Guter Geschmack kann tödlich sein
Bhupen Khakhar in der Deutsche Bank KunstHalle

In Indien zählt Bhupen Khakhar zu den einflussreichsten Protagonisten der Gegenwartskunst. Im Westen sind seine Gemälde dagegen kaum bekannt. Das wird sich ändern. Nach ihrer Premiere in der Tate Modern ist Khakhars großartige Werkschau „You Can’t Please All“ jetzt in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen.
„Wenn ich davon überzeugt bin, die Wahrheit zu erzählen, dann gibt es keine Zurückhaltung“, erklärte Bhupen Khakhar in seinem letzten Interview. Nach dieser Maxime schuf der 2003 verstorbene indische Künstler ein absolut faszinierendes Werk – Gemälde und Aquarelle, deren Farben zu glühen scheinen. Profanes steht hier ganz selbstverständlich neben Heiligem, Spiritualität und Alltag durchdringen sich. Kahkhars Leben ist der Ausgangspunkt seiner Kunst. Er ist der erste Maler, der sich dem Leben der unteren Mittelschicht Indiens widmet. Mit radikaler Offenheit setzt er seine Homosexualität, aber auch seine Krebserkrankung ins Bild.

You Can’t Please All (Du kannst es nicht Allen recht machen) lautet dann auch der Titel der Khakhar-Schau, die jetzt in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen ist. Die von Chris Dercon und Nada Raza kuratierte Werkschau ist Teil einer Ausstellungskooperation zwischen der KunstHalle und der Tate Modern. In diesem Rahmen werden wichtige Positionen aus Afrika, Asien und dem Nahen Osten erstmals in Berlin vorgestellt. Den Anfang machte 2014 die Präsentation von Meschac Gabas Museum of Contemporary African Art.

You Can’t Please All – so betitelt Khakhar auch eines seiner wichtigsten Gemälde, das den Auftakt der Ausstellung bildet. Es zeigt einen nackten Mann, der von seiner Veranda aus das Alltagsleben in einer indischen Stadt beobachtet. Dort hat der Künstler auch verschiedene Episoden aus einer Fabel von Äsop angesiedelt. Sie erzählt die Geschichte von einem Vater, seinem Sohn und einem Esel. Der Vater tut immer genau das, wozu ihm verschiedene Passanten raten. Die Fabel endet damit, dass der Esel stirbt. Wer also versucht, es jedem recht zu machen, kann nur scheitern. Der Mann könnte Khakhar selbst sein – jemand, der das Leben beobachtet, sich selbst dem Betrachter dabei aber nackt und ungeschützt präsentiert.

Das Gemälde entsteht 1981, kurz nach dem Coming Out des Künstlers, mit dem er, so wird vermutet, bis zum Tod seiner konservativen Mutter gewartet hat. Es ist sehr typisch für seinen Stil dieser Jahre, der sich aus den unterschiedlichsten Quellen speist: Unverkennbar sind die Einflüsse der Pop Art von David Hockney. Aber auch die Sienesische Malerei des 14. Jahrhunderts hat ihn inspiriert, bei der Darstellung der Landschaft und vor allem zu der simultanen Erzählweise. Die grellen Farben dagegen reflektieren die indische Alltagskultur. Khakhar sammelte begeistertet Spielzeug, Kitschfiguren und massenhaft reproduzierte Götterbilder. Was in den Häusern der Oberschicht verpönt war, schmückt bei ihm die Wände seines Hauses und seines Ateliers. „Guter Geschmack kann absolut tödlich sein“, so Khakhar.

Die menschliche Existenz ist zentral für Khakhars Werk: „Ohne Figuren erscheinen mir meine Gemälde unvollständig.“ Deshalb entscheidet er sich ganz bewusst gegen die Abstraktion, den von der internationalen Moderne propagierten Malstil. Aber auch der traditionelle akademische Realismus scheint ihm ungeeignet, um seine „Wahrheit“ auf die Leinwand zu bringen. Stattdessen entwickelte er eine ganz eigene Form der erzählerischen figurativen Malerei, die den Betrachter ganz unmittelbar berührt. Mit Erfolg: Der Autodidakt aus der Provinzstadt Baroda (heute Vadodara), der viele Jahre in Teilzeit als Wirtschaftsprüfer arbeitete, weil er von seiner Kunst nicht leben konnte, wird 1992 zusammen mit Anish Kapoor als erster Künstler aus Indien zur documenta eingeladen.

Baroda mag eine Provinzstadt gewesen sein, doch an der Faculty of Fine Arts, an der Khakhar einen Master in Kunstkritik erwarb, wurde ebenso über indische Miniaturmalerei, wie über Cézanne oder aktuelle Tendenzen in der Kunst diskutiert. Besonders begeisterte Khakhar sich zu Beginn seines künstlerischen Wirkens für die „naiven“ Bilder von Henri Rousseau. „In meiner Unbeholfenheit konnte ich mich auf ihn berufen.“ Khakhar gehörte zu einem vitalen Kreis von Künstlern und Autoren, die nach neuen, zeitgemäßen Ausdrucksformen suchte. Besonders der Kontakt zur britischen Kunstszene ist eng: Jim Donovan, ein heute vergessener Künstler, der als Austauschstudent einige Monate bei Khakhar wohnt, macht ihn mit der Pop Art von David Hockney und R. B. Kitaj bekannt. Später lernt er den Maler Howard Hodgkin kennen, der ihn 1982 zu der bahnbrechenden Schau Six Indian Painters an der Tate einladen wird.

Am Anfang der Ausstellung in der KunstHalle stehen Khakhars sogenannte „Trade Paintings“ – einfühlsame Bilder von Friseuren, Uhrmachern oder Fensterputzern. Das Porträt eines Mannes mit einem Strauß Plastikblumen in der Hand umrahmt er mit einer Vielzahl kleiner Szenen aus dem Alltagsleben. Ein formaler Kunstgriff, den Khakhar der Tempelmalerei in Rajasthan und den Altarbildern aus Siena entlehnt. Wo sonst Episoden das Leben der Götter oder der Heiligen schildern, sehen wir dem anonymen Mann beim Zeitunglesen oder beim Nickerchen auf dem Sessel zu. Dagegen zeugt der dämonische Hathayogi (1978), ein nackter, heiliger Mann, der den Betrachter mit stechendem Blick in die Augen starrt, von der Präsenz des Mystischen.

Als der Künstler in den frühen 1990er-Jahren an Grauem Star erkrankte, veränderte sich seine Malweise. Der Farbauftrag wird leichter, die Konturen verschwimmen, Motive werden fantastischer. Auf Son is the Father of Man hält ein Mann einen greisenhaften Zwerg in den Armen – die seltsame Travestie einer Madonna mit Kind. In den 1990er Jahren entstehen auch viele von Khakhars unglaublich schönen Aquarellen. Landscaping on Head (1996) aus der Sammlung Deutsche Bank erscheint wie ein Selbstporträt: Aus dem Kopf des Künstlers strömt ein ganzes Universum sich überlagernder Bilder von Menschen, Pflanzen und Tieren. In diesem Universum begegnet man dem göttlichen Krischna in inniger Umarmung mit dem Affenkrieger Hanuman und sogar einem schwangeren Mann, in dessen Bauch sich zwei Embryos aneinanderschmiegen.

Die Ausstellung endet mit den Bildern, in denen Khakhar zweit tabuisierte Themen aufgreift – seine Homosexualität und die Erkrankung an Prostatakrebs. Die Schilderungen seines Leidens sind schonungslos, aber auch voll schwarzem Humor. In den Bildern, die nach seinem Coming Out entstanden, vereinen sich Erotik, Spiritualität und menschliche Nähe. Um eine Feier männlicher Schönheit geht es ihm dabei nicht, sondern um, wie er sagt,  „Wärme, Mitleid, Verletzlichkeit, Berührung.“ Two Men in Banaras (1982) setzt einen Kontrapunkt zu You Can’t Please All. Statt in einer beliebigen indischen Stadt befinden wir uns im heiligen Benares, wohin seit 2.500 Jahren gläubige Hindus pilgern. Ein sichtbar erregtes Paar hat den einzelnen Mann abgelöst. Innig umarmen sich die beiden nackten Männer. Ihre Füße sind von einer Art weiß-blau schimmernder Aura umgeben – so als ob die Intensität dieser Begegnung tatsächlich elektrische Energie freisetzen würde. Es ist seine Wahrheit, die Khakhar hier gemalt hat – eine Wahrheit, die gerade im damaligen Indien wie ein Schock gewirkt haben muss. Doch der Titel seines ersten Katalogs lautete nicht umsonst Truth ist Beauty and Beauty ist God.
Achim Drucks

Bhupen Khakhar: You Can’t Please All
18.11.16 bis 05.03.17 mit
Deutsche Bank KunstHalle, Berlin