Gegenwart der Vergangenheit
Die documenta 14 in Athen

Vor zehn Jahren umkreiste die documenta noch die „Migration der Form", die Wanderung künstlerischer Formen durch die Epochen und über kulturelle Grenzen hinweg. In der aktuellen Ausgabe der Kunstschau geht es dagegen um die Migration von Menschen, um Frauen und Männer, die auf Grund von Krieg, Verfolgung oder wirtschaftlicher Not ihre Heimat verlassen mussten. Die 14. Ausgabe der documenta stellt sich der Wirklichkeit: Finanzkrise, Kolonialismus, Unterdrückung von Minderheiten, Fragen von Identität – das sind die Themen, die ihren Kurator Adam Szymczyk ganz besonders interessieren. Der 46-jährige Pole hat die Schau erstmals zweigeteilt. Unter seiner Leitung hat sie sich aus ihrem vertrauten Biotop in der nordhessischen Provinz heraus gewagt und nach Athen begeben, an die Wiege der abendländischen Kultur, die heute vor allem als Brennpunkt der Eurokrise in den Medien präsent ist.

Zwischen Kassel und Athen präsentiert sich die documenta sozusagen als Ausstellung im Transit. Darauf reagiert auch das Projekt von Nikhil Chopra. In einer ehemaligen Taverne im Industrieviertel Moschato hat er im Rahmen einer dreitägigen Performance eine Wandzeichnung realisiert, um sich danach auf eine Reise durch Osteuropa nach Deutschland zu begeben. Stopps für weitere Zeichenperformances unterbrechen die Tour des indischen Künstlers, der in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist. Bei der Ankunft in Kassel findet die Aktion Drawing a Line through Landscape dann ihren Abschluss. Chopras Projekt ist typisch Szymczyks documenta. Mit Aktionen im öffentlichen Raum, Performances und Soundarbeiten dominieren hier Kunstformen, die sich der Vereinnahmung durch den Markt weitgehend entziehen.

Der Kurator präsentiert die Beiträge von rund 160 Künstlern an knapp fünfzig Orten in ganz Athen, wodurch ein Besuch der Schau zwangsläufig zur Begegnung mit der Stadt wird. Zu den Schauplätzen zählen das Benaki-Museum, die Konzerthalle Megaron oder das als Odeion bekannte Athener Konservatorium, wo Nevin Aladag ihren Music Room installiert hat. Die in Berlin lebende Künstlerin hat Möbel in Musikinstrumente umfunktioniert, die von jungen Performern zum Klingen gebrachten werden. Der Weg führt aber auch in weniger bekannte Institutionen wie das Epigraphische Museum, wo antike Inschriften zu sehen sind – Gesetzestafeln, Begräbnisstelen, Graffiti. Im Dialog mit den Ausstellungsdisplays zeigt hier Gauri Gill, deren Arbeiten vor kurzem für den Deutsche Bank Campus in Frankfurt angekauft wurden, Bilder aus ihren Fotoserien. Darin dokumentiert die indische Künstlerin traditionelle Verwendungen von Texten und Inschriften.

Szymczyk lockt, wie er sagt, der „Ausnahmezustand" der griechischen Hauptstadt. „Von Athen lernen“ lautet dann auch das Motto seiner documenta. Dieser Ansatz kam in der Kunstszene vor Ort nicht immer gut an. Von Krisenromantik und Kulturimperialismus war die Rede. Andere sprachen allerdings auch von einer Chance für den Kunststandort Athen. In einer Umgebung, in der die schwierigen sozialen Verhältnisse so unübersehbar sind wie hier, hat es die documenta-Kunst auf jeden Fall nicht immer leicht, sich zu behaupten – etwa gegen den Anblick der jungen Schwarzafrikaner, die gezwungen sind, die Straßen nach Metallschrott abzusuchen, um zu überleben.

Manches brennt sich aber doch ins Gedächtnis. Wie der Film Glimpse. Artur Żmijewski hat ihn in Schwarz-Weiß gedreht und ohne Ton, sodass man zunächst den Eindruck hat, einen alten Stummfilm zu sehen. Doch Glimpse zeigt die Schandflecke unserer Gegenwart. Żmijewski reiste in die Flüchtlingslager von Calais, Berlin und Paris. Dort filmt er nicht nur den Matsch, das Warten im Regen, die Unsicherheit und die Scham, die sich in den Gesichtern der Menschen abzeichnen. Nach und nach gibt Glimpse seinen dokumentarischen Charakter auf: Żmijewski kommt selbst ins Bild und dreht Köpfe in Richtung seiner Kamera – so wie man es für historische ethnografische Bücher gemacht hat, um Menschen nach „rassespezifischen“ Eigenschaften zu kategorisieren. Der Film des polnischen Kunstprovokateurs zeigt auf eine beklemmende Weise, wie die Kamera Flüchtlinge zu Objekten einer künstlerischen Ästhetisierung degradiert. Verstörend sind auch Miriam Cahns zitternden Kohlezeichnungen. Die Schweizer Künstlerin, die in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, widmet sich den Schrecken von Abu Ghraib und der Verletzlichkeit des Körpers.

Erstaunlicherweise versucht Szymczyks documenta sehr häufig der Gegenwart mit Blicken in die Vergangenheit auf die Spur zu kommen. Deren Relikte – Fotos, Skizzen, Bücher, vergilbte Magazine – präsentiert er bevorzugt in Vitrinen, was der ganzen Veranstaltung einen didaktischen, eher spröden Charakter verleiht. Der retrospektive Charakter kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass rund ein Drittel der präsentierten Künstler bereits verstorben sind. Darunter gibt es allerdings ein paar sehr interessante Entdeckungen wie Tshibumba Kanda Matulu. Auf kleinformatigen Gemälden im Stil afrikanischer Friseurschilder schildert er die brutale Kolonialgeschichte des Kongo.

Die Kunst begibt sich aber auch mitten in den Alltag. So lädt der britisch-pakistanische Künstler Rasheed Araeen zwei Mal am Tag 60 Leute zum gemeinsamen Mahl in einen bunten, von traditionellen pakistanischen Hochzeitszelten inspirierten Pavillon. Er steht auf dem Kotzia-Platz vor dem Rathaus. Es gibt kostenloses Essen zum Nachdenken, so der Titel der Aktion, und hier mischen sich dann auch Rentner und Flüchtlingskinder mit dem internationalen documenta-Publikum. Manchmal kommen diese Aktionen dann aber auch ein wenig absurd daher, etwa das kollektive Jutesack-Nähen von Ibrahim Mahama auf dem Syntgma-Platz.

Das einheimische Publikum freut sich wahrscheinlich eher darüber, dass ihm das Athener Museum Zeitgenössischer Kunst – EMST – jetzt endlich in seiner Gesamtheit offensteht. Wegen technischer Probleme, personeller Querelen und mangelnder Finanzierung verzögerte sich die Eröffnung jahrelang. Jetzt hat die documenta das modernistische Gebäude zu einer ihrer Hauptspielstätten gemacht, was ihm „in seiner gesamten vertikalen Ausdehnung eine libidinöse Ökonomie einimpft“ – was auch immer das zu bedeuten hat. Auf jeden Fall sind hier so unterschiedliche Werke wie Nairy Baghramians installative Hommage an die Schriftstellerin Jane Bowles, Beau Dicks beeindruckende Masken oder Geta Brătescus konzeptuelle Zeichnungen zu sehen. Die Sammlung des EMST ist dagegen unterwegs: Ab dem 10. Juni werden  230 Werke von 70 Künstlern  im Kasseler Fridericianum gezeigt
A.D.

documenta 14
Athen
bis 16.07.2017
Kassel
10.06. – 17.09.