Eine andere Moderne:
Die humanistische Vision von Roberto Burle Marx

Als Künstler, Landschaftsarchitekt, Sammler und Designer wurde Roberto Burle Marx zum Begründer einer tropischen Moderne. In seinem Heimatland Brasilien wird er vom ganzen Volk verehrt, in Europa gilt es die Vielfalt seines Werkes noch zu entdecken. Oliver Koerner von Gustorf über Burle Marx spirituelle und soziale Vision.
1962, nur einige Jahre vor seinem Tod, besucht Le Corbusier zum letzten Mal Brasilien. Er ist auch hier eine lebende Legende, der große alte Mann der internationalen Architektur-Moderne. Gesellschaftlichen Verpflichtungen kommt er kaum noch nach. Zu den wenigen Einladungen, die Le Corbusier annimmt, gehört ein Lunch zu seinen Ehren im Sítio Santo Antonio da Bica, dem Anwesen von Roberto Burle Marx. Das 365.000 qm große Areal, eine ehemalige Kaffeeplantage am Stadtrand von Rio de Janeiro, ist das private Paradies des brasilianischen Landschaftsarchitekten und Künstlers. In Gewächshäusern, Gärten, Sümpfen, die sich zwischen Teichen und Wasserfällen durch die hügelige Landschaft ziehen, hat er eine der weltweitgrößten Sammlungen tropischer Pflanzen angelegt. Über 3500 seltene Arten schützt und kultiviert er in seinem Refugium. Zeit seines Lebens unternimmt er ausgedehnte Expeditionen durch ganz Südamerika um sie zu finden.

Das Gebäudeensemble des Sítio, zu dem auch eine Kapelle aus dem 17. Jahrhundert gehört, ist Teil eines Gesamtkunstwerks, in dem sich die Bewahrung brasilianischer Natur und Tradition, die Kühnheit der Moderne und eine unglaubliche Lebensfreude vereinen. Das Wohnhaus und die Ateliers sind nicht nur mit Burle Marx’ eigenen abstrakten Bildern, Skulpturen, Keramiken, Kacheln und Deckengemälden ausgestattet. Die Räume quellen über von gesammelter Glasmalerei, volkstümlicher, sakraler und präkolumbianischer Kunst, die er mit Präzision auf modernistischen Tischen oder alten Holzmöbeln arrangiert. Burle Marx sammelt nicht nur Kunst und Kunstgewerbe, sondern auch Fragmente von alten Wohn- und Fabrikgebäuden, die er in Mauern und Außenanlagen seines Anwesens einbaut. So feinsinnig und opulent wie sein eklektizistisches Heim sind auch die legendären Menüs des Hausherrn. Der begnadete Koch serviert sie auf langen Tafeln mit eigens für jeden Anlass von ihm bemalten Tischdecken und einem abgestimmten Dekor aus Blumen und Früchten des Gartens. Er ist auch ein begeisterter Sänger, die Liebe zur Oper, speziell zur deutschen Musik, ist ihm von seinen Eltern mit in die Wiege gelegt worden. Burle Marx stammt aus einer kunstsinnigen großbürgerlichen Familie, die Mutter eine begabte Sängerin, der Vater ein jüdisch-deutscher Kaufmann, der 1889 nach Brasilien ausgewandert war.

Die Schönheit von Burle Marx' Anwesen ist spektakulär, aber völlig ohne Dünkel. Sein Haus ist Treffpunkt für alte Freunde, Nachbarn, Künstler, Politiker. Nicht nur die Protagonisten der südamerikanischen Moderne sind hier zu Gast, sondern auch die Europäer. Und nun also Le Corbusier. Auf dem Foto dieses Nachmittags sieht man die beiden Modernisten beim informellen Gespräch – zwei Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Le Corbusier, mit Fliege und in Strickjacke, steht trotz seines Alters kerzengerade da, ein Lehrender, ein Bild der Strenge. Und Burle Marx, der damals 52-jährige Bonvivant mit seinem wallenden grauen Haar, in losem Hemd, steht entspannt lauschend vor ihm, geradezu barock in seiner Fülle und körperlichen Präsenz. Eine gewisse Spannung ist wahrnehmbar. In einer typisch männlichen Geste vergraben beide ihre Hände in den Hosentaschen. Allerdings lässt Burle Marx demonstrativ einen dicken Goldring hervorblitzen. Man spürt, dass hier zwei Alpha-Tiere sprechen.

Burle Marx ist tatsächlich alles andere als ein Lehrling von Le Corbusier. Er gehört bereits mit den Architekten Oscar Niemeyer und Lúcio Costa zur heiligen Dreifaltigkeit der brasilianischen Moderne. Seit den 1930ern hat er die Stadtplanung revolutioniert und eine Landschaftsarchitektur kultiviert, die eine kühne Symbiose mit den progressiven Betonbauten von Niemeyer und Costa eingeht. Wie deren Hochhäuser und Ministerien, sind auch Burle Marx’ tropische Gärten, Plätze und Parks zu Identität stiftenden Wahrzeichen des modernen Brasilien geworden. In Brasilia, der neuen Hauptstadt, die nach den Plänen von Niemeyer und Costa in nur vier Jahren mitten im Dschungel aus dem Boden gestampft und 1960 eingeweiht wurde, führt er auch noch in den kommenden Jahren unzählige Auftragsarbeiten aus. Dazu zählen die Gärten für den Sitz des Präsidenten, die spektakulären Anlagen für das Außen- und Justizministerium, der riesige Platz vor dem Verteidigungsministerium.

Le Corbusier kennt er bereits aus den dreißiger Jahren, als dieser 1936 von Costa und Niemeyer gebeten wird, sie bei der Planung des Baus für das Erziehungs- und Gesundheitsministerium in der damaligen Hauptstadt Rio de Janeiro zu beraten. Das gradlinige Hochhaus ist ein kühnes Projekt, wohl das erste moderne Gebäude Südamerikas. Corbusiers Einfluss ist unverkennbar. Das zeigen auch die Stützpfeiler, die das Gebäude schweben lassen und der Dachgarten. Doch das Haus ist für die Moderne auch aus einem anderen Grund einzigartig. Es vereint europäischen Purismus mit starken brasilianischen Einflüssen. So finden sich im Inneren gigantische Wandgemälde von Cândido Portinari, dem berühmtesten Maler des Landes, der auch die Außenfliesen gestaltet. Burle Marx assistiert ihm bei den Arbeiten. Portinari setzt dabei die typisch blau bemalten „Azulejos“ ein, die aus Portugal stammen und während der Kolonialzeit eingeführt wurden. Aber er gestaltet eine modernistisch-abstrakte Version dieser traditionellen Kacheln, ganz im Sinne des Manifesto Antropófago des Dichters Oswald de Andrade aus dem Jahr 1928, mit dem er dazu aufrief, die europäische Kultur zu „kannibalisieren“, sich ihr aber auch entgegenzusetzen. Auch Burle Marx wird über Jahrzehnte mit Versionen der „Azulejo“-Kacheln arbeiten, sie an Mauern, Hauswänden, in Hallen einsetzen.

Durch die Assistenz bei Portinari wird er schließlich von seinem frühen Mentor Lucio Costa 1938 eigeladen, den Garten auf dem riesigen Vordach des Gesundheitsministeriums zu gestalten. Und wie seine Zeitgenossen ist er ein intellektueller und künstlerischer „Kannibale“. Der Entwurf, den er als Gouache ausführt, gleicht einem abstrakten Gemälde. Er ist Mikro- und Makrokosmos in Einem. Mäanderformen durchziehen das Camouflage-Bild wie Flussläufe, Formen muten an wie Amöben, Zellstrukturen oder Inseln. In der Gartengestaltung überführt er die Flächigkeit des Bildes in die Dreidimensionalität, wobei seine Vorgehensweise gleich in mehrfacher Hinsicht revolutionär ist. Während die konventionelle brasilianische Landschaftsarchitektur sich noch an der europäischen Gartengestaltung der Belle Epoque orientiert und dafür Blumen und Sträucher aus Übersee importiert, arbeitet Burle Marx nur mit einheimischer Flora. Seine Gärten „malt“ er geradezu mit Pflanzen. Sie verleihen seinen Kompositionen Volumen und Struktur. Dabei setzt er nicht auf tropische Blütenpracht, sondern vor allem auf die Blätter. Anstatt Beete pittoresk zu bepflanzen, entscheidet er sich ganz klar für Farbe, Masse und Fläche, für starke Kontraste. Tatsächlich sind die Flächen in Burle Marx’ Dachgarten nicht monochrom, sondern setzen sich aus unzähligen Grünschattierungen zusammen. Die Mitarbeiter, die aus dem Fenster des Hochhauses blicken, sehen auf eine abstrakte Landschaft, die an die Luftaufnahme eines tropischen Waldes denken lässt.

Welchen Bruch dies mit der Vorstellung einer puristischen Moderne bedeutet, lässt sich an Le Corbusiers Precisions ermessen, einer Reihe von Aufzeichnungen, die er 1929 während seiner ersten Vortragsreise durch Brasilien machte. Darin beschreibt er auch einen Flug über den Amazonas. Mit Horror und Faszination blickt er auf den ungezähmten Regenwald unter sich, der ihn an den „furchtbaren Schimmel“ in den Marmeladengläsern seiner Mutter erinnert. Der Regenwald, das sei der Schimmel der Erde, schreibt er. Wie auch schon für Generationen europäischer Entdecker, ist für ihn der tropische Wald Mysterium und Bedrohung zugleich - „still, bewegungslos, dicht, undurchdringlich, vielleicht feindlich“.

Die koloniale Idee, die Tropen zu zivilisieren, transformiert sich in Burle Marxs Landschaftsgestaltungen ins Gegenteil. In seinen Gärten geht es um die Kultivierung einer tropischen Zivilisation. Erstaunlicherweise findet diese Idee ihre Wurzeln nicht in Rio de Janeiro, sondern 10.000 km entfernt, in Berlin, oder genauer gesagt im Botanischen Garten der deutschen Hauptstadt. 1929, im selben Jahr, in dem Corbusier über den Amazonas fliegt, durchstreift der junge Burle Marx Berlins Galerien und Museen, wo ihn Picasso und die Expressionisten begeistern. Ein kathartisches Erlebnis hat er in der Alten Nationalgalerie, wo eine Ausstellung seine lebenslange Liebe zu Vincent van Goghs elektrisierenden Landschaftsbildern erweckt. In den Gewächshäusern des Botanischen Gartens in Dahlem erkennt er die Schönheit der brasilianischen Fauna, der Philodendren, Bromelien, Wasserlilien und Ameisenbäume, die aus einheimischen Gärten verdrängt, aber hier liebevoll kultiviert werden. Zurück in Rio beginnt er seinen eigenen Garten anzulegen und Kunst und Architektur zu studieren.   

Die Ausstellung Roberto Burle Marx: Tropische Moderne, die vom Jewish Museum in New York nun nach Berlin in die Deutsche Bank KunstHalle wandert, schließt einen Kreis. Die Schau dokumentiert nicht nur die privaten und öffentlichen Gärten, die Parks und Plätze, die Burle Marx auf der ganzen Welt geplant und realisiert hat. Sie verfolgt ein Leben, in dem alles nach Ganzheit strebt, in dem eines zum anderen führt. Malerei wird zur Landschaftsarchitektur, die Skizze eines Gartens zu einem Schmuckstück oder einer Skulptur. Die Schau ehrt Burle Marx auch als Pionier für den Umwelt- und Naturschutz. Er setzte sich nicht nur für den Erhalt von aussterbenden Arten ein, sondern auch für die Versöhnung von Zivilisation und Natur – ein Gedanke, der sein ganzes Schaffen prägt. Die Vorstellung eines Garten Eden, in dem alles wachsen und gedeihen kann, verbindet sich auch mit der Vision von Humanismus und Demokratie.

Deutlich wird dies bei zwei seiner bekanntesten Projekte in Rio. Während Le Corbusier bereits 1929 für die von Überbevölkerung und Verkehr geplagte Metropole Serpentinen aus 100 Meter hohen Hochhäusern plante, auf deren Dächern eine Autobahn verläuft, schafft Burle Marx in den 1960ern und 1970ern eine andere, viel sensiblere und sozialere Form der urbanen Entlastung. Für die über vier Kilometer lange Prachtstraße Avenida Atlântica, die den Strand von Copacabana säumt, greift er die traditionelle, wellenförmige Bodenpflasterung auf, die in Portugal und Brasilien populär ist. Auf der Promenade vergrößert er die Wellenformen, um einen formalen Übergang zwischen dem Meer und der Stadt zu erschaffen. Für die Bodenmosaike auf dem Mittelstreifen und auf dem Gehweg entwirft er kühne abstrakte Kompositionen, „wilde“ Mosaikteppiche, die immer wieder von Segmenten des schwarz-weißen Wellenmusters unterbrochen werden. Der stete Strom von Passanten, Fahrzeugen und die Wellen des Meeres bringen zusätzlich Bewegung in diese gigantische Komposition.

Die Avenida führt zum Parque do Flamengo, einem riesigen, von Burle Marx gestalteten Areal, das sich entlang der dramatischen Stadküste zieht. Allein 12.000 Bäume wurden hier gepflanzt. Der Park vereint Natur, Kultur und Sport: Strände, Grünanlagen, Wiesen, Spiel-, Fußball- und Tennisplätze und mehrere Museen – darunter das Museu de Arte Moderna, für das Burle Marx den Steingarten entwarf. Diese Symbiose entspricht seiner utopischen Vision, die die moderne Menschheit sowohl mit der Ursprünglichkeit der Natur, als auch mit dem Fortschritt verbindet. Burle Marx Idee von der Moderne ist eine soziale, spirituelle. Es gibt bei ihm keine Hierarchien zwischen Zierpflanze und Unkraut, Hoch- und Volkskunst, Arm und Reich. Er ist dabei undogmatisch und weit davon entfernt, die Wirklichkeit einer kühnen Vision unterzuordnen. 

Roberto Burle Marx: Tropische Moderne

07.07. - 03.10.2017
Deutsche Bank KunstHalle, Berlin