Let’s Talk: Koki Tanaka & Kai van Eikels über das Zusammenleben

Kunstfans aus der ganzen Welt pilgern zu “Skulptur Projekte Münster”, denn hier wird nicht einfach Kunst im öffentlichen Raum gezeigt. Vielmehr wagt man ästhetische Experimente – so wie das Projekt von Koki Tanaka. In der Videoinstallation des Deutsche Bank „Künstler des Jahres“ 2015 geht es um das Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Kulturen. Erprobt wurde dies ganz konkret in einem Workshop. Dabei kooperiert Tanaka mit Experten wie dem Philosophen Kai van Eikels.
ArtMag: Koki Tanaka, How to Live Together, der Arbeitstitel Ihres Beitrags für die Skulptur Projekte Münster, erscheint programmatisch. Sie haben acht Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen gebeten, zusammen eine Woche lang an verschiedenen Aufgaben zu arbeiten. Als Ort für dieses Projekt haben Sie den Aegidiimarkt im Zentrum von Münster gewählt. Was hat Sie an diesem Ort so fasziniert?

Koki Tanaka: Der Ort, den ich ausgesucht habe, prägt das gesamte Projekt. Als ich das erste Mal nach Münster kam, beschloss ich, mich auf den Aegidiimarkt zu konzentrieren, ein in den Siebziger- und Achtzigerjahren entstandenes Einkaufszentrum neben dem Landesmuseum für Kunst und Kultur. In dem Gebäude gibt es einen Atombunker – zehn Stockwerke unter den Tiefgaragen. Früher existierten an dem Markt auch einmal ein Kloster und eine Kaserne, heute befindet sich dort das Einkaufszentrum. Während des Kalten Krieges wurde darunter dieser Bunker gebaut.

Kai van Eikels: Er bot nur Platz für 3.000 Menschen – in einer Stadt, in der 1978, als der Bunker gebaut wurde, 270.000 Menschen lebten. 

KT: Dieser Ort diente mir als Ausgangspunkt um darüber nachzudenken, wie wir zusammenleben können. Was das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen mit jeweils anderen Hintergründen oder Vorstellungen betrifft, sind wir heute mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert, denn viele Leute sind es offenbar leid, sich mit diesen Unterschieden zu befassen. Die Welt ist in verschiedene Teile aufgespalten. Als dieser Bunker erbaut wurde, dachte man an die Zukunft nach einem Atomkrieg. Auch nach der Katastrophe sollte die Menschheit weiterbestehen. Obwohl der Bunker heute nicht mehr funktionstüchtig ist, steht er immer noch für gewisse Hoffnungen. Deshalb betrachte ich ihn als eine Art Metapher, als Mittel, um Situationen herzustellen, in denen wir neu darüber nachdenken, wie man zusammenleben kann. 

ArtMag: Wie haben Sie die Teilnehmer für diese sozusagen utopische Gruppe ausgewählt?

KT: Zunächst versuchte ich Leute mit unterschiedlichen Nationalitäten und kulturellen Hintergründen zu finden. Ich bat die Kuratoren, verschiedene kleine Institutionen und Kulturzentren hier in Münster zu kontaktieren. Wir wollten so viele potentielle Teilnehmer wie möglich finden. Dann hatten wir einen Orientierungstag. Es kamen etwa 20 Leute, aus denen sich dann eine Gruppe von acht Teilnehmern herauskristallisierte. Tatsächlich habe ich niemanden ausgewählt. Nur acht Leute haben sich letztlich angemeldet. Es waren vor allem Deutsche, aber mit unterschiedlichen kulturellen und familiären Hintergründen. Auch vom Alter her war die Gruppe gemischt. Einer der Teilnehmer oder Darsteller war türkisch-deutsch, eine Teilnehmerin marokkanisch-deutsch und dazu kamen noch Leute aus Frankreich, Amerika und Palästina.

KvE: Ich denke, ein Grund für dieses Resultat ist, dass es für die Teilnehmenden kein festes Ziel gab. Wenn man bei einem Workshop mitmacht, gibt es normalerweise eine Zielsetzung. Man denkt: “Wenn ich eine Woche bei diesem Workshop verbringe, werde ich anschließend dies oder jenes gelernt haben“, während in diesem Fall alles völlig offen war.

ArtMag: Wie sah denn die Struktur dieses Events aus?

KT: Es war ein einwöchiger Workshop, inklusive der beiden Wochenenden. An jedem Tag gab es verschiedene Aktivitäten. Am ersten Tag lautete die Aufgabe etwa ein Rezept aus Kriegszeiten zuzubereiten. Wir kochten einfache deutsche Gerichte aus der Zeit des 2. Weltkriegs und eine schlichte Suppe aus dem Mittleren Osten. Eine Teilnehmerin/ Darstellerin sagte, jedes Rezept aus dieser Region sei im Grunde eine Art Kriegszeit-Rezept. Das Kochen war aber nur eine von neun unterschiedlichen Aktivitäten. Es ging immer um etwas anderes: Diskussionen, Gespräche und sogar ein Film-Workshop.

KvE:
An drei Tagen interviewten sich die Teilnehmer paarweise, sie saßen dabei in einem Auto, das auf der Ebene parkte, die früher als Bunker diente. In diesen Videos erfährt man viel über ihre persönliche Geschichte. Wir hatten eine interessante Mischung an Leuten. Einige wurden hier geboren, leben hier bereits seit langer Zeit. Andere wuchsen hier auf, stammen aber aus Migrantenfamilien. Andere sind wiederum gerade in die Stadt gekommen, um hier zu studieren. So ergaben sich unterschiedliche Bezüge zu Münster und zu der Geschichte dieses Ortes.

ArtMag: Gleichzeitig ist es aber kein soziologisches, sondern ein künstlerisches Projekt.

KvE: Ich habe einen Tag des Workshops ausgerichtet, an dem es darum ging, Techniken aus Tanz und Performance für politische Zwecke zu nutzen. Dabei diente der gesamte Workshop dazu, Filmmaterial für Kokis Beitrag zu den Skulptur Projekten zu produzieren. Er sagte uns, dass wir uns als Darsteller betrachten sollten – so als ob wir Partizipierende spielen würden. Die ganze Zeit gab es deshalb diese doppelte Realität: Wir spielten die Teilnehmer eines Workshops, gleichzeitig veranstalteten wir wirklich diesen Workshop.

ArtMag: Koki, Sie erscheinen selbst nur selten in den Filmen über den von Ihnen initiierten Workshops. Wie stark haben Sie sich bei diesem Workshop engagiert? Betrachten Sie sich als Beobachter oder als Teilnehmer?

KT: Meine Rolle ähnelt sehr stark der eines Kurators, der verschiedene Künstler zu einer Gruppenausstellung oder einer thematischen Schau einlädt. Ich bin kein Beobachter, sondern der Organisator, denn ich bin sehr stark in den ganzen Prozess eingebunden. An dem Tag, den Kai moderierte, konnte er alle Entscheidungen treffen, insoweit seine Ideen sich im Rahmen des Projekts bewegten. Und natürlich haben wir die praktischen Fragen zu diesem Tag gemeinsam diskutiert. Wenn ich diese einwöchigen Workshops organisiere, lade ich jeden Moderator dazu ein, über diesen Ort nachzudenken – den Atombunker und/ oder mein Thema, das Zusammenleben von Menschen – und dazu seine eigenen Ideen zu entwickeln, so wie ein Künstler. In diesem Sinne organisiere ich die ganze Woche und bin für alles verantwortlich. Wenn etwas passiert, dann trage ich die Verantwortung. Am Ende sagen die Leute: Das ist eine Arbeit von Koki Tanaka, gleichzeitig ist dies nicht wirklich klar. Natürlich bin ich der Künstler/ Organisator – vielleicht allerdings nicht im klassischen Sinn.

ArtMag: Was die Autorschaft betrifft, verstehen Sie es nicht als kollektive Arbeit?

KT: Nein, es ist keine kollektive Arbeit. Ich denke, das, was die Teilnehmer während der Workshop-Woche getan haben, war wirklich eine kollektive Arbeit. Die Dokumentation des Workshops ist es aber nicht. Was das Filmteam festgehalten hat, schneide ich zusammen, so wie ich den Workshop sehe. Deshalb trage ich auch die Verantwortung für das Resultat.

KvE: Partizipation und Autorschaft sind immer eine problematische Angelegenheit. Es macht die Sache aber meist schlimmer, nicht besser, wenn Künstler die Idee haben, durch „kollektive Kreativität“ eine gleichberechtigtere Form der Zusammenarbeit zu erreichen. Denn das bedeutet, dass sie allen anderen ihren Künstlerstatus aufpfropfen. Das unterstellt, dass alle Teilnehmenden das Gleiche wollen – die Freude am Vollziehen, an der Praxis gegen die radikalere Freiheit des ästhetischen Produzierens eintauschen. Dabei bleibt außer Acht, inwiefern diese Teilnehmer eben dadurch, dass sie keine Künstler sind, dabei mithelfen können, der Kunst eine politische Dimension zu verleihen. Wenn Leute, die an Kunstprojekten teilnehmen, hilfreiche Beiträge zu kollektivem politischem Handeln leisten, dann weil sie etwas, das jemand anderes initiiert hat, weitermachen und weiterführen, es dabei etwas verbiegen oder umlenken. Sie sind bereit zu reagieren. Und nur durch Reaktionen wird ein künstlerisches Projekt politisch, wie auch immer seine Ausgangsidee ausgesehen haben mag.

ArtMag: Welche Reaktionen haben Sie denn trainiert?

KvE: Wir haben beispielsweise ein Spiel ausprobiert, das Koki und ich G8 getauft haben. Ich sagte den Teilnehmern, sie sollen sich vorstellen, sie seien die acht souveränen Herrscher der Welt und alles, was sie entscheiden, würde Wirklichkeit. Allerdings seien alle acht gleich mächtig. Wir suchten uns einige wichtige aktuelle politische Themen aus, die wir eins nach dem andern in Angriff nahmen. Jeder konnte Entscheidungen treffen, aber man konnte auf eine Entscheidung nur mit einer anderen Entscheidung reagieren. Einwände und kritische Kommentare, warum etwas keine gute Idee sei, nicht funktionieren werde usw., waren ausgeschlossen. Wer mit einer Entscheidung nicht einverstanden war, konnte sie mit der eigenen Entscheidung außer Kraft setzen – musste aber damit rechnen, dass die andere Partei zurückschlug oder sich eine dritte Partei einmischte und wiederum die Entscheidung veränderte. Die Anordnung verlangte Kooperation zwischen Gleichrangigen.

ArtMag: Sie haben dem Spiel dann auch eine spezielle Regel hinzugefügt.

KvE: Nach einer ersten Runde mit vielen Schwierigkeiten schlug ich vor, jede Entscheidung in Form eines “Yes, and…“ zu formulieren. “Yes-Anding” ist eine Technik aus dem Improvisationstheater: Wie immer deine Antwort auch ausfällt, du musst zunächst das anerkennen, worauf du reagierst, bevor du etwas Eigenes hinzufügst. Und wenn das, was die andere Person gesagt hat, für dich nicht okay ist, musst du es mit deiner eigenen Reaktion umleiten. Verneinung ist möglich, kann aber nicht in bloßer Ablehnung bestehen. Man reagiert eher wie Judo- oder Aikido-Kämpfer, die nie gegen die Bewegung ihres Partners angehen, sondern deren Schwung nutzen, um ihr Ziel zu erreichen. Mit dem „Yes-Anding“ kam unser Spiel in eine Art Fluss. Dieser Fluss wurde seltener durch Einwände unterbrochen, und die Tendenz ging insgesamt zu mehr Kooperation. Die Teilnehmenden konzentrierten sich mehr darauf, eine Maßnahme zu verändern, anstatt zu versuchen, sie außer Kraft zu setzen.

ArtMag: Koki, wie optimistisch waren Sie nach dem Workshop?

TK: Natürlich traten dabei wegen der unterschiedlichen Meinungen auch Spannungen zwischen den Teilnehmern zu Tage. Doch ich denke, nachdem sie das erste Mal zusammen übernachtet und ein paar Workshops gemacht hatten, entwickelte sich zwischen ihnen ein gewisses Vertrauen, auch zur Filmcrew, zu den Organisatoren und zu mir. Wir wurden zu einer Art temporären Gemeinschaft.

Dieses Gespräch setzt sich zusammen aus Teilen eines Interviews mit Koki Tanaka, eines Podiumsgespräches zwischen ihm und Kai van Eikels sowie einem Vortrag von Kai van Eikels.