Neue Ernsthaftigkeit
Die Whitney Biennale 2017

Die Essays im Katalog zur diesjährigen Whitney Biennale kommen ganz ohne Verweise auf die Theorien französischer Poststrukturalisten aus. Stattdessen fallen Begriffe wie Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Spiritualität. Bei seiner Eröffnungsrede verkündete Whitney-Direktor Adam Weinberg zudem den Abschied von der Ironie. Schwierige Zeiten verlangen Klarheit und Ernsthaftigkeit. Und so präsentiert sich die aktuelle Ausgabe der 1932 gegründeten Kunstschau ohne jede Effekthascherei. Die Whitney Biennale 2017 ist dezidiert politisch, kommt jedoch ohne Polemik und platte Anti-Trump-Propaganda aus.

Die Kuratoren Christopher Y. Lew und Mia Locks, beide Mitte dreißig und mit asiatisch-amerikanischem Hintergrund, begannen mit ihren Vorbereitungen 2015, also zu den Hochzeiten von Barack Obama. Ihre Künstlerliste verkündeten sie dann kurz nachdem Donald Trump die Wahl gewonnen hatte – also gefühlt nach dem Anbruch einer neuen Ära in der amerikanischen Geschichte. Viele der Themen, die den aggressiven Wahlkampf bestimmt hatten, kehren in den Arbeiten der zumeist jungen Biennale-Teilnehmer wieder: illegale Immigration, Rassismus, Islamophobie und die Situation an der Grenze zu Mexiko.

In einer geradezu prophetischen Videoinstallation der Künstlergruppe Postcommodity wird diese Grenze zum Gefängnis. Auf alle vier Wände eines abgeschlossenen Raums werden Filme des Zaunes zwischen den USA und Mexiko projiziert. Die Aufnahmen entstanden aus einem fahrenden Auto heraus. Die schnell vorbeirauschenden Grenzpfosten machen geradezu schwindelig und man fühlt sich, als säße man in einem sich bewegenden Käfig. Auf das gespannte Verhältnis zwischen den USA und Mexiko verweist auch Rafa Esparzas Konstruktion aus Lehmziegeln, sogenannten Adobe, einem traditionellen Baumaterial der Armen im südlichen Amerika. Der in Los Angeles lebende Künstler hat daraus eine Art archaischer Kultstätte errichtet. Doch an ihren Wänden hängen keine Götterbilder, sondern Dorian Ulises López Macías‘ Porträtfotografien von Mexikanern, von jungen Männern, wie sie Trump und seine Wähler gerne ausweisen würden.

Die diesjährige Whitney Biennale verzichtet auf einen Ausstellungstitel oder ein Oberthema, doch fallen zwei Tendenzen ins Auge: die Beschäftigung mit dem Körper und die Rückkehr der Malerei. Beide Tendenzen vereinigen die Arbeiten von KAYA. Das in New York ansässige Duo besteht aus der deutschen Malerin Kerstin Brätsch, die auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, und dem texanischen Bildhauer und Videokünstler Debo Eilers. Gemeinsam haben sie Hybride zwischen wild-expressiven abstrakten Gemälden und Plastikskulpturen geschaffen – befremdliche Organismen, die zu atmen scheinen und definitiv nicht von dieser Welt stammen.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Körper treibt die sicherlich umstrittenste Arbeit der Ausstellung auf die Spitze. Jordan Wolfson, der schon mit seinem tanzenden, Lady-Gaga-artigen Roboter für Aufsehen sorgte, präsentiert im Whitney seinen neuen Virtual-Reality-Film. Zum Glück zeigt er nicht das, was sein Titel verspricht: Real Violence. Es ist ein menschenähnlicher Roboter, dessen Kopf hier mit einem Baseball-Schläger buchstäblich zu Brei geschlagen wird – auf einer belebten Straße, mitten zwischen achtlos vorbeilaufenden Passanten. Dank einer High-Tech-Brille fühlt man sich, als wäre man tatsächlich ein Augenzeuge dieser extrem brutalen Szene. Wie unter einem Brennglas macht der 90-sekündige Film den immensen Hass sichtbar, der nicht nur Teile der amerikanischen Gesellschaft durchzieht. Erholung bieten dann die mit Tausenden von Glasperlen geschmückten lebensgroßen Figuren von Raúl De Nieves. Sein in einer rätselhaften, sakralen Zeremonie begriffenes Paar steht vor riesigen Fenstern, die er mit farbigen Folien beklebt hat. Die Bilder auf den Fenstern wirken, als hätte hier Keith Haring eine alte Heiligenlegende illustriert.

Dass figurative Malerei auch heute nicht obsolet ist, beweisen unter anderem die Beiträge von Dana Schutz. Ihr Großformat Elevator zeigt zusammengequetschte Körper und riesige Insekten, die aus einem Fahrstuhl quellen – ein Picasso für das 21. Jahrhundert. Explizit politisch ist dagegen ihr Gemälde Open Casket. Es erinnert an Emmett Till, einen 15-jährigen Schwarzen, der 1955 von weißen Rassisten erschlagen wurde. Henry Taylor dokumentiert, dass diese Gewalt noch immer an der Tagesordnung ist. Eines seiner Gemälde ist dem Afroamerikaner Philando Castile gewidmet, der 2016 von einem Polizisten durch das Fenster seines Autos erschossen wurde. THE TIMES THAY AINT A CHANGING, FAST ENOUGH!, so der bittere Titel dieser Arbeit. Taylor, dessen Bilder einmal als malerisches Äquivalent zum Blues beschrieben wurden, teilt sich seinen Galerieraum mit der Fotografin Deana Lawson. Auf ihren intimen, sorgfältig komponierten Aufnahmen porträtiert sie Menschen aus der schwarzen Community.

Die Biennale findet dieses Jahr erstmals in dem von Renzo Piano entworfenen Neubau des Whitney statt. Die großzügige Architektur bietet den Arbeiten allen Raum, den sie brauchen. In der ganzen Ausstellung sind die skulpturalen Objekte von Jessi Reaves verteilt, die auch als Sitzgelegenheiten dienen. Sie stehen auch vor Frances Starks 10-teiliger Serie von Schriftbildern. Darauf zitiert die Künstlerin, die auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, kurze Passagen aus Ian F. Svenonius Buch Censorship Now!!. Svenonius war Mitglied diverser Punk Bands und ist heute vor allem Essayist für Magazine wie Vice aktiv. Er fordert nicht nur, dass Künstler das Recht bekommen sollen, schlechte Musik zu verbieten. Auch Hassreden, mit denen rechte Polemiker wie Steve Bannon oder Milo Yiannopoulos ganz bewusst die Grenzen des Sagbaren immer weiter verschieben, sollten seiner Meinung nach zensiert werden. Die konzeptuellen Gemälde werfen viele Fragen auf: Macht sich Stark Svenonius Thesen zu eigen, wenn sie sie abmalt oder stellt sie sie nur zur Diskussion? Wo liegen die Grenzen von Redefreiheit und wer legt sie fest? Wie viele Beiträge der Whitney Biennale 2017ist Starks Gemäldezyklus gute Kunst und zugleich Ausgangspunkt für gesellschaftliche Debatten.
Achim Drucks

Whitney Biennial
bis 11.06.2017
Whitney Museum, New York