Alles fließt
Die 13. Sharjah Biennale

Austausch und Zusammenarbeit stehen im Zentrum der Sharjah Biennale, dem wohl bedeutendsten Kulturereignis der arabischen Welt. Die aktuelle, inzwischen 13. Ausgabe wird von Christine Tohmé geleitet. Die libanesische Kuratorin hat 73 Künstler zu ihrer Hauptausstellung eingeladen, die gerade in Sharjah begonnen hat. Darunter sind auch  zahlreiche Künstler aus der Sammlung Deutsche Bank wie Kader Attia, Sarnath Banerjee, Nikhil Chopra, İnci Eviner, Maha Maamoun und das Raqs Media Collective. Sharjah setzt schon seit längerem auf Kunst und Kultur. Hier gibt es allein 30 Museen – mehr als in allen anderen Ländern der Vereinigten Arabischen Emirate zusammen.

Tamawuj lautet der Titel, den Tohmé für ihre Biennale gewählt hat. Das arabische Wort bezeichnet das Auf und Ab der Meereswellen, steht aber auch für fließende, sich verändernde Formen. So wendet sich die in Istanbul lebende Künstlerin İnci Eviner immer wieder gegen feste Rollenbilder und löst Identitäten auf. Das zeigt auch ihr Video Runaway Girls (2015), in dem es um junge Ausreißerinnen geht. Doch die erklärte Feministin hat keine Sozialreportage gedreht. Stattdessen lässt Eviner ihre Performer, deren Gesichter hinter mit Zeichnungen bedeckten Papiermasken verschwinden, in einer leer stehenden Fabrikhalle miteinander tanzen oder kämpfen. Das Geschlecht der Darsteller ist dabei nie eindeutig auszumachen.

Auch Basim Magdy verweigert sich jeder Eindeutigkeit. No Shooting Stars, der neue Film des „Künstler des Jahres“ 2016 der Deutschen Bank, passt perfekt zu Tohmés Biennale-Titel. Der Film ist ein visuelles Gedicht über das Meer, Gewässer und Küsten. Die sich überlagernden Bilder, deren Farben Magdy mit Hilfe chemischer Substanzen manipuliert hat, besitzen eine hypnotische Kraft. Dazu ist ein Erzähler zu hören, doch wir erfahren nie wirklich, wer hier spricht – manchmal erscheint es, als wäre es der Ozean selbst. Magdys Film ist auch im Rahmen seiner Ausstellung im Arnolfini in Bristol zu sehen. Mit Yto Barrada ist eine weitere „Künstlerin des Jahres“ in Sharjah vertreten. Sie zeigt ihre neuesten Skulpturen, die auf „Assemblagen“ von Klempnern aus ihrer Heimatstadt Tanger basieren. Entsorgte Rohre, Wasserhähne und Armaturen verwandeln die Männer in fantastische Objekte, mit denen sie auf den Plätzen der Stadt für ihre Dienste werben. Barrada verwischt hier die Grenzen zwischen Kunst, Kunsthandwerk und Handwerkskunst.

Neben Tamawuj bringt Tohmé noch vier weitere Begriffe ins Spiel: Erde, Wasser, Ernte und das Kulinarische. Immer wieder klingen sie in den insgesamt 133 Werken an: Lemos Auad hat einen Garten mit medizinischen Pflanzen angelegt. Uriel Orlows Video The Crown Against Mafavuke (2016) schildert, wie 1940 in Südafrika vor Gericht zwei Auffassungen von Medizin zusammenprallen: traditionelle Kräuterheilkunde und westliche, wissenschaftsbasierte Arzneikunde. Das Londoner Künstlerduo Cooking Sections thematisiert in seiner Performance den Klimawandel und serviert ein Dinner, dessen Zutaten aus Pflanzen bestehen, die mit wenig Wasser auskommen und von daher auch in trockenen Regionen wachsen.

Tohmé lässt aber auch das konventionelle Biennale-Format in Fluss geraten. Ihr Projekt umfasst viel mehr als nur die Ausstellung in Sharjah. Zur Eröffnung organisierte sie ein lebendiges Programm aus Diskussionen, Filmen und Performances, an dem auch das Raqs Media Collective und Maha Maamoun, der in den Deutsche Bank-Türmen eine ganze Etage gewidmet ist, teilnahmen. Die Biennale startete bereits im Oktober 2016 mit der SB13 School, einem auf ein Jahr angelegten Bildungsprogramm, und einer Online-Plattform. Durch Off-Site-Projekte in Dakar, Istanbul, Ramallah und Beirut ist sie mit ganz unterschiedlichen lokalen Szenen vernetzt. Ziel ist es, die Verbindungen zwischen den Künstlern, Kuratoren und Forschern in der Region zu stärken und dadurch den Fluss von Wissen und Erfahrungen zu ermöglichen.
A.D.

Sharjah Biennial 13
Sharjah
bis 12.06.2017