History Lessons: Kemang Wa Lehuleres Reise von der Vergangenheit in die Zukunft

Heute ist Kemang Wa Lehulere einer der wichtigsten Gegenwartskünstler Südafrikas. Doch der Weg dahin war nicht leicht. Mit Sean O‘Toole hat er über Erfolge und Verluste, Vergänglichkeit und den Sündenfall gesprochen. Ein Studiobesuch.
Als er sich entschlossen hatte, Künstler zu werden, musste Kemang Wa Lehulere erst einmal seinen Weg in die Welt finden. Nicht nur dass er zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn kein Atelier hatte, auch sollte die figurative Malerei, für die er seinen ursprünglichen Beruf als Schauspieler aufgegeben hatte, nur ein Übergang bleiben. Schon bald wandte er sich experimentelleren, kollektiven Ansätzen zu, die bis heute seine Kunstproduktion bestimmen. Seitdem arbeitet er eng mit anderen Künstlern und Projektbeteiligten zusammen. Der Verzicht auf ein Studio hatte dabei weder praktische noch konzeptionelle Gründe. Der heute gefeierte und mit Preisen ausgezeichnete südafrikanische Künstler – Sohn eines weißen Vaters und einer schwarzen Mutter, beide Jazzmusiker – konnte sich damals diesen Luxus schlichtweg nicht leisten. „Ich wollte immer ein Studio haben“, sagt Wa Lehulere, „Künstler des Jahres“ 2017 der Deutschen Bank, „bis vor Kurzem prägte die Tatsache, keines zu haben, meine ganze Arbeitsweise. Daher auch die Wandzeichnungen mit Kreide, die Performances und alle kollaborativen Projekte, die sich in meinen früheren Werken in Richtung Intervention bewegten.“

Heute nimmt Wa Lehuleres Künstlerwerkstatt den gesamten fünften Stock eines unscheinbaren Ziegelbaus im Zentrum von Kapstadt ein. Dazu gehört auch ein Raum mit Blick auf ein Gebäude der Stadtverwaltung, auf das beliebte, nach dem Dramatiker Athol Fugard benannte Stadttheater und auf ein Museum, das dem District Six gewidmet ist. Dieser früher als multiethnisches Zentrum geltende Bezirk wurde zwischen 1968 und 1982 von den Machthabern der Apartheid gewaltsam geräumt, abgerissen und in ein Wohnviertel für Weiße umgewandelt. Hier, in seinem Studio, zeigt mir Wa Lehulere eine Serie von Objekten: Vogelhäuser mit kleinen Giebeldächern, angefertigt aus dem Holz ausrangierter Schulpulte. Sie werden in seiner Ausstellung Bird Song in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen sein. Inspiriert sind sie von Wa Lehuleres langjährigen Recherchen zum Leben und Werk der weitgehend in Vergessenheit geratenen expressiven Malerin Gladys Mgudlandlu (1917–1979). Die ausgebildete Lehrerin begann erst im Alter von vierzig Jahren zu malen. Häufige Motive ihrer Bilder sind Vögel, und so nannte sie sich „Bird Lady“ oder in ihrer Muttersprache Xhosa, die auch Wa Lehulere fließend spricht, „Unontaka“ – die Vogelfrau. Die botswanisch-südafrikanische Autorin Bessie Head befand, Mgudlandlu erweise den Weißen mit ihrer geschönten, eskapistischen Kunst eine Gefälligkeit: „Wer will schon an die Schrecken des Lebens in den Townships erinnert werden?“

Die zusammengebauten Vogelhäuser verweisen auf einen kaum bekannten Aspekt in Wa Lehuleres Biografie: „Ich habe an der High School das Tischlern gelernt“, berichtet der Künstler mit dem dichten, lockigen Haar, den braunen Augen und dem struppigen Bart, der je nach Licht rötlich schimmert – das Erbe seines verstorbenen irischen Vaters David McKibbin. „Mir wurde beigebracht, Tische, Stühle und Schränke zu fertigen“, erzählt Wa Lehulere, „ich habe das Drechseln gelernt. Alle diese Fähigkeiten habe ich nicht genutzt, bis ich endlich ein eigenes Studio hatte.“ Und dazu gehört heute eine eigene Werkstatt mit professionellen Maschinen für die Holzbearbeitung. „Hier habe ich die Ausrüstung, um an meinen Skulpturen zu arbeiten, ohne die anderen Bereiche meiner Arbeit zu vernachlässigen“, erklärt er nicht ohne Stolz. Um in die Werkstadt zu gelangen, müssen wir durch sein vollgestopftes, rot angestrichenes Büro gehen, mit Skizzen und Kunstwerken an den Wänden, die Wa Lehulere bei seiner Arbeit inspirieren.

Auf einer gestreiften Couch liegen zwei noch eingeschweißte Bücher des nigerianischen Autors Kole Omotoso und des in Südafrika aufgewachsenen, portugiesischen Schriftstellers und Poeten Fernando Pessoa. Neun Tuschezeichnungen von Wa Lehulere, einige mit figurativen Elementen, sind an die Wand geheftet. In seinen Ausstellungen ist die Zeichnung ein wiederkehrendes Medium – sei es auf Papier oder auf seinen komplexen Wandtafeln, die er mit Kreide ausführt und auf denen immer wieder bestimmte Motive erscheinen: bandagierte Figuren, Kämme oder Radiergummis. Auf einem Regal gleich neben seinem Schreibtisch finden sich ein ausgestopfter afrikanischer Graupapagei und zwei aus Gips gefertigte Gebissabdrücke des Künstlers. Wa Lehuleres Werk entwickelt sich kontinuierlich weiter. In seinen Ausstellungen greift er Ideen vorangegangener Schauen auf, die er dann oftmals auf völlig neue und unerwartete Weise ausarbeitet. Im letzten Jahr produzierte er eine Skulpturengruppe mit dem Titel Once Bitten, Twice Shy, die aus Teilen alter Schultische gefertigt ist und zu der auch Nachbildungen von Wa Lehuleres Gebiss gehören, deren Zähne sich in mit Blattgold ummantelte Bücher bohren. Darauf basierend entstanden die ebenfalls aus alten Schultischen gebauten, krückenartigen Strukturen mit Xhosa-Bibeln, die von Gebissen schraubzwingengleich zusammengepresst werden.

„Für mich geht es bei dieser Arbeit um den Sündenfall im biblischen Sinn“, erklärt Wa Lehulere der Kuratorin der Deutschen Bank, Britta Färber, „der meiner Meinung nach die früheste Überlieferung gewaltsamer Vertreibung aus dem Garten Eden ist.“ Broken Wing, die Weiterentwicklung dieser Arbeit für die Berliner Präsentation, nutzt dieses ganz elementare Bild der christlichen Mythologie, um die südafrikanische Geschichte zu kommentieren, insbesondere die Vertreibung von Schwarzen von ihrem Land und ihre Übersiedlung in die von der Rassentrennung bestimmten Arbeitslagern, die als Townships bekannt sind. Die Township ist für Wa Lehulere ein wichtiger Ort der Reflexion. Er selbst wuchs in Gugulethu auf, einer Township, die 1958 errichtet wurde, um die stetig wachsende schwarze Bevölkerung Kapstadts aufzunehmen. Als er in den frühen 2000er-Jahren mit der Malerei begann, bildete er in seinen Werken auch den Alltag der Townships ab. Zwei dieser frühen Bilder finden sich in seinem Büro. Eines zeigt in schmutzigen Orangetönen die Errichtung von Neubauten im Jahr 2004, das andere ein expressives, in Braun- und Blautönen gehaltenes Porträt eines älteren Mannes.

„Als ich mit der Kunst begann, habe ich viel gemalt“, erzählte Wa Lehulere 2015 in einem Interview mit dem Kurator Hans Ulrich Obrist, einem frühen und einflussreichen Unterstützer. Inzwischen umfasst sein OEuvre Videos, Performances, Zeichnungen, skulpturale Installationen und nur schwer einzuordnende Aktionen, die aus seinen Kollaborationen mit anderen Künstlern hervorgehen. Um seine heutige Kunstpraxis zu verstehen, ist es wichtig, seine Anfänge als Maler zu kennen. Ich frage Wa Lehulere, warum er Mitte der 2000er-Jahre mit der Malerei aufgehört hat. Während er auf seinem Handy Nachrichten an einen Jazzmusiker verschickt, den er im Anschluss an unser Gespräch wegen eines Musikstücks für Bird Song treffen wird, beschreibt er, wie seine konservativ ausgerichtete Hochschulausbildung ihn schon früh an Künstler wie Vincent van Gogh und den Expressionismus heranführte. Doch die Entscheidung, mit dem Künstler Unathi Sigenu zusammenzuarbeiten, habe seine Kunstauffassung bald radikal verändert. Diese Begegnung prägte nicht nur seine gesamte Arbeitsweise, sondern ließ ihn die Kunst auch als Instrument für die historische Recherche entdecken.

Wa Lehulere und Sigenu, Kinderfreunde aus Gugulethu, gründeten 2006 Gugulective, ein Netzwerk von Musikern, Künstlern, Schriftstellern und Dichtern. Die ersten Ausstellungen dieses Künstlerkollektivs fanden in Kwa Mlamli statt, einer kleinen Township-Bar, die auch als sozialer Treffpunkt diente. Wa Lehulere realisierte dort Performances und schuf gemeinsam mit Sigenu Installationen, die das Medium Buch zum Thema hatten – frühe Beispiele für Bücher als immer wiederkehrende Elemente in seinen Werken. Wa Lehuleres Umarbeitung von Schultischen in skulpturale Formen für seine aktuellen Arbeiten in Bird Song gehen auf diese Zeit bei Gugulective zurück: Denn bereits damals nutzte er für seine Installation Schultische und -stühle. „Gugulective war quasi der Workshop, aus dem alles hervorging, was ich heute mache“, erläutert Wa Lehulere. Er verwendet „Workshop“ hier im übertragenen Sinn, und doch lässt es sich auch wörtlich als „Werkstatt“ verstehen.

„Zur Zeit von Gugulective hatten wir nie wirklich ein Studio“, sagt Wa Lehulere, der nach dem Tod seiner Mutter Letsego Lehulere, von seinen Tanten aufgezogen wurde. Seine Eltern hatten aufgrund des Verbots gemischtrassiger Ehen, das bis 1985 galt, nie heiraten können. „Jetzt habe ich das Gefühl, alle Projekte machen zu können, die wir verwirklichen wollten, als ich jünger war und mit Unathi über unsere Träume sprach. Damals fehlten uns aber die Mittel, sie umzusetzen.“ Der fließende Übergang vom „Ich“ zum „Wir“ zeugt davon, wie sensibilisiert Wa Lehulere für seine Vergangenheit ist und wie sehr sich das nicht nur in seiner Kunst, sondern auch im Sprechen darüber niederschlägt. An der Wand seines Büros hängt ein Poster von Muhammad Ali. Es war Ali, der 1975 bei einer Rede an der Harvard University ein aus zwei Worten bestehendes Gedicht über radikale Solidarität improvisierte: Me We. Alis Worte fassen perfekt zusammen, wie Wa Lehulere über seine Vergangenheit spricht.

Zu dieser Vergangenheit gehören viele persönliche Verluste. Nachdem sein Vater die Mutter nicht überzeugen konnte, mit ihm nach Europa zu gehen, zog dieser alleine nach England. Eines von Wa Lehuleres wichtigsten frühen Werken verweist verdeckt auf dessen Tod im Jahr 1995: Lefu La Ntate (2005) ist ein dreiminütiges Video, das eine Zigarette zeigt, die langsam bis zum Filter verglüht. Es wurde erstmals 2006 bei einer Gruppenausstellung in Kapstadt gezeigt. Als Wa Lehulere 2013 in der Lombard Freid Gallery seine erste New Yorker Einzelausstellung hat, stirbt sein Freund Unathi unter ungeklärten Umständen. „Dieser Verlust hat eine immer noch große Leere hinterlassen“, sagt Wa Lehulere. Es zeigt, wie erwachsen er als Künstler geworden ist, dass er seine gegenwärtigen Erfolge durch die Verluste erklärt und über die Vorzüge eines Ateliers in der „Wir“-Form spricht. Sigenus künstlerischer Einfluss ist auch in der Berliner Ausstellung unübersehbar – er war es, der Wa Lehulere mit Gladys Mgudlandlus Werk bekannt gemacht hatte.

Wa Lehulere räumt ein, dass ihn Sigenus Begeisterung für ihre Arbeit zunächst kaum mitriss. „Ehrlich gesagt, machte ich mir nie viel aus ihrem Werk“, sagt er. Ein glücklicher Zufall ließ ihn 2014 seine Einstellung überdenken. Er war zu Besuch bei seiner jüngsten Tante Sophia, als ein Nachbar ihm die 2002 erschienene Mgudlandlu-Monografie der Kunsthistorikerin Elza Miles gab. Seine Tante warf einen Blick auf das Buch und ihr fiel ein, dass sie 1971 als Kind das Haus der Künstlerin, einen bescheidenen Sozialbau, besucht hatte. Wa Lehulere war erstaunt. Es war das erste Mal, dass seine Tante dies erwähnte. Und sie erinnerte sich an kunstvolle Wandmalereien, die sie dort gesehen hatte. Seit seiner ersten Einzelausstellung Ubontsi: Sharp Sharp! im Jahr 2009 hatte Wa Lehulere seine verdrängte Familiengeschichte erforscht. Durch die Überschneidung beider Biografien faszinierte ihn nun auch Mgudlandlu. Nach einigen Monaten bekam er die Erlaubnis, ein Segment der Wandbilder in ihrem ehemaligen Haus freizulegen.

„Mich interessiert das Vergängliche, und das zog mich auch bei Gladys an“, sagte er zu mir 2015 bei der Eröffnung von History Will Break Your Heart. Zu dieser Ausstellung gehörten eine Dokumentation von Mgudlandlus Wandbildern sowie Kreidezeichnungen der Tante, auf denen sie die Wandbilder skizzierte, die sie als Kind gesehen hatte. Nach der Schau dachte Wa Lehulere, er könne nun einen Schlussstrich unter seine Auseinandersetzung mit Mgudlandlu setzen. Das erwies sich spätestens in dem Moment als Trugschluss, als ihm die Architektin Ilze Wolff Anfang 2016 eine historische Aufnahme von Luyolo zeigte, einer Ansammlung armseliger Hütten an einem Hang unweit von Kapstadts Marinestützpunkt Simon’s Town. Ähnlich wie im Fall von District Six hatte die Apartheitregierung diese schwarze Gemeinde ausradiert und die Zwangsumsiedlung nach Gugulethu befohlen. Einige von Mgudlandlus Gemälden scheinen Luyolo abzubilden. Im Kontext ihrer weiter andauernden Kollaboration haben Wa Lehulere und Wolff eine Publikation zusammengestellt, in der sie sich auf die Spurensuche nach der Geschichte von Luyolo und Mgudlandlus Gemälden begeben. Diese ist Teil von Wa Lehuleres „Künstler des Jahres“-Katalog.

„Das Projekt zu Gladys war wie eine Initialzündung für etwas, das ich mit dem Tod Unathis verloren glaubte“, so Wa Lehulere über die weitere Beschäftigung mit Mgudlandlus Werk, die ihn auch wieder mit seinem verstorbenen Freund verbindet. „Für mich war Unathi älterer und jüngerer Bruder zugleich. Wenn ich an etwas gearbeitet habe, erzählte ich ihm immer, was ich tat, und umgekehrt erzählte er mir immer, was er tat.“ Diese Vertrautheit und Kollegialität mögen verloren sein. Doch durch dieses Projekt über eine „eskapistische“ Künstlerin, die ihm von seinem Freund ans Herz gelegt wurde – ein „Post-Painterly“-Projekt, das weit über die Malerei oder das Arbeiten im Atelier hinausgeht –, versöhnt Wa Lehulere zumindest die Vergangenheit mit der Gegenwart. Diese Versöhnung wird auch seinen zukünftigen Weg bestimmen – als Künstler, der schließlich doch sein Studio gefunden hat.
Sean O’Toole ist Kunstjournalist und Autor. Er lebt in Kapstadt, Südafrika, und ist Mitherausgeber von „Cityscapes“.

Kemang Wa Lehulere. Bird Song
Deutsche Bank KunstHalle, Berlin
24.3. – 18.6.2017