einzufärben. Nach der Demonstration tauchte dann der Slogan "The purple shall govern" als Graffiti überall in Kapstadt auf. Ob Mary Sibandes Installation, die Animationsfilme von William Kentridge oder  die Ausstellungsprojekte von Kemang Wa Lehulere  – die Kunst Südafrikas ist ohne die Geschichte des Landes kaum zu verstehen ist.
A.D.

South Africa: The Art of a Nation
bis 26.02.2017
British Museum, London

In London ist gerade auch eine Auswahl der jüngsten Installationen und Animationsfilme von William Kentridgen zu sehen:

William Kentridge: Thick Time
bis 15.01.2017
Whitechapel Gallery