Bird Song
Kemang Wa Lehulere in der Deutsche Bank KunstHalle

Kemang Wa Lehulere zählt zu den bedeutendsten Vertretern einer jungen Generation südafrikanischer Künstler. Ausgangspunkt seiner Installationen, Videos und Zeichnungen ist die von der Apartheid geprägte Geschichte seines Heimatlands. Doch die historischen Traumata inspirieren Arbeiten von fragiler Schönheit und Poesie, die weit über Südafrika hinausweisen. Jetzt stellt die Deutsche Bank KunstHalle Kemang Wa Lehulere erstmals in Deutschland mit einer umfassenden Ausstellung vor.
Eine unglaubliche Geschichte verbirgt sich hinter dem ersten Bild in Kemang Wa Lehuleres Ausstellung Bird Song. Es scheint, als habe der Künstler unter dem weißen Putz der KunstHalle das Fragment eines Wandgemäldes aufgespürt. Tatsächlich handelt es sich aber um die Reproduktion eines Bildes aus dem ehemaligen Haus von Gladys Mgudlandlu. Sie war die erste schwarze Künstlerin Südafrikas, deren Bilder in den 1960ern regelmäßig in Galerien ausgestellt wurden – trotz der Apartheid. Wegen ihrer Vorliebe für Vögel wurde sie auch „Bird Lady“ genannt. Doch Mgudlandlu Ruhm verging schnell. Als sie 1979 starb, zählte ihr Werk so wenig, dass die Wandbilder ganz einfach übermalt wurden.

Nach mehr als 50 Jahren wird ihr Wandgemälde durch einen Zufall von Wa Lehulere wiederentdeckt: Bei einem Besuch bei seiner Tante Sophia in Gugulethu, dem Township, in dem Mgudlandlu lebte und er selbst aufwuchs, brachte ein Nachbar ein Buch über die Künstlerin vorbei. Überraschenderweise stellte sich heraus, dass Sophia Lehulere als Kind öfter bei ihr zu Besuch war. Sie erzählte, dass Mgudlandlu die Räume ihres Hauses mit bunten Wandgemälden geschmückt hatte und ihr Neffe beschloss, herauszufinden, ob sie noch existieren.

Im Studio der KunstHalle zeigt seine Dokumentation The Bird Lady in Nine Layers of Time (2015), wie eine Restauratorin vorsichtig zwei Putzschichten und sieben Schichten entfernt und ein Teil von Mgudlandlus Bild freilegt. Darauf ist ausgerechnet eines der Lieblingsmotive der Künstlerin zu sehen – ein Vogel. Das Video dokumentiert die symbolische Befreiung dieses Vogels, aber auch die Beschädigung des Wandbilds durch den Akt des Freilegens. Wie in vielen seiner Arbeiten lenkt Wa Lehulere auch hier den Blick auf etwas, das verloren ging oder vergessen wurde. Gleichzeitig macht er auch die Zerstörung sichtbar. Die Narben, die die Geschichte verursacht hat, bleiben bestehen – nicht nur in Südafrika.

Das faszinierende an Wa Lehuleres Werk und an seiner Ausstellung als „Künstler des Jahres“ ist die Tatsache, dass hier alles ineinander fließt, dass inhaltliche, aber auch formale Motive immer wieder aufgenommen werden. Die Entdeckung von Mgudlandlus Vogel wurde dabei zu einem Ausgangspunkt für sein aktuelles Ausstellungsprojekt: „Daraufhin begannen wir uns mit Vögeln zu beschäftigen, mit ihrem Flug, mit Vogelklängen – damit, was Vögel im Allgemeinen symbolisieren, aber auch im Kontext der Apartheid in Südafrika, der politischen Situation oder in Bezug zu ihr als Künstlerin“, erklärt er im Interview mit Britta Färber, der Kuratorin der Ausstellung.

So besteht My Apologies to Time (2016), die Installation im ersten Teil des Ausstellungsraumes, aus alten Schulbänken, die Wa Lehulere zu Vogelhäusern umgebaut und mit einem verschachtelten System aus Stahlrohren miteinander verbunden hat. Vogelhäuser können beides sein – geschützte Brutstätten aber auch Instrumente der Domestizierung. Bewacht werden sie von einem ausgestopften Graupapagei. Diese Vogelart gilt als besonders sprachbegabt. Doch sie plappern die gelernten Wörter nur nach, ohne ihren Inhalt zu verstehen. Der Papagei wirkt wie ein bitterer Kommentar: Schulen könnten Orte des selbstständigen Denkens sein, doch häufig sind sie ideologisch geprägte Instrumente zur Kontrolle und Konditionierung.

My Apologies to Time überzeugt auch formal. „Ich wollte die Skulpturen für diese Ausstellung wie eine Zeichnung behandeln“, so Wa Lehulere. Und tatsächlich gleicht seine Konstruktion einer dreidimensionalen, abstrakten Zeichnung. Die Stahlrohre wirken wie Linien, die einfache geometrische Formen miteinander verbinden – was sich dann bei den Schatten der Installation auf dem Boden fortsetzt. Das Material wiederum bringt seine eigene Geschichte mit, die sich buchstäblich in das Holz der Schulbänke eingeschrieben hat: Die Schüler haben ihre Namen in das Holz geritzt oder sich mit Sprüchen wie „Hard Living“ oder „Living in a Box“ verewigt.

Um Spuren der Geschichte geht es auch in dem poetischen Video-Essay Homeless Song 5. Zu Aufnahmen von leer stehenden Häusern, Blumen und Landschaften, die er hin und wieder ins Negativ umkippen lässt, liest Wa Lehulere einen sehr persönlichen Text, in dem es um die gewaltsame Vertreibung der schwarzen Bevölkerung nach Gugulethu geht. Er zitiert Achille Mbembe, einen bedeutenden Theoretiker des Postkolonialismus, ebenso wie die Lyrikerin Gladys Thomas. Ihr Gedicht Fall Tomorrow mit den Zeilen „Do not paint a wall, tomorrow it will have to fall …“ bezieht er auf Gladys Mgudlandlu. Sie hat eben doch die Wände ihres Hauses bemalt – als Akt der Aneignung und Selbstvergewisserung. Den schwarzen Bewohnern von Gugulethu war es eigentlich verboten, ihre kleinen, identisch aussehenden Häuser zu verändern. Und wie sich Sophia Lehulere erinnert, waren auf Mgudlandlus Wandgemälden auch Rondavels zu sehen, traditionelle, schilfgedeckte Rundhäuser. Die Künstlerin beschwört hier ihre Sehnsucht nach einer Heimat, aus der sie wie so viele nicht-weiße Südafrikaner vertrieben wurde.

Das Thema des Heimatverlustes klingt immer wieder in Bird Song an. Doch dabei bildet die Geschichte Südafrikas nur der Ausgangspunkt von Wa Lehuleres Arbeiten. „Sie sprechen“, so Carlos Gamerro und Victoria Noorthoorn in ihrem Katalogtext, „von den Folgen des Kolonialismus in Afrika und Asien; sie sprechen von einer Welt, in der Bewegungen zwischen Regionen, Ländern und Kontinenten zunehmend erschwert werden und die einzigen Lösungen, die von den Regierungen angeboten werden, noch dickere Mauern und noch höhere Zäune sind.“

Die zweite große Installation in Bird Song wurde ebenfalls aus alten Schulbänken gefertigt. Für Broken Wing (2016) hat sie der Künstler zu krückenartigen Gebilden verarbeitet. In jede der Krücken hat er ein Gebiss eingespannt, in dem wiederum eine Bibel in der Sprache des Xhosa-Stammes steckt. Die Bibeln gleichen Knebeln, die die Menschen zum Schweigen bringen. Wa Lehulere lässt die Krücken in einer Flügel-Formation von der Decke hängen. Broken Wing reagiert auf das Erbe des Kolonialismus: „Als die Missionare nach Afrika kamen, hatten sie die Bibel und wir das Land“, so ein Ausspruch von Desmond Tutu. „Sie sagten: ‚Lasst uns beten. Wir schlossen unsere Augen. Als wir sie wieder öffneten, hatten wir die Bibel und sie das Land.“ Die Krücken sind aber auch als Verweis auf den biblischen Sündenfall zu verstehen, den Wa Lehulere als  „früheste Überlieferung gewaltsamer Vertreibung“ betrachtet. In der Flügelform klingt wieder das Motiv des Vogels als Freiheitssymbol an.

Neben den Installationen und Videoarbeiten ist in der KunstHalle auch eine Auswahl von Zeichnungen zu sehen. Dabei treten Wa Lehures Kreidezeichnungen in einen Dialog mit Mgudlandlus doppelseitig bemalten Papierarbeiten – als eine Art Zwiegespräch zwischen der Gegenwart und Vergangenheit Südafrikas. Wa Lehulere eignet sich Motive aus ihren Darstellungen von Vögeln und Landschaften an – so wie ein Jazz-Musiker bei einer Improvisation Melodien und Rhythmen übernimmt und weiterführt. Seine jüngsten Arbeiten treiben Mgudlandlus Tendenzen zur Abstraktion noch weiter voran und erinnern an Notationen von Jazz-Musik. Birds of a Feather hat er diese Arbeiten betitelt. Eine Anspielung auf das Sprichwort „Birds of a feather flock together“ – Gleich und Gleich gesellt sich gern. Der Titel signalisiert ein Gefühl von Zusammengehörigkeit.

Eine in die hintere Stirnwand der KunstHalle gemeißelte Arbeit schließt den Kreis zu der Reproduktion von Mgudlandlus Wandgemälde am Anfang der Schau. „Mother said every song knows its home!“ ist dort zu lesen – allerdings in Form von Handzeichen in American Sign Language. Die amerikanische Variante der Gebärdensprache wird auch in vielen afrikanischen Ländern genutzt. Diese visuell äußerst prägnanten Handzeichen tauchen auch in Wa Lehuleres Video-Essay Homeless Song 5 auf, wo sie auf den nackten Rücken des Künstlers projiziert werden. Seine Wandarbeit nimmt das Thema Heimat wieder auf, doch gleichzeitig geht es die Einschreibung in die Geschichte der Institution. Wie auf einer Baustelle lässt er die Putzreste auf dem Boden liegen, die beim Herausmeißeln des Bildes angefallen sind. Wa Lehure lenkt den Blick auf das Provisorische und Prozesshafte, das viele seiner Arbeiten kennzeichnet. Nach der Ausstellung werden die Handzeichen wieder unter dem Putz verschwinden – überlagert von neuen Schichten von Farbe, Zeit oder Bedeutung.
Achim Drucks

Kemang Wa Lehulere: Bird Song
"Artist of the Year" 2017

24.03. – 24.06.2017
Deutsche Bank KunstHalle, Berlin