Entwurf für ein Museum der Gegenwart
Das Brüsseler WIELS feiert sein 10-jähriges Bestehen

Eines der wichtigsten Ausstellungshäuser in Europa besitzt keine eigene Sammlung: Das hat das WIELS in Brüssel nicht davon abgehalten, an seinem 10-jährigen Jubiläum von einem Museum zu träumen. The Absent Museum heißt die Schau, in der imaginiert wird, wie die fehlende Museumssammlung aussehen könnte. Viele der Künstler, deren Werke gezeigt werden, sind mit der Geschichte des 2007 gegründeten Kunstzentrums verbunden und haben auch bereits in dem ehemaligen Brauereigebäude ausgestellt. Dabei versteht sich das WIELS nicht nur als Plattform für wegweisende, häufig interdisziplinäre Ausstellungsprojekte, sondern mit insgesamt neun Ateliers zugleich als Ort der künstlerischen Produktion. Zu den Partnern des Hauses zählt auch die Deutsche Bank: So waren hier die „Künstler des Jahres“-Präsentationen von Wangechi Mutu und Yto Barrada zu sehen.

Wie vital das WIELS ist, zeigt auch die Jubiläumsausstellung. 340 Werke von 47 internationalen Künstlern sind zu sehen, darunter Francis Alÿs, Marlene Dumas, Ellen Gallagher, Isa Genzken, Thomas Hirschhorn, Wolfgang Tillmans, Rosemarie Trockel und Luc Tuymans, die in der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind. In der Ausstellung geht es sowohl um die Kunstmetropole Brüssel, als auch um das, was ein Museum als Ort des kollektiven Gedächtnisses heute leisten muss: politische und gesellschaftliche Kritik, historische Aufarbeitung. So darf in der Ausstellung Marcel Broodthaers nicht fehlen. Die Leitfigur der europäischen Avantgarde der 1960er Jahre gründete in seinem Brüsseler Studio das Musée d’Art Moderne, Département des Aigles – als Ort für Diskussionen über die Rolle der Kunst in einer sich verändernden Gesellschaft, eine Art geistiger Vorläufer des WIELS. In der Schau wird auch an den deutschen Maler Felix Nussbaum erinnert, dessen während seines Brüsseler Exils entstandene Bilder zu sehen sind. Nussbaums Flucht vor den Nazis wird dann wiederum in „1943“ einer Textarbeit von Francis Alÿs aufgegriffen,  die völlig unterschiedliche Lebenssituationen von europäischen Künstlern am Ende des Zweiten Weltkriegs thematisiert – seien dies Nussbaum, Piet Mondrian, Leni Riefenstahl oder Camille Claudel.

Die Umbrüche und der Schrecken der Geschichte, so zeigt es The Abscent Museum, wirken bis in die heutige Zeit. Ellen Gallagher hat eine Art schwarzes Atlantis erschaffen. In dieser bizarren Unterwasserwelt leben die Sklaven, die während Schiffstransports von Afrika in die Neue Welt krank über Bord geworfen wurden, als submarine Geschöpfe weiter. In seinen Fotomontagen konfrontiert Sammy Balojis Bilder von Zwangsarbeitern in der belgischen Kolonie Kongo mit aktuellen Ansichten dortiger Industriebrachen und Abraumhalden – die Ausbeutung des Menschen und der Erde geht weiter, auch nach dem Ende der Kolonialzeit. Mit diesen Beiträgen zeigt die Ausstellung vor allem eines: in einem Museum für zeitgenössische Kunst wird  mit der Geschichte immer auch die Gegenwart verhandelt.

The Absent Museum
bis 13.08.2017
WIELS Contemporary Art Centre, Brussels