„Mittlerweile sind mir meine Meinungen ziemlich egal“
Sarnath Banerjee über sein Projekt für die Deutsche Bank in London

Ein Gebäude als Buch: Für die neue Niederlassung der Deutschen Bank in London entwickelte Sarnath Banerjee das Projekt „An Encounter with Thomas Browne and other Commonplace Utopia”, eine Serie von Bildergeschichten, die auf Wandtapeten übertragen wurden. Über elf Stockwerke hinweg erzählen sie von Sehnsüchten nach einem privaten Arkadien – und der Skepsis gegenüber Dogmen und Populismus.
“Er war ein Kämpfer gegen den Irrglauben seiner Zeit. Im Grunde genommen entmythologisierte die er Dinge“. So charakterisiert Sarnath Banerjee den Mann, der ihn für seine Auftragsarbeit für die Deutsche Bank inspiriert hat – Thomas Browne. Der 1682 verstorbene Brite war das, was man im englischsprachigen Raum als einen  Renaissance Man bezeichnet: ein Universalgelehrter, der sich ebenso mit Wissenschaften und Medizin beschäftigte wie mit Religion und Esoterik. Zudem bereicherte er die englische Sprache um hunderte neuer Wörter wie computer, electricity, hallucination, medical, suicide, therapeutic.

Browne war ein neugieriger Skeptiker, seine Schriften stecken voller Witz. In Pseudodoxia Epidemica, seinem 1646 erschienen Hauptwerk, räumt er mit den vulgar errors seiner Zeit auf: Mythen, Aberglauben und Wunschdenken setzt er Empirie und Fakten entgegen. Das macht diesen frühen Vertreter der Aufklärung für Banerjee so zeitgemäß: „Heute scheinen Fakten nicht mehr wichtig zu sein. Sagst du etwas Faktisches, dann stelle ich das auf eine sehr emotionale Weise in Frage. Und wenn meine Gefühle sehr stark sind, habe ich recht. Faktisch orientierte Debatten scheinen nicht mehr zu funktionieren. Jetzt ist alles total emotional – das kann man in Indien mit seinem starken Nationalismus ebenso beobachten wie in Ungarn, den Vereinigten Staaten und in Großbritannien.“ In Zeiten von Populismus und „alternativen Fakten“ erscheint Brownes nüchterner, beobachtender Blick auf die Welt sehr aktuell.

“Mit dem Älterwerden begann ich Beobachtungen mehr zu schätzen als Meinungen“, erklärt der 1972 in Kalkutta geborene Künstler. „Mittlerweile sind mir meine Meinungen ziemlich egal. Sie sind meist sowieso falsch. Aber wenn ich bestimmte Sachen beobachte und dann zu Papier bringe, geht es nicht um meine Meinungen, sondern um etwas, das ich gesehen habe.“ Diese Haltung spiegelt sich auch in seinem Projekt. „Ganz offensichtliche politische Statements haben mich nie interessiert. Ich bin kein politischer Künstler. Ich habe versucht, eine Balance zu finden: Es gibt politische Kommentare, aber sie sind versteckt und eher persönlich.“  

Banerjee versteht An Encounter with Thomas Browne and other Commonplace Utopia als “Sprungbrett für die Imagination”. Seine Auftragsarbeit verwandelt die neue Bankniederlassung in Canary Wharf, einem Gebäudekomplex im Herzen der Londoner Docklands, in ein begehbares Buch. Für jedes der elf Stockwerke entwickelte er eine Serie von Einzelbildern oder kurzen Sequenzen, die großformatig auf Wandtapeten übertragen wurden. Es sind mit wenigen Farben akzentuierte comicartige Zeichnungen mit pointierten Texten und viel absurdem Humor. Über die Etagen hinweg entwickelt sich ein Geflecht aus voneinander unabhängigen Episoden, die aber doch miteinander verbunden sind. Diese Struktur entlehnte Banerjee den Renga, japanischen „Kettengedichten“, bei denen die einzelnen Strophen für sich stehen, aber immer auch an die vorausgehende Strophe anknüpfen. Renga entstanden im Kollektiv. Ziel war es, spontan möglichst geistreich auf einen Vers zu reagieren – seine Motive aufzunehmen, auf eine überraschende Weise weiterzuführen oder umzukehren. Genau das machen auch Banerjees Bilder.

So begegnen Mitarbeiter und Besucher im 10. Stock des Gebäudes verschiedenen Episoden zum Thema „Laufen“. Der Künstler lässt hier ganz unterschiedliche Größen der Kulturgeschichte auftreten: Gandhi und Badshah Khan, die gemeinsam für den Frieden marschieren, oder den Philosophen und Flaneur Walter Benjamin. „Die Personen in den Zeichnungen“, sagt Banerjee, „gleichen Sherpas, die dich in immer wieder neue Denkprozesse hineinführen.“ Walter Benjamin lässt er durch das Berlin von heute schlendern und mit wachem Blick die Phänomene des Alltags erkunden. Sören Kierkegaard dagegen dreht seine Runden im heimischen Wohnzimmer – in sich gekehrt, mit geschlossenen Augen, auf der Suche nach einer inneren Wahrheit. „Ich habe mir meine besten Gedanken erlaufen“, so ein Zitat des  berühmten dänischen Theologen.

Auch Werner Herzogs legendärer Fußmarsch von München nach Paris wird gewürdigt. Als der Regisseur hörte, dass seine Freundin, die Filmhistorikerin Lotte Eisner, schwer erkrank sei, beschloss er, sie zu besuchen. Im Winter 1974 kämpfte er sich drei Wochen durch Schnee und Regen – im tiefen Glauben Eisners Tod dadurch verhindern zu können. Das „Wunder“ trat ein, sie lebte für acht weitere Jahre. Die Welt, darin sind sich Banerjee und seine Protagonisten einig, erschließt sich vor allem den Menschen, die zu Fuß unterwegs sind.

Einen Kontrapunkt zu diesen wandernden und flanierenden Philosophen setzen die Freizeitläufer auf einer der Wandtapeten im 9. Stock. Sie sind unglücklich darüber, dass ihr Joggen allein dem Erhalt der eigenen Gesundheit dient und damit purer Egoismus ist. Ihr schlechtes Gewissen hat sich ein Start-Up-Unternehmen zu Nutze gemacht. Um dem Laufen einen tieferen Sinn zu verleihen, bietet das Unternehmen den Sportlern die Möglichkeit an, gleichzeitig Botendienste zu übernehmen – als philanthropischen Akt. Jetzt hasten sie mit Paketen oder Schinkenkeulen auf den Schultern durch Boston. Diese Szene ist einer von mehreren ironischen Kommentar zum Lebensstil und den Neurosen moderner Großstadtbewohner. So hat Banerjee auch einen Bibliotherapeuten erfunden, der seinen Klienten zur Lösung ihrer Probleme das Lesen bestimmter Buchpassagen „verschreibt“. Und mit „Vegemeatables“ schuf er ein neues Super-Food, das praktischerweise die Qualitäten von Gemüse und Fleisch vereint.

Inspiriert wurde die Auftragsarbeit nicht nur von Banerjees Lektüre und seinen Alltagsbeobachtungen auf zahlreichen Reisen oder in Berlin, wo er seit mehreren Jahren lebt. Das Projekt entstand auch im Dialog mit den Mitarbeitern. “Das Deutsche Bank-Team und ich hatten lange Gespräche. Seine Zeit nur mit Künstlern und Kuratoren zu verbringen kann manchmal ziemlich öde sein. Aber wenn du mit Wertpapierhändlern, verschiedenen Abteilungsleitern oder den Leuten aus der Technologieabteilung sprichst, merkst du, dass sie alle ganz unterschiedliche private Interessen haben. Mit diesen Leuten, die alle sehr smart sind, etwas gemeinsam zu entwickeln, fand ich sehr interessant. Im Augenblick arbeite ich lieber mit anderen Leuten zusammen als mich immer nur selbst zu befragen.“

Ein Thema dieser Gespräche waren Rückzugsorte und der Wunsch auszusteigen. Daraus entwickelten sich mehrere Zeichnungen zu Gärten. Hier geht es Banerjee nicht nur um die Idee eines privaten Arkadiens, sondern um auch um kulturelle oder gesellschaftliche Aspekte. So widmet sich ein Bild dem sogenannten Ha-Ha, einem tiefen Graben, der den Garten von seiner Umgebung abgrenzt und den man erst aus der Näher wahrnimmt. Ohne dass eine Mauer den Blick versperrt, können die Besitzer eines englischen Landschaftsgartens dank des Ha-Has die Aussicht genießen – und die Feldarbeiter sehen ihnen dabei zu. Die Gräben sind nahezu unsichtbar, doch das Klassensystem bleibt bestehen.

Ländliche Idyllen können sogar das Ergebnis von Vertreibungen sein. Eine Arbeit erinnert an die Highland Clearances, bei denen seit Ende des 18. Jahrhunderts zehntausende von gälischsprachigen Kleinbauern aus ihren Höfen im schottischen Hochland vertrieben wurden. Hauptgrund war die Einführung der Schafzucht. Doch zugleich wollte der Adel auch ungestört auf die Jagd gehen und die landschaftliche Schönheit der Highlands wiederherstellen, die er durch die Siedlungen der Bauern beeinträchtigt sah. Das illustriert Barnerjee mit dem Bild eines jungen Adeligen, der mit einem Buch in der Hand auf der Mauer seines Schlosses sitzt und sich an der bereinigten Landschaft erfreut.

Bücher und damit die Literatur sind im Werk des Künstlers, der Fernando PessoaJonathan Swift und Robert Walser zu seinen Lieblingsautoren zählt, allgegenwärtig. An Encounter with Thomas Browne and other Commonplace Utopia ist deshalb auch eine Reise durch mehr als tausend Jahre Literaturgeschichte – von al-Kindi, der im Bagdad des 9. Jahrhunderts die islamische Welt mit den Schriften von Aristoteles und Platon vertraut machte, bis zu J. A. Baker, der in Essex einer sehr britischen Passion nachging – dem Beobachten von Vögeln. Sein 1967 erschienenes Buch The Peregrine (Der Wanderfalke) vereint akribische Naturbeobachtungen mit einer unglaublich lyrischen Sprache. Für Werner Herzog wiederum ist es „das einzige Buch, das man lesen sollte, wenn man Filme machen will.“

Banerjees Projekt steckt voll solcher Querverweise. Und immer wieder bringt er komplexe Themen auf den Punkt. Dabei verzichtet der Künstler aber völlig auf plakative Botschaften. Seine Episoden kommen ohne Fazit und eindeutiges Ergebnis aus. Kein Weg führt hier schnurgerade von A nach B, alles ist im Fluss und mäandert munter vor sich hin – wie ein gutes Gespräch, bei dem man ganz selbstverständlich von einem Thema zum nächsten springt. An Encounter with Thomas Browne and other Commonplace Utopia lädt dazu ein, wie ein Detektiv auf Spurensuche zu gehen, Hinweisen zu folgen, frei zu assoziieren, die Punkte miteinander zu verbinden. „Die Zusammenhänge zwischen den Zeichnungen ergeben sich auf verschiedenen Ebenen, sie entstehen in dir. Ich habe meine eigenen Verbindungen, aber eben auch die Leute, die sich die Arbeit anschauen. Menschen können alles miteinander verbinden.“