No Shooting Stars
Basim Magdy im Arnolfini in Bristol

Nach der Premiere in der Deutsche Bank KunstHalle in Berlin und Gastspielen in Rom und Chicago steht Basim Magdys „The Stars Were Aligned for a Century of New Beginnings“ jetzt im Arnolfini in Bristol auf dem Programm. Einer der Schwerpunkte der Ausstellung sind die Filmarbeiten des „Künstlers des Jahres“ 2016.
Das Wasser ist für den Psychoanalytiker C.G. Jung ein Symbol für das Unbewusste. Wie ein Ozean „entsendet es mächtige Wellen mit fast genauer Regelmäßigkeit in unser Bewusstsein". Basim Magdys neuer Film No Shooting Stars (2016) taucht ein in die verborgene, geheimnisvolle Welt des Meeres, dorthin, wo das Leben entstand. Doch so fließend und ungreifbar wie die Unterwasserwelt, ist auch sein Film: Bilder von Stränden, Inseln und Meeresbrandung – aber auch von Bergwiesen oder dem Abbruch eines Gebäudes – konterkarieren die poetischen Erzählungen eines mysteriösen Wesens. Von ihm erfährt man nur, dass es im Ozean lebt. Es könnte sich um eine Nixe handeln, aber auch um eine alte Meeresschildkröte oder ein Seeungeheuer.

Der „wässerige“ Charakter des Films passt nicht nur gut zum Arnolfini, das in einem ehemaligen Lagerhaus im historischen Hafenviertel von Bristol liegt. Er passt auch bestens zu Magdys visuellem und poetischem Denken. Dieses gleicht einem fließenden Bewusstseinsstrom, der im digitalen Zeitalter auch immer wieder die Zirkulation von Bildern und Informationen und die fließenden Grenzen zwischen Realität und Virtualität reflektiert. Wer sich darauf einlässt, dass es hier keine Vergangenheit oder Zukunft gibt, keine Kausalität, sondern nur Offenheit, der mag sich zunächst vorkommen wie im freien Fall. Doch das Paradoxe ist, dass wir gerade durch dieses Loslassen genau dort landen, wo wir uns befinden – in der Gegenwart.

The Stars Were Aligned for a Century of New BeginningsDie Sterne standen gut für ein Jahrhundert des Neubeginns lautet der Titel von Magdys Ausstellung. Im Frühjahr 2016 war sie erstmals in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen. In einer leicht modifizierten Fassung wanderte sie danach ins MAXXI in Rom und das Museum of Contemporary Art Chicago (MCA) weiter. Der Titel der Schau des „Künstlers des Jahres“ 2016 klingt optimistisch, fast euphorisch. Doch tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Er ist eine ironische Anspielung auf eine Menschheit, die unverdrossen ihre Fehler wiederholt und nach jeder weiteren Katastrophe denkt, es würde trotzdem alles weitergehen.

Die Gesellschaft, die Magdy in seinem Film The Dent (2014) schildert, ist in größenwahnsinnige Projekte mit irrationalen Hoffnungen verstrickt. Voll absurdem Humor erzählt er von dem hoffnungslosen Unterfangen der Bewohner einer Kleinstadt: Sie möchten die Olympischen Spiele ausrichten. Dabei schält sich aus der wabernden Geräuschkulisse des Films die Melodie des Abba-Songs SOS heraus – wie ein Hilferuf aus einer fernen und doch sehr nahen Welt. Dagegen wirkt 13 Essential Rules for Understanding the World wie die Parodie eines Lehrfilms, in dem sprechende Tulpen unangenehme Wahrheiten über den Zustand unseres Planeten verkünden.

Auf den psychedelisch bunten Papierarbeiten des 1977 geborenen ägyptischen Künstlers scheint die Apokalypse dagegen bereits stattgefunden zu haben. Und die Zeit danach ist surreal. Die Politiker sind entmachtet, gigantische Kraken regieren die Menschheit und lassen sie Kapitulationserklärungen für ihr kollektives Versagen unterschreiben. Forscher streifen durch verlassene futuristische Bauwerke, Schädel, Kristalle und außerirdische Raumschiffe erscheinen am Himmel.

„Wenn ich sehe, was um mich herum passiert, ist es für mich nur eine rationale Entscheidung eine Arbeit über eine mögliche, post-apokalyptische Zukunft zu machen“, sagt Magdy. „Das verbindet sich aber auch mit dem Konzept der vergehenden Zeit, das ich ständig in meiner Arbeit zu entziffern versuche. Das einzig mögliche Ergebnis dieses Interesses ist allerdings der Wunsch, dass ich eine Kristallkugel oder eine Zeitmaschine hätte, um in die Zukunft zu reisen und ein Zeugnis davon ins Heute zurückzubringen.“

In diesem Sinne kann man seine traumartigen Arbeiten als durchaus kritische Kommentare zur Gegenwart verstehen. Tatsächlich leben wir nicht mehr im Zeitalter der großen Erzählungen, die suggerieren, dass alles einem übergeordneten Zusammenhang folgt. Wir leben im Zeitalter der digitalen Information. Alles ist auf den Augenblick gerichtet, in dem es keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr gibt, sondern nur permanente Gegenwart und Gleichzeitigkeit. Von der Idee, die Welt mit Bedeutung zu versehen, gilt es sich zu verabschieden. Wie alle anderen Lebewesen sind wir in dieser permanenten Gegenwart dem Zufall und der Willkür ausgeliefert – ohne Masterplan. Zugleich befreit uns das von unterdrückenden Ideologien oder religiösem Fanatismus. Magdys flüchtige Erzählungen fordern uns auf, querzudenken, Widersprüche zu akzeptieren und uns ohne Dogmen für das Hier und Jetzt zu öffnen.


Basim Magdy:
The Stars Were Aligned For a Century of New Beginnings

14.04. – 18.06.2017
Arnolfini, Bristol