Von den Mühen der Ebene
Ein Rundgang über die Biennale in Venedig

Kein politisches Manifest sollte es sein. Die Freiheit und Kreativität der Kunst wollte Christine Macel, die künstlerische Leiterin der diesjährigen Biennale in Venedig feiern. „Viva Arte Viva“ ist das Motto ihrer Hauptausstellung. Doch wie ist das gelungen? Was haben die über 20 Künstler aus der Sammlung Deutsche Bank beigetragen, wie etwa Olafur Eliasson, Anri Sala oder Kader Attia, die in diesem Jahr teilnehmen? Und wie geht die Kunst mit der aktuellen Realität um? Brigitte Werneburg hat sich vor Ort umgeschaut.
Zeit, das ist das wichtigste Rüstzeug, das man auf der diesjährigen Biennale von Venedig mitbringen sollte. Fünf Stunden dauert die tägliche tänzerische Live-Performance, die wesentlicher Bestandteil von Faust ist. So heißt Anne Imhofs Installation im Deutschen Pavillon, die am Eröffnungstag der Biennale mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Gleich sechs Jahre dauert das Projekt, das Mark Bradford als Künstler des US-amerikanischen Pavillons in Venedig anstößt: Er hat mit der gemeinnützigen venezianischen Organisation Rio Terà dei Pensieri ein Programm entwickelt, das der Resozialisierung ehemaliger Häftlinge dient.

Dagegen scheint die halbe Stunde nichts, während der es keine Möglichkeit gibt, der abgrundtiefen Finsternis im Dänischen Pavillon zu entkommen, der von Kirstine Roepstorff bespielt wird. Nur hin und wieder erhellt die dänische Künstlerin ihr Theatre of Glowing Darkness mit Lichtern. Mal surren sie wie ein lauter Mückenschwarm durch den Raum, mal glimmen sie sanft vor sich hin. Und doch ist diese halbe Stunde lang. In Zeiten, in denen wir von sozialen Kontakten und medialen Reizen überflutet werden und alles „ans Licht gebracht“ werden muss, feiert Roepstorff die Dunkelheit als Mittel der Erneuerung. Drei körperlose Stimmen dozieren über die kreative Kraft die Dunkelheit und darüber, dass sie nicht das Ärgernis ist, das sie zu sein scheint. Es sprechen, wie man erfährt, der schwarze Fluss, die Hebamme und das Samenkorn. Leider ist man eingeschlossen und kann ihren Monologen nicht entkommen.

Und so fehlt nach dem Theaterbesuch die Geduld für den Garten, der in den Pavillon schwappt, aus dem Roepstorff Fenster und teils auch Wände entfernt hat. Dabei findet sich hier wie beim Teppich Renaissance of the Night, der siebeneinhalb mal zweieinhalb Meter misst, die gleiche mitreißende Energie, wie sie die 1972 in Kopenhagen geborene Künstlerin in ihren komplexen Materialcollagen, ihrem zentralen Medium, zeigt.

Viel Zeit braucht es auch gleich zu Beginn von Christine Macels Viva Arte Viva-Ausstellung im Zentralpavillon in den Giardini. Dort lädt Roepstorffs Landsmann Olafur Eliasson, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, die Besucher dazu ein, im Green Light-Workshop beim Bau modular zusammengesetzter Lampen, die grün leuchten, mitzumachen. Fröhlich basteln da Menschen jeden Alters, Geschlechts und jeder Hautfarbe in einem Shared Learning Projekt. Tatsächlich handelt es sich bei diesen Praktikanten um Menschen, die übers Mittelmeer nach Italien gekommen sind - Flüchtlinge und Migranten, die hier in Venedig leben oder einen Asylantrag gestellt haben. Eliassons Projekt ermöglicht es ihnen, etwas anderes zu tun, als lediglich zu warten. Sie können Sprachen und Menschen kennenlernen. Einmal wöchentlich kommt ein Team venezianischer Rechtsanwälte in den Workshop und klärt sie über ihren Status und die damit verbundenen Rechte auf. Das Team berät und unterstützt sie auch in ihrem jeweils individuellen Rechtsfall.

Green Light, das durch die in Wien ansässige Stiftung Thyssen-Bornemisza Art Contemporary (TBA21) mitgetragen wird, die damit ihre ablehnende Haltung zur österreichischen Flüchtlingspolitik öffentlich zum Ausdruck bringt, zeigt also auf, wie mit Mitteln des Sozial- und Rechtsstaates einer Politik entgegentreten werden kann, die diesen Sozial- und Rechtsstaat als Privileg einiger weniger definieren möchte. „Die Mühen der Berge haben wir hinter uns, vor uns liegen die Mühen der Ebenen“, schrieb Bertolt Brecht 1949 in seinem Gedicht Wahrnehmung und meinte damit die Mühen der Praxis beim Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung, „welche die Lehren aus der Geschichte ziehen“ solle. Für genau diese Mühen der Ebenen wird der internationale Starkünstler Eliasson belächelt. Mancher wirft ihm sogar die Instrumentalisierung der Flüchtlinge vor. Im Gegensatz dazu steigt Anne Imhof gleich eine Etage höher ein, transzendenter, vieldeutiger, überwältigender als Eliasson. Sie geht aufs Ganze.

Und siegt damit. Aus der Kandidatin für den Goldenen Löwen als bester nationaler Beitrag zu Beginn der Eröffnungswoche wurde am Samstag die Gewinnerin. Wie viele ihrer Vorgänger und Vorgängerinnen greift auch die 1978 in Gießen geborene Künstlerin in die Architektur des Pavillons ein. Mit Glaseinbauten bringt sie das Deutsche Haus auf subtile Art zum Verschwinden und hält es gleichzeitig in der Wahrnehmung doch präsent. Spektakulär ist vor allem der einen halben Meter über dem eigentlichen Grund schwebenden Glasboden, der das Gehen darauf unsicher und im wahrsten Sinne des Wortes reflektionsbedürftig macht.

Doppelbödig wäre der passende Begriff, wäre er nicht sofort obsolet, sobald erkennbar wird, welche Ideen und Vorstellungen das Zusammenspiel von Malerei, Installation, Performance und Sound in Faust zusammenhalten. Der Weckruf ist das Bellen der Dobermänner in den stahlumzäunten Zwingern rechts und links des Haupteingangs. Es macht klar: das Glas steht nicht für demokratische Transparenz, es steht für Kontrolle und Herrschaft, es ist das Panzerglas der Schaltzentralen der Macht.

Die Tänzer, an die Anne Imhof ihre Performance delegiert, sind von „unsichtbaren Machtstrukturen durchzogenes Körpermaterial“ meint Susanne Pfeffer, Direktorin des Kasseler Fridericianums den Deutschen Pavillon kuratiert hat. Es braucht nicht die Ausdauer von fünf Stunden, um zu ahnen, dass diese Körper immer wieder in dichten, gerne als „brutal“ gerühmten Bildern zusammenkommen. Trotz ihrer vermeintlichen Verlassenheit, ihres vermeintlichen Schmerzes: sie sind nicht „auf das nackte Leben reduziert“ wie Pfeffer dem Publikum erklärt. Darüber, was dies wirklich heißt - darüber muss sich das Publikum schon bei Eliassons Bastlern aufklären lassen, die von sinkenden Schlauchbooten gerettet wurden.

Um Imhofs allegorische Übertreibung zu entkommen, hilft ein Gang in die Stadt zum Ukrainischen Pavillon. Dort befasst sich Boris Mikhailov mit dem Parliament, wie er seine brillante Serie aktueller fotografischer TV-Beobachtungen nennt. Sie reiht das gestörte Fernsehbild von Parlamentariern hinter einander: Deformierte Gesichter und Körper hinter dem Rednerpult, die an Figuren von Francis Bacon erinnern, in denen der 78jährige Fotograf selbst die mediale Kollision von Kubismus und Suprematismus sieht. In der Verzerrung, die Mikhailov durch die Manipulation der Antenne erzeugt, scheint eine Distanz zum politischen Tagesgeschäft auf. Doch diese kritische Skepsis gegenüber Politik und Mediengesellschaft deckt sich nicht mit der Behauptung, die von den Machern von Faust aufgestellt wird: „Im Kapitalismus ist die Herrschaft des Geldes absolut.“

Dann wäre jede Rede im Parlament, jedes Urteil im Gericht und jedes Kunstwerk auf der Biennale nur dekoratives Gekräusel der Oberfläche. Dem von der Deutschen Bank geförderten Österreichischen Pavillon könnte man das vorhalten. Auf den ersten Blick wirken sie eher auf den Effekt bedacht - Brigitte Kowanz’ Lichtinstallationen und Erwin Wurms performative One Minutes Sculptures, von denen der weithin sichtbare, auf die Kühlerhaube gestellte und zum Aussichtsturm umfunktionierte Lastwagen die spektakulärste ist. Aber Kowanz Gebrauch von Licht als real wie virtuell raumbildendes Medium und Informationsträger, spricht unmittelbar unsere Neugier an, unser Wissen, die Lust zu denken. Und wie Wurm, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, den menschlichen Körper und dessen möglichst unmöglicher Umgang mit beweglichen und unbeweglichen Gütern zur Skulptur macht, zielt durchaus auf wesentliche Aspekte unserer Welterfahrung wie Spieltrieb, Experimentierlust, aber auch die Bereitschaft zur Kooperation.

"Kunst an sich, als Manifestation von Freiheit, von Kreativität in Bezug auf den Menschen ist hochpolitisch, nicht parteipolitisch. Aber Kunst in einem freien, allein ästhetischen Raum gab es für mich nie, auch in der Geschichte nicht", sagt Franz Erhard Walther, der Gewinner des Goldenen Löwen als bester Künstler. Bei ihm sollten und durften die Betrachter schon 1963 kooperieren, in seinem 1. Werksatz, in dessen 58 Objekte aus Baumwoll- und Schaumstoff, Holz und anderen Materialien sie hineinschlüpfen oder die sie sich einfach überstülpen sollten. Mit 77 Jahren ist der Gründungsvater der partizipativen Kunst, der mit Arbeiten auch in der Sammlung Deutsche Bank präsent ist, erstmals auf der Biennale vertreten. Und prompt offenbart sich in seinem Beitrag das ganze Elend von Christine Macels Viva Arte Viva Ausstellung. Mit der Präsentation seiner Wandformationen kann der Goldene Löwe kaum begründet werden, so kraftlos wie seine großen Stoffarbeiten in leuchtendem Rot und Gelb an der Wand hängen. Und nichts deutet darauf hin, dass sie sich verwandeln möchten. Platz dafür wäre eh keiner da, den nehmen die pastellfarbenen Kugeln in Martin Corianos hölzernem Irrgarten ein.

An Platz mangelt es überall. Die Abfolge der Arbeiten und Künstler in der zentralen Ausstellung der Biennale ist dermaßen gedrängt, dass sie Macels Motto, Kunst, Künstler und Künstlerinnen hochleben lassen zu wollen, Lügen straft. Vielleicht um irgendwie den Überblick zu bewahren, sortiert sie ihre Schau, die sie sowieso schon in die Pavillons der Freude und Angst, der Künstler und Bücher, der Gemeingüter, der Erde, der Traditionen, der Schamanen, der Farben, der Zeit und Unendlichkeit unterteilt hat, noch einmal im Detail. Deshalb drängt sich Frances Starks großartige Collage Behold Man! (2013), die die Künstlerin auf dem Sofa ruhend im Studio zeigt, im engen Gang einer Sektion, die den schlafenden Künstler zum Motiv hat. Selbst Franz West mit seinem Lob des Müßiggangs kommt in diesem Gedränge nicht unbeschadet weg. Und danach sind dann die Künstler, die sich mit dem Buch befassen, an der Reihe.

Es passt zu dieser Didaktik, dass man bereits beim ersten Schritt ins Arsenale den Eindruck bekommt, in einem Handarbeitskurs gelandet zu sein. So viel Stickerei, so viele Textilarbeiten und Teppiche gab es in Venedig lange nicht mehr. Egal in welchem Pavillon. Nur wenige Künstler halten dieser Reduktion ihrer Kunst auf Inhalt und Motivik stand. Doch wie schlagen sich die Künstler aus der Sammlung Deutsche Bank? Anri Sala entzieht sich dieser Strategie erfolgreich, mit ungewohnt minimalistischem Aufwand: Für All of a tremble (Encounter I), (2017) hat er einen Hybrid aus Druckwalze und Musikwalze erschaffen. Wie von unsichtbarer Hand gezogen, fährt der musikalische Zylinder über eine tapezierte Wand und hinterlässt bei jeder Drehung abstrakte Muster und Töne wie aus einer Spieluhr, die den Raum in eine Klangskulptur verwandeln (2017). Auch Kader Attia erreicht dank Sirenengesang unsere Aufmerksamkeit. Die betörenden Aufnahmen orientalischer Diven wie Samia Gamal oder Warda al-Jazairia, sind Teil seines künstlerischen Forschungsprojekts zur sozialen Macht der Stimme im arabischen Kulturraum.

Allerdings es gibt auch ganz handfeste Werke, die herausragen. Verwunderlich ist bei all den Textilarbeiten, die das Arsenale füllen, dass die überdimensionalen Stoffbahnen, die Petrit Halilaj mit seiner Mutter aus traditionellen kosovarischen Stoffen zusammen genäht hat, doch auffallen. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich als riesige Motten, die an der Decke kleben. Ein Exemplar liegt bereits tot am Boden. Schon als Kind haben Halilaj, der mit seinen Werken in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, Motten fasziniert. Im Arsenale transformiert er diese Obsession in einen beeindruckenden Zyklus über Kreation und Verfall. Auch die internationale Jury der Biennale hat das überzeugt, die ihm eine lobende Erwähnung aussprach. Die ähnlich einem Quilt gefütterten und abgesteppten, textilen Wandreliefs, die der marokkanische Künstler Achraf Touloub mit Stahlketten beschwert und bemalt hat, sind im übervollen Arsenale dann leider seitlich ins Abseits gehängt.

Besser getroffen hat es Koki Tanaka, 2015 Deutsche Bank „Künstler des Jahres“ und Mann sozialer Experimente, wenn er etwa neun Friseure auf einen Kunden los lässt. Er kann die Videodokumentation Of Walking in Unknown (2017) in eine abgeschlossene Rauminstallation einbetten. Vor der Fototapete eines Tunnels, kann man sich endlich auf karge Holzstühle setzen und Tanaka auf seinem viertägigen Marsch von seiner Heimatstadt Kyoto zum nächstgelegenen Kernkraftwerk begleiten. Nach der Atom-Katastrophe von Fukushima, das macht Tanaka deutlich, führt der Weg ins Ungewisse. Und für einen Augenblick schießt es einem durch den Kopf, dass all das Gestrickte, Geklöppelte und Gewobene hier auf der Biennale ebenso menschengemacht ist wie die Katastrophen in unserer Welt.