Man kann auch mit den Augen hören
Christine Sun Kims Sound Art

Sie ist seit Geburt gehörlos. Trotzdem, oder gerade deshalb, hat Christine Sun Kim Sound zum Thema ihrer Zeichnungen, Performances und interaktiven Installationen gemacht. Mit Erfolg: Ihre Arbeiten sind rund um den Globus zu sehen und zu hören. Vor kurzem wurde eine Auswahl ihrer Zeichnungen für die Sammlung Deutsche Bank angekauft. Achim Drucks über eine Künstlerin, die gegen alle Widerstände ihre eigene Stimme gefunden hat.
Nach ihrem Studium an der New Yorker School of Visual Arts steckt Christine Sun Kim in einer Identitätskrise: Sie sieht sich als Malerin, doch wirklich glücklich ist sie mit ihren Bildern nicht. Ob gegenständlich oder abstrakt, sie hat das Gefühl, ihre Leinwände erinnern zu stark an die Arbeiten anderer Künstler. Die, wie Kim es formuliert, Erleuchtung überkommt sie dann während eines Stipendiums 2008 in Berlin. Bei Streifzügen durch die Galerien der Stadt fällt ihr auf, dass es in manchen Ausstellungen kaum etwas zu sehen gibt: Statt auf Visuelles setzen viele Künstler auf Sound. Für Kim ist das allerdings ein Problem: „Ich wurde taub geboren und mir wurde beigebracht, dass Klang nicht zu meinem Leben gehört.“ Die Erfahrungen in Berlin bringen sie dazu, intensiv über Klang nachzudenken – über seine Rolle in ihrem Alltag und in der Gesellschaft.
 
„Als Gehörlose in einer Welt voller Klänge zu sein, fühlt sich an, wie in einem fremden Land zu leben. Blindlings befolgt man die Regeln, Bräuche, Verhaltensweisen und Normen, ohne sie je in Frage zu stellen.“ Doch damit fängt sie jetzt an – und stellt das Medium, von dem sie ausgeschlossen zu sein scheint, ins Zentrum ihrer künstlerischen Arbeit: „Ich beschloss mit allem, was mir über Sound beigebracht worden war, aufzuräumen, alles zu verlernen. Ich fing mit einer Serie von ganz neuen Arbeiten an“, erklärt sie 2015 bei ihrem Auftritt auf der TED Innovations-Konferenz in Monterey, wo Wissenschaftler, aber auch Aktivisten und Künstler alljährlich innovative Ideen vorstellen. „Ich hatte begriffen: Klang ist wie Geld, Macht, Kontrolle – eine soziale Währung. Klang ist so mächtig, dass er mich und mein Werk entweder schwächen, aber auch stärken konnte. Ich beschloss, mich stärken zu lassen.“ Dank dieses „Empowerments“ hat sie es inzwischen ins MoMA, auf die Shanghai Biennale oder in die Tate Modern geschafft – und auch auf die Frieze London, wo die Kuratoren der Sammlung Deutschen Bank eine Auswahl ihrer Zeichnungen ankauften.

Beispiele für Christine Sun Kims neue Arbeiten sind aktuell im Berliner KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst zu sehen. Die Ausstellung Up and Down zeigt sechs ihrer reduzierten, konzeptuellen Zeichnungen, die Kim auch als Partituren bezeichnet. Sie erinnern tatsächlich an Notenblätter und stellen den „Klang“ verschiedener Gemütszustände dar – The Sound of Anticipation (Der Klang der Erwartung) oder The Sound of Apathy (Der Klang der Apathie). Kim visualisiert diese Gefühle mit Hilfe von Kürzeln, die sie der Musiknotation entlehnt: p für piano, f für forte – Zeichen, die sonst Musikern signalisieren, in welcher Lautstärke sie ihre Instrumente spielen sollen. In unterschiedlichen Rhythmen gruppiert Kim die Kürzel wie Noten auf dem Blatt und macht so die psychologische Dynamik der unterschiedlichen Zustände sichtbar. Zur Visualisierung der Apathie lässt sie immer wieder ein einzelnes f aufblitzen, dem viele p folgen: Eine ebenso einfache wie treffende Darstellung von vergeblichen Versuchen, Passivität zu überwinden und endlich aktiv zu werden.
 
„Es gibt eine starke Kultur rund um die gesprochene Sprache. Und nur weil ich meine eigentliche Stimme nicht zur Kommunikation nutze, erscheint es der Gesellschaft, als hätte ich keine Stimme.“ Doch dieser Eindruck täuscht. Das zeigt auch Christine Sun Kims TED Talk. Es ist faszinierend zu beobachten, welche Präsenz die 1980 geborene Künstlerin auf der Bühne entwickelt, wie sie mit ihrem ganzen Körper spricht. Sie kommuniziert in ASL (American Sign Language). Diese weltweit verbreitetste Gebärdensprache bedient sich einer komplexen Mischung aus Gesten, Mimik und Körperhaltungen. Bei den Vorträgen wird sie von Gebärdendolmetschern unterstützt, die als ihre hörbaren Stimmen fungieren.

Um diese verschiedenen Stimmen geht es auch in den Papierarbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank. My Voice Acts Like ROYGBIV spielt auf die sieben Farben des Regenbogens an, von R wie "red" bis V wie "violet". „Ich arbeite mit vielen unterschiedlichen ASL-Dolmetschern zusammen und das bedeutet, dass meine Stimme jeweils eine andere „Farbe“ annimmt“, schreibt die Künstlerin zu dieser Arbeit. “Ich nutze verschiedene Stimmen, je nach Situation – eine blaue Stimme für extravagante Vorträge, eine lila Stimme für gesellschaftliche Anlässe, eine orange Stimme für Konferenzen, eine rote Stimme für Therapiesitzungen und so weiter. Zusammen ergeben all diese Stimmen einen Regenbogen, der sozusagen meine ideale Stimme darstellen würde.“ Auf ihrer Zeichnung hat sie den bunten Regenbogen allerdings in eine Formation aus schwarzen Linienkonstruktionen verwandelt. Sie erinnern an Tore, aus denen Kims Stimme in die Außenwelt vordringen kann. Die Zeichnung My Voice Thinks It’s a Novel spielt dagegen auf den Hang einiger Dolmetscher zu Wortgirlanden an: „Sie können aus einem einfachen „ja“ einen ganzen Roman machen.“

Kollaborationen sind ein wichtiger Teil von Kims künstlerischer Arbeit – vor allem der Performances, bei denen sie Sound auch ganz direkt einsetzt und die für Hörende manchmal unangenehm laut werden können. Auf der Frieze London war sie 2016 in der Sektion „Live“ mit Nap Disturbance vertreten. Die Performance greift das auf, was Kim als „Sound Etiquette” bezeichnet: die sozialen Normen, die mit Geräuschen und Lautstärke verbunden sind. Von ihren Eltern, die aus Korea nach Kalifornien übergesiedelt waren, hörte sie als lebhaftes Kind ständig die Aufforderung „tone it down“, sei leiser, nimm dich zurück. Obwohl Christine Sun Kim die von ihr verursachten störenden Geräusche gar nicht wahrnehmen konnte, musste sie lernen, sie zu vermeiden, um nicht aufzufallen.
 
Sound wurde für Kim zu einer Art Geist: „Ich wusste, etwas ist da. Ich konnte die Reaktionen auf die Geräusche ja beobachten und dann versuchte ich herauszufinden, wie das eine aus dem anderen resultiert.“ Die Performance auf der Frieze entwickelte sich aus Erfahrungen mit ihrem Partner, der öfter nachts arbeitet und dementsprechend tagsüber schlafen muss. „Wenn jemand neben mir schläft, habe ich das Gefühl, dass die Lautstärke hochgedreht wird, dass meine leisen Geräusche auf einmal ganz laut werden.“ Auf der Messe trat sie zusammen mit tauben und hörenden Performern auf. In von der Künstlerin designten grünen Jogginganzügen vollzog die Gruppe eine Art synchrones Sound-Ballett. Konzentriert untersuchten sie das Geräuschpotential von Alltagsgegenständen wie Tassen, Büchern oder Stühlen, das Spektrum verlief von „höflichen bis zu weniger höflichen“ Sounds. Nap Disturbance hinterfragte Verhaltensnormen und wirkte dabei gleichzeitig absurd komisch und todernst.
 
Kim geht es immer auch darum, mit Hilfe der „sozialen Währung“ Sound ihren Platz in einer hörenden Gesellschaft einzufordern, ihrer Stimme Ausdruck zu verleihen. Dazu arbeitet sie auch mit Musikern wie Blood Orange, der schon Tracks für die Chemical Brothers oder Kylie Minogue geschrieben hat. Oder sie nimmt in Kooperation mit Wolfgang Müller eine Platte auf. Als Mitbegründer der Band Die Tödlichen Doris steht Müller seit den 1980ern für die Auflösung der Grenzen zwischen Musik, Kunst und Performance. Obwohl sie sich zunehmend auch als Aktivistin versteht, die mehr Teilhabe für Gehörlose einfordert, will Kim nicht als „behinderte Künstlerin“ kategorisiert werden. „Das ist nicht mein Thema. Ich möchte mich auf meine Kunst konzentrieren, nicht auf die Tatsache, dass ich taub bin.“

Kunst fordert dazu auf, Selbstverständliches neu zu denken. Genau das macht Christine Sun Kim mit ihren Arbeiten, denn wahrscheinlich haben sich nur wenige Hörende so intensiv mit Sound und seiner Rolle in der Gesellschaft auseinandergesetzt wie sie. Kompromisslos sucht Kim dabei ihre eigene Stimme, ihren eigenen Sound. Dem hörenden Publikum mögen dabei zwar manchmal die Ohren klingeln, doch dagegen helfen ganz einfach Ohrenstöpsel. Man kann auch mit den Augen hören.

Up and Down
Gruppenschau mit Christine Sun Kim
bis 06.08.2017
KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst

BUSY DAYS with Christine Sun Kim
bis 20.08.2017
De Appel, Amsterdam