Abstrakte Malerinnen der West-Coast
Her California Continuum in der 60 Wall Gallery

Sieben Jahre nach ihrem Tod erfährt Helen Lundeberg eine außergewöhnliche Hommage. Die legendäre Band Sonic Youth widmet ihr 2006 auf dem Album Rather Ripped einen Song, in dem sie sämtliche Titel der Arbeiten aus der Ausstellung Helen Lundeberg and the Illusory Landscape aufzählt. Diese wurde 2004 posthum in der Galerie Louis Stern Fine Arts in Los Angeles gezeigt. Das ist kein Zufall. Sonic Youth, deren Plattencover Werke von Gerhard Richter oder West-Coast Künstlern Mike Kelley oder Raymond Pettibon zieren, sind selbst eine Größe in der US-Kunstszene. Mit ihrem Song verewigen sie eine Pionierin der Hard-Edge Malerei der 1960er. Lundeberg, deren Werke 2013 auch in der großen Überblicksschau Pacific Standard Time vertreten waren, ist prägend für die Malerei der West-Coast. 1908 in Chicago geboren, zieht sie mit ihrer Familie nach Pasadena und besucht dort die Kunsthochschule. Hier lernt sie auch ihren späteren Mann, den Maler Lorser Feitelson kennen, bei dem sie studiert. Mitte der 1930er Jahre begründen sie gemeinsam den „Subjektiven Klassizismus“, der stark vom Surrealismus, der Malerei der Renaissance aber auch Künstlern wie Giorgio de Chirico geprägt ist. Während in den 1940ern noch traumartige Bilder entstehen, in denen sie Figuren oder Objekte mit geometrisch reduzierten räumlichen Elementen kombiniert, bewegt sich Lundebergs Malerei Ende der 1950er auf die reine Abstraktion zu. „Mein Werk versucht Geisteszustände, Stimmungen und Emotionen zu evozieren und zu verkörpern“ sagt Lundeberg. Und destilliert aus ihren lyrischen Interieurs und Landschaften reine Flächen, leuchtende Farben und reine Formen. Lundeberg wird zu einer der wichtigsten Protagonistinnen einer durch und durch kalifornischen Abstraktion, die eher von Malewitsch, Mondrian oder Albers inspiriert ist, als vom Abstrakten Expressionismus der New York School, der damals gerade die Welt erobert. Im Gegensatz zu ihren männlichen Zeitgenossen, wie de Kooning oder Pollock, ist Lundeberg der internationale Durchbruch allerdings nie gelungen.

Her California Continuum heißt eine Ausstellung in der 60 Wall Gallery, die Lundeberg und vier weitere abstrakte Malerinnen aus Los Angeles miteinander in Beziehung setzt. Die Schau fokussiert sich dabei auf ein spezifisch weibliches Formenvokabular, das sich seit den 1950ern bis heute in der malerischen Abstraktion der West-Coast in verschiedenen Formen ausprägt und fortsetzt. Entstanden ist die Ausstellung durch den Austausch zwischen Liz Christensen, Senior Kuratorin der Deutschen Bank in New York, und der in Los Angeles lebenden Malerin Katy Crowe, die mit ihren Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist. Her California Continuumist Teil einer Reihe, bei der Künstler und Künstlerinnen aus der Unternehmenssammlung eingeladen werden, mit Werken aus der Sammlung und Leihgaben thematische Ausstellungen mit zu kuratieren. Für die 1952 geborene Crowe ging es sowohl um den formalen Dialog zwischen den einzelnen Positionen, aber auch um die häufig fehlende Sichtbarkeit von Künstlerinnen. Neben Lundeberg ist in der Wall Street 60 eine weitere Hard Edge-Künstlerin zu sehen: June Harwood. 1933 geboren, gehört sie eigentlich zu der Folgegeneration von Lundeberg, doch beide Frauen malten in den 1960ern geometrisch abstrakt. Wie Lundeberg, die assoziative und lyrische Momente in ihre Kompositionen einfließen ließ, reichte es auch Harwood nicht, die Leinwand auf flache Farbflächen zu reduzieren, die positiv und negativ kontrastieren. Sie entwickelt offene  und ineinander verschlungene Formen und kinetische Effekte, um mehr Dynamik und Bewegung in die statische Hard Edge Malerei zu bringen.

Die Verbindung zwischen formaler Präzision, Intuition und einer experimentellen und spielerischen Dimension, vereint alle Künstlerinnen in der Ausstellung. Sie alle sind begnadete Koloristinnen. Virginia Holts beginnt in den 1960ern zu malen. Ihre expressiven Abstraktionen sind von Musik und Pop Kultur inspiriert, vor allem von der Musik Captain Beefhearts. Der Autor und Maler Don Van Vliet, der musikalisch unter dem Pseudonym Captain Beefheart auftrat, war ein Freund Holts. So wie Captain Beefheart aus den klassischen Musikformen Rock und Blus einen völlig eigenen psychedelischen Stil erschuf, nutzt auch Holt Zitate aus der Moderne und der Geschichte der geometrischen Abstraktion, um neue Ausdrucksmöglichkeiten zu entwickeln. Katy Crowe malt seit den 1970ern,. Mit Holt steht sie seit den 2000ern in regem Austausch. Crowe fühlte sich von Anfang an in ihrer Malerei zu architektonischen Grundformen hingezogen. Später kamen organische Strukturen hinzukamen, die sie ebenfalls reduziert und herunterbricht, um die Wirkung von Farbe und Fläche zu erkunden. Als jüngste Künstlerin in der Ausstellung kam Pamela Jordan 1994 nach Kalifornien und studierte an der Cal Arts, einer Kunsthochschule, die vor allem für ihre konzeptionelle und institutionskritische Ausrichtung berühmt ist. Mitte der 1990er gilt Malerei als konservatives, wenig vielversprechendes Medium. Doch Jordan verbindet konzeptionelles Denken mit dem Vokabular der modernen Abstraktion. Ihre Bilder lassen an geologische Querschnitte von Erdschichten oder sich ineinander schiebende tektonische Platten denken. So zieht Her California Continuum eine Verbindungslinie von der Nachkriegszeit bis in die aktuelle Gegenwart. Auf dieser Linie kreuzen sich die unterschiedlichsten malerischen Ansätze, Diskurse und Biografien, die zeigen, wie groß und wie zugleich unterschätzt der Einfluss von Künstlerinnen auf die kalifornische Malerei der letzten Dekaden ist. 

Her California Continuum
60 Wall Gallery,
Deutsche Bank, New York
3.April  – 11. August 2017