Fotografien werden Bilder
Städel Museum feiert die Becher-Schule

Sie revolutionieren das Medium Fotografie. Als Erste experimentieren die Schüler von Bernd und Hilla Becher mit überdimensionalen Bildformaten, deren kristalline Schärfe jedes noch so kleine Detail sichtbar macht.Heute arbeiten sie zum Teil mit gefundenem Bildmaterial und neuester Digitaltechnik. Mit der Becher-Schule beginnt Anfang der 1990er Jahre der Siegeszug der deutschen Fotografie in den internationalen Museen und auf dem Kunstmarkt. In einer umfassenden Überblicksausstellung des Frankfurter Städel Museum lässt sich diese Entwicklung jetzt nachvollziehen. Rund 200 Fotografien, darunter zahlreiche Leihgaben aus der Sammlung Deutsche Bank, dokumentieren den Weg von Bernd und Hilla Bechers nüchternen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu Andreas Gurskys digital bearbeiteten Großformaten oder Thomas Ruffs Adaptionen von Bildmaterial der NASA. Neben diesen international renommierten Positionen sind aber auch spannende Wiederentdeckungen wie Volker DöhneTata Ronkholz und Petra Wunderlich vertreten.

Ausgangspunkt von Fotografien werden Bilder sind die zu Rastern angeordneten Aufnahmen der Bechers – kühl-distanzierte Typologien von Industriearchitekturen und Fachwerkhäusern zwischen Dokumentation und Minimal Art. Dieser konzeptuelle und serielle Ansatz prägt vor allem die frühen Arbeiten ihrer Schüler an der Düsseldorfer Kunstakademie, so etwa Tata Ronkholz’ Fotografien von Trinkhallen und Schaufenstern. Wie die Bechers wenden sich auch ihre Studenten häufig übersehenen Aspekten des bundesdeutschen Alltags zu. Candida Höfer widmet sich der türkischen Community in Köln, Thomas Struth schlendert durch Düsseldorf, um die „hässlichen Ecken zu fotografieren, die normalerweise nicht thematisiert werden“. Dabei entstehen Bilder, mit denen man heute auf Zeitreise in die Bundesrepublik der 1970er und 1980er Jahre gehen kann. „Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat“ - so brachte die Band Fehlfarben die damalige Stimmung auf den Punkt.

Doch schnell erweitern die Becher-Schüler den Fokus ihrer Arbeit. Sie fotografieren nicht nur auf der ganzen Welt, sondern loten auch immer wieder die formalen Möglichkeiten des Mediums aus, arbeiten mit Farbe, später dann mit digitaler Technik. So manipuliert Jörg Sasse Amateuraufnahmen am Computer und lässt suggestive, zugleich real und irreal wirkende Bilder entstehen. Auch Andreas Gursky steht für die Hinwendung zur digitalen Bildbearbeitung. Ohne sie wären seine detailreichen Großformate wie etwa Atlanta (1996) aus der Sammlung Deutsche Bank nicht möglich. Gursky verwandelt die Ansicht einer 22 Stockwerk hohen Hotelhalle in eine nahezu abstrakte Komposition aus Horizontalen und Vertikalen. Die Fotografie wird hier zum Gemälde, Format und Rahmung verleihen ihr zusätzlich eine objekthafte Präsenz. So veranschaulichen die Werke der Bechers und ihrer Schüler nicht nur die Emanzipation der Fotografie als künstlerisches Medium. Sie reflektieren zugleich jenen Moment, in dem sich die medialen Grenzen zwischen Fotografie, Malerei und Skulptur auflösen.
A.D.

Fotografien werden Bilder. Die Becher-Klasse
27.04.–13.08.2017
Städel Museum, Frankfurt