THE QUESTION: DIE GRÜNE MODERNE
Was können wir von Burle Marx lernen?

Roberto Burle Marx gehört zu den Vätern der brasilianischen Moderne. Was Oscar Niemeyer und Lúcio Costa für die Architektur waren, war er für die Landschafts­gestaltung. Seine Gärten glichen abstrakten Gemälden. Revolutionär waren seine Verwendung von einheimischen Pflanzen und sein ökologischer Aktivismus. Doch was bedeutet Burle Marx’ Denken heute für die Gestaltung urbaner Lebensräume?



Studio Burle Marx: Julio Ono, Haruyoshi Ono, Isabela Ono, Gustavo Leivas
Landschaftsarchitekten, Rio de Janeiro
Foto: Courtesy Burle Marx Landscape Design Studio, Rio de Janeiro

Isabela Ono

Mit seinem visionären Denken war Roberto Burle Marx seiner Zeit weit voraus. Seit den 1930er Jahren nutzte und förderte er innovative Konzepte, die Ökologie, Nachhaltigkeit oder Diskurse über lokale globale Kultur berücksichtigten. Sie werden bis heute von Stadt- und Landschaftsplanern übernommen und weiterentwickelt. Zugleich schuf er eine unverwechselbare Sprache für tropische und moderne Landschaftsgestaltungen. Er glaubte nicht an vorgefertigte Formeln. Zeit seines Lebens ging es ihm darum, neue Erfahrungen zu machen, wobei er Mensch und Natur stets respektierte. Roberto und sein langjähriger Partner Haruyoshi Ono lehrten uns, Kunst als Verbindung von ökologischen und kulturellen Themen zu verstehen. Jeder seiner Landschaftsentwürfe wurde bei ihm zu einer Kunstform, die jeder Bürger genießen kann. Heute erleben wir in den Großstädten ein wachsendes Bedürfnis nach Grünflächen und dem Kontakt zur Natur. Ich glaube, dass die Arbeiten von Roberto uns als Werkzeuge dienen können, um diese aktuellen Herausforderungen zu bewältigen. Wie Roberto sagte: „Unser Handeln ändert sich mit unserem Bewusstsein und wird gleichzeitig durch unsere Umwelt geprägt. Die Verknüpfung von Naturwissenschaften, Biologie, Geisteswissenschaften und künstlerischem Wissen gehören zu dem, was ein umfassendes Verständnis in der Landschaftsarchitektur schaffen kann.“





Piet Oudolf
Gartendesigner, Hummelo
Foto: Courtesy of Piet Oudolf


Piet Oudolf

Roberto Burle Marx war ein multi-disziplinärer Künstler – nicht nur ein Maler oder Bildhauer. Mich fasziniert, dass er in der Welt der Gärten ein Individualist war, ein Modernist.
Als Landschaftsarchitekt drückte er seine Emotionen buchstäblich mittels Pflanzen aus. Charakteristisch sind markante Linien in kreativen geschwungenen Mustern und die Verwendung von Pflanzen in massiven Blöcken – das war absolut neu. Diese blockartigen Pflanzungen erscheinen mir besonders reizvoll.
Dabei wird der Gegensatz zu meinen stärker von der Natur geprägten Arbeiten sichtbar. Die Verbindung, die ich schon viele Jahre zu Burle Marx spüre, ist sein Selbstverständnis als Künstler. Vergleicht man meine Arbeiten mit seinen lässt sich festhalten, dass es uns um mehr geht, als nur die große Leidenschaft für Pflanzen.















atelier le balto: Marc Vatinel, Véronique Faucheur, Marc Pouzol
Landschaftsarchitekten, Berlin
Foto: Yann Monel


atelier le balto

Auch wenn die Projekte eines Gartenarchitekten wie Roberto Burle Marx inspirierend und lehrreich sind, bieten sie keine einfachen Rezepte, die man beliebig anwenden kann. Das bekannteste seiner Projekte ist wohl der vier Kilometer lange Calçadão de Copacabana in Rio de Janeiro. Das liegt auch an der unglaublich starken, grafischen Wirkung der Luftbilder. Der einfachste Weg wäre zu versuchen, das zu kopieren. Aber wer seinen Werdegang genauer anschaut, wird vor allem davon beeindruckt sein, wie sanftmütig er darum gekämpft hat, den Reichtum und die Vielfalt der einheimischen, tropischen Pflanzen wieder ins Bewusstsein zu rücken. Sein Anliegen war auf der einen Seite ein ästhetisches und künstlerisches und auf der anderen ein pädagogisches. Er war sehr großzügig im Hinblick auf die Menschheit.
Burle Marx stattete in den 1990er-Jahren der damals einzigen Hochschule für Landschaftsarchitektur in Frankreich einen Besuch ab. Bei der Besichtigung des Ateliers hat er nicht viel geredet. Aber er hat auf die Pläne geschaut und plötzlich gesagt: „Denk an die Pflanzen, lerne die Pflanzen kennen.“ Dieser Ausspruch fasst sein Leben und Werk trefflich zusammen und auch das, was wir daraus lernen können. Man muss sein Werk nur gründlich genug studieren. Bei genauerer Betrachtung seiner Entwürfe und Anlagen beginnt man zu verstehen, wie wichtig das jeweilige Mikroklima, die Topographie, die Bodeneigenschaften und die Orientierung eines Grundstücks sind, um ein sinnvolles Projekt zu entwickeln. Als Maler und Landschaftsarchitekt war Burle Marx extrem raffiniert in der Weise, wie er die Pflanzen mit ihren Eigenarten präsentierte, inszenierte und für das Gesamtbild nutzte. Ohne sein Interesse für die Ökologie und die Botanik, hätte er dieses nie geschafft. Burle Marx hat nicht dieses ökologische Denken gehabt, das man heute im Kontext der neuen wachsenden Megastädte des 21. Jh. nutzt; dort wird es öfter mit einem neuen Architekturstil assoziiert, der Grünen Architektur. Burle Marx hat sein ökologisches Denken auf seine sehr feine Weise kultiviert und praktiziert und es immer sehr stark mit seinem künstlerischen Denken verwoben. Er hat gezeigt, dass man mit solch einem ökologischen Denken oder überhaupt einer guten Pflanzkenntnis unendlich viele künstlerische Formen entwickeln kann. In diesem Sinn bleiben die Werke von Roberto Burle Marx für uns alle eine beeindruckende Lektion in Landschaftsarchitektur.





Raymond Jungles
Landschaftsarchitekt, Miami
Foto: Alexia Fodere


Raymond Jungles

Burle Marx‘ ökologisches und künstlerisches Denken hat auch auf viele heutige Architekten, Stadtplaner und Landschaftsgestalter einen großen Einfluss. Seine Kreativität ist das auffälligste Kennzeichen seiner öffentlichen Projekte, deren Schönheit meiner Meinung nach Rio bis heute bereichert. Er hat herrliche Plätze geschaffen – mit hohen Bäumen, die auch als großartige Schattenspender fungieren. Dafür hat er viele unterschiedliche brasilianische Baumarten verwendet, die damals noch gar nicht im Handel waren. Jeder Landschaftsgarten, um den man sich nicht kümmert, ist potenziell gefährdet. Aber bei den meisten Gärten von Burle Marx, die ich gesehen habe, handelt es sich zumindest um wunderschöne Ruinen, in denen sich die Menschen noch immer gern aufhalten.





Jens Hoffmann
Director of special exhibitions and public programs, The Jewish
Museum, New York, Ko-Kurator der Ausstellung “Roberto Burle Marx:
Brazilian Modernist”
Foto: Robert Adler


Jens Hoffmann

Burle Marx war ein Romantiker, doch auch ein dezidiert politischer Mensch. Indem er erstmals einheimische Pflanzen im Gartendesign verwendete, half er, der Landschaftsarchitektur Brasiliens sich von den kolonial geprägten, europäischen Konzepten zu emanzipieren. Damit trug er zur intellektuellen Unabhängigkeit von der Alten Welt bei.
Der Aktivismus, mit dem er sich in seinem Heimatland für einen Stop der Abholzung in der Amazonasregion und der Vertreibung der Ureinwohner einsetzte, ist ein weiteres Beispiel für Burle Marx’ politisches Engagement.
Doch sein bedeutendstes Erbe ist seine Ermutigung, sich nicht auf die Dauerhaftigkeit oder den vermeintlichen Fortbestand von Objekten und Waren zu fokussieren. Seine Welt ist bestimmt von langsamen Prozessen, sensiblen Aktionen und den organischen, unkalkulierbaren Entwicklungen der Natur.