„Charme, Radikalität, Ehrlichkeit“: Die Presse über Bhupen Khakhar in der Deutsche Bank KunstHalle

Bhupen Khakhar gilt als einer der bedeutendsten Maler Indiens. Eine umfassende Retrospektive, die nach ihrer Premiere in der Tate Modern auch in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen war, stellte den 2003 verstorbenen Künstler jetzt auch dem westlichen Publikum vor. In London wurde die Ausstellung in den Medien kontrovers diskutiert, in Berlin war die Kritik dagegen einhellig begeistert.
„Eine reiche und fesselnde Ausstellung“ – so charakterisiert der Telegraph die von der Deutschen Bank geförderte Bhupen Khakhar-Retrospektive in der Tate Modern. Das Kunstmagazin Apollo spricht von einer „anregenden und vielseitigen Ausstellung“ und im Guardian schwärmt der Autor Amit Chaudhuri von Khakhars „verführerischen“ figurativen Gemälden. Doch in der gleichen Zeitung erschien auch eine ätzende Kritik von Jonathan Jones, der von einem „ altmodischen, zweitklassigen Maler“ spricht, die Ausstellung sei eine einzige „Platzverschwendung“. Die Empörung über Jones‘ Urteil war groß – und rief Geeta Kapur, die Grande Dame der indischen Kunstkritik auf den Plan, die wiederum dem Briten im Online-Magazin The Wire einen „hinterhältigen Konservativismus“ vorwarf.

Diese Kontroverse nimmt Nicola Kuhn in ihrer Kritik der Khakhar-Ausstellung in der KunstHalle im Tagesspiegel auf: „Erst jetzt scheint in den westeuropäischen Ausstellungshäusern die Zeit für diesen Pionier der modernen indischen Malerei reif zu sein, auch wenn ihn die britische Kunstkritik immer noch mit Häme überhäufte (…). Genau hier könnte künftig die Konfliktlinie in der Rezeption verlaufen: Wie weit sind wir bereit, die Kunst der anderen zu begreifen, unsere Kriterien zu hinterfragen? Wann sind wir in der Lage, anderen Meistererzählungen als nur denen des Westens zuzuhören? Bhupen Khakhar eignet sich hervorragend für den Disput zwischen der alten Schule und den Befürwortern einer Erweiterung unseres ästhetischen Kanons.“ In der Spike nimmt Alexander Scrimgeour dieses Thema auf. Die Ausstellung erscheint ihm „geradezu als Sinnbild“ für „postkoloniale Schwierigkeiten“. Künstler wie Khakhar würden einerseits immer noch „mit Herablassung als Verkörperung des Anderen“ betrachtet und gleichzeitig besteht der Wunsch nach „Wiedergutmachung.“

In der Berliner Zeitung schreibt Harald Jähner: „Es sind nur wenige Schritte vom Pflaster Unter den Linden in die KunstHalle, und man ist in einem anderen Kontinent, wo ein unabhängiger Geist zwischen europäischer Kunst und indischer Massenkultur seinen eigenen Weg geht. Dem Ineinander von Trivialität und Eigenwilligkeit, von Abweichung und Konformität, gewinnt Bhupen Khakhar einen erstaunlichen Zauber ab. (…) Solche kreativen Fremdheitserfahrungen sind das Salz in der Suppe der Gegenwart.“

Bereits im Vorfeld der Schau widmete die Art dem Künstler ein umfangreiches Porträt, in dem ihn Heinz Pietsch als „Künstler der Wahrhaftigkeit“ beschrieb. In seiner Ausstellungskritik für die Online-Seiten des Magazins betont Raimar Stange die „stilistische Vielfalt“ und „nachdenkliche Kraft dieser Kunst“. „Bilder zwischen Alltagskomik und Zärtlichkeit“ – so beschreibt Jens Hinrichsen für Monopol Khakhars Werk. Und die BZ schwärmt für den „eigenwilligen Stil“ dieses „Malers der einfachen Leute“. Gabriela Walde von der Berliner Morgenpost beeindrucken besonders die späten Arbeiten: „Es gibt wenige Künstler, eine Ausnahme ist Christoph Schlingensief, die ihre Krankheit so schonungslos und exzessiv dargestellt haben. Hier findet sich viel Melancholie, aber genauso viel schwarzer Humor, der es Khakhar wohl möglich machte, irgendwie zu leben.“ Das Online-Magazin Queer unterstreicht seinen offenen Umgang mit gesellschaftlichen Tabus: “ Er sprach schwierige Themen wie die schwule Lebenswelt im sich schnell wandelnden Indien mit Aufrichtigkeit, Sensibilität und Humor an.“ Für Gallery Talk schreibt Eva Beck: “Er entwickelt eine außergewöhnliche Ikonografie für die gleichgeschlechtliche Liebe, die Sexualität und Spiritualität miteinander verbindet.“ Und für das Kulturradio rbb „ging Khakhar mit viel Mut komplexe und provokante Themen an: Klassenunterschiede, Begehren und Homosexualität sowie seinen eigenen Kampf gegen den Krebs.“

Andere Kritiken betonen eher den unverwechselbaren Blick des Künstlers auf das indische Alltagsleben. „Die Aquarelle und Gemälde Bhupen Khakhars generieren sich aus intensiven Beobachtungen der Umwelt und sind poetische, teils ironische Kommentare“, so Kunstmarkt.com. „Sein Interesse am Alltag und an den banalen, billigen Souvenirs, die der Künstler sammelte, führten zu einer ganz eigenwilligen Bildsprache, charakterisiert durch prachtvolle Farben und eine eher ungelenke Figuration, so Brigitte Werneburg in der taz. „So viel Charme, so viel Radikalität und Ehrlichkeit, so viel kluge Achtung des Alltags und so viel Talent, dessen Talmigold wie dessen wirkliche Tragödien einzufangen, begegnet man selten.“