Wunder werden wahr
Die Skulptur Projekte Münster 2017

Alle 10 Jahre zieht es die internationale Kunstszene in die westfälische Provinz: Seit 1977 zeigen die Skulptur Projekte Münster, wie Kunst im öffentlichen Raum immer wieder neu definiert werden kann. Achim Drucks hat sich auf der 5. Ausgabe der Schau umgesehen.
Der Andrang ist groß, doch N. Schmidt empfängt in seiner Wohnung immer nur einen einzigen Besucher. Also heißt es Schlange stehen vor dem LWL-Museum in Münster, denn hier hat er – oder sie? – anlässlich der Skulptur Projekte eine temporäre Bleibe gefunden. Wie H. Reuen sei auch N. Schmidt ein Alter Ego von Gregor Schneider, so verrät es ein Wissender den mehr oder weniger geduldig Wartenden. Gregor Schneider, das ist der Spezialist für beklemmende Rauminstallationen. Und auch mit seinem Beitrag für Münster schafft es der Schöpfer des legendären Haus u r erneut, gekonnt zu verunsichern oder gar in Panik zu versetzen. Das gelingt Schneider, der mit Fotoarbeiten zu seinem Haus u r in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, mit einem eigentlich ganz einfachen Kunstgriff. Nur so viel sei verraten: Diese Erfahrung kann man nur alleine machen und das Warten vor dem Notausgang des Museums lohnt in jedem Fall.
 
„Man wird mit sich selbst konfrontiert“ – so hat der Künstler einmal seine Raumarbeiten auf den Punkt gebracht. Um diese Konfrontation geht es auch in dem Projekt von Koki Tanaka. Doch während sich Schneider auf das Individuum fokussiert, erforscht der „Künstler des Jahres“ 2015 die Rolle des Einzelnen in Gemeinschaften. How to Live Together and Sharing the Unknown ist eine auf mehrere Räume verteilte Videoinstallation, die eine Art soziales Experiment dokumentiert: Acht Menschen mit ganz unterschiedlichen kulturellen und sozialen Hintergründen erproben, wie  es gelingen könnte gut zusammen zu leben. Die Teilnehmer des von der Deutschen Bank unterstützten Projekts kochten zusammen, interviewten sich gegenseitig, machten Atemübungen, bekamen bestimmte Aufgaben gestellt – ein Geheimnis zu offenbaren, jemand anderem die Zähne zu putzen oder zu allen Göttern der Welt zu beten. Oder sie sprachen über die anhaltende „Flüchtlingskrise“, was zu durchaus hitzigen Diskussionen führte. Wenn man verfolgt, wie sich die Teilnehmer dieses Workshops langsam für einander öffnen, ihr Leben und ihre Erfahrungen teilen, ist dies zugleich spannend und berührend. Natürlich bietet How to Live Together keine Patentrezepte, mit denen sich mühelos eine gesamtgesellschaftliche Harmonie herstellen ließe. Doch Tanakas Arbeit überzeugt durch ihre Humanität und lässt dank ihrer stillen Kraft ein Gefühl von Hoffnung entstehen.
 
„Eine Ausstellung, die man physisch, haptisch und emotional wahrnimmt“, so charakterisiert Kasper König, der künstlerische Leiter der Skulptur Projekte, die 5. Ausgabe der Schau. Ihm und den beiden Kuratorinnen Britta Peters und Marianne Wagner geht es um Themen wie Zeit und Raum, aber vor allem um den Körper, denn der sei, so König, „das Urbild der Skulptur“. Zudem gerieten in Zeiten zunehmender Digitalisierung körperliche Erfahrungen immer stärker ins Blickfeld der Kunst.

Die Skulptur Projekte lassen die konventionelle Auffassung des Mediums weit hinter sich: So hat der Nigerianer Emeka Ogboh nicht nur eine Soundinstallation für einen Fußgängertunnel konzipiert. Sein zweites Projekt kann man trinken: Quiet Storm, ein mit Lindenblütenhonig versetztes Bier, das Ogboh während des Fermentierungsprozesses mit dem Sound der Straßen von Lagos beschallen ließ. Die „good vibes“ der bevölkerungsreichsten Stadt Afrikas sollen so ins Westfälische übertragen werden.

Skulptur, das kann in Münster auch ein Tattoo-Studio sein, wo die Besucher, wie es der Katalog formuliert, „eine Kunsterfahrung machen, die dem Speichermedium der Haut über das Ausstellungsende hinaus physisch eingeprägt bleibt.“ Der Amerikaner Michael Smith hat sein Projekt Not Quite Under_Ground betitelt, denn Tätowierungen sind ja längst keine Kennzeichen gesellschaftlicher Außenseiter mehr. Und sie sollten auch nicht mehr der Jugend vorbehalten sein: Wer über 65 Jahre alt ist, zahlt weniger für sein Künstler-Tattoo. Kasper König ging mit gutem Beispiel voran und ließ sich ein Motiv von Cathy Fairbanks stechen – fünf Linien, die den Hintern der russischen Ballettlegende Mikhail Baryshnikov darstellen.

Smiths Studio steht auch für die diesjährige Tendenz der Skulptur Projekte, Innenräume zu besetzen. Immerhin finden sich bereits an knapp 40 Orten im Münsteraner Stadtraum Relikte vergangener Skulptur Projekte. Gerard Byrne zog es in die Stadtbücherei. Dort zeigt der in der Sammlung Deutsche Bank vertretene Ire sein Video In Our Time, das sich kritisch mit der Rolle der Massenmedien auseinandersetzt. Ein ehemaliger Asia-Shop bildet den Rahmen für Mika Rottenbergs Video Cosmic Generator. Mit dem für sie typischen absurden Humor erschafft die New Yorkerin einen knallbunten Kosmos, in dem die USA und Mexiko durch ein geheimes Tunnelsystem miteinander verbunden sind: Donald Trumps Alpträume werden wahr. Rottenberg beweist, dass politische Kunst nicht zwangsweise so didaktisch und spröde daherkommen muss wie auf der aktuellen documenta.

Von Pierre Huyghe stammt einer der spektakulärsten Beiträge der Skulptur Projekte. Er hat in einer leerstehenden Eissporthalle den Betonboden herausfräsen lassen und den Untergrund in eine Mondlandschaft verwandelt, in der bereits die ersten Pflanzen sprießen. Wie in seinem surrealen Biotop für die documenta 2012 hat er auch hier wieder Bienen angesiedelt, statt der beiden Hunde kommt diesmal allerdings ein Pfauenpaar zum Einsatz. Huyghe schuf mit After ALife Ahead ein komplexes System, in dem alles miteinander interagiert: Kunst, Technik, Natur, biologische Prozesse. Er lässt sogar menschliche Krebszellen wuchern. Dabei scheint auch die Eissporthalle, deren Oberlichter sich immer wieder wie von Geisterhand öffnen und schließen, zu einem Organismus mutiert zu sein.
 
Starken Arbeiten begegnet man aber auch im Stadtraum. Die übergewichtigen Körper aus Mika Rottenbergs Video finden ihre Pendants in den Cartoon-artigen Bronze- und Gipsfiguren, die Nicole Eisenmans auf einer Wiese installierten Brunnen umlagern – ein groteskes „Déjeuner sur l'herbe“. Lara Favarettos Momentary Monument lässt an die minimalistischen Steinskulpturen von Ulrich Rückriem denken. Doch tatsächlich reagiert ihr Beitrag auf ein benachbartes Denkmal, das in den Kolonialkriegen gefallene deutsche Soldaten ehren soll. Favaretto, die 2006 eine Auftragsarbeit für den Hauptsitz der Deutschen Bank in Mailand realisierte, stellt dem Denkmal aus den 1920er-Jahren einen ausgehöhlten Granitquader entgegen. Er fungiert auch als überdimensionale Sammelbüchse: Durch einen Schlitz kann man Geld einwerfen, das der Initiative „Hilfe für Menschen in Abschiebehaft“ im nahegelegenen Büren zu Gute kommt. Der Stein wird nach Ende der Skulptur Projekte zerstört und als Schotter wiederverwendet.
 
Magisch wirken dagegen die Beiträge von Ayşe Erkmen und Thomas Schütte, der in einem Park eine 3 Meter hohe Architektur platziert hat. Sein kuppelbekröntes Achteck aus oxidiertem Stahlblech präsentiert sich als Mischung aus Atomkraftwerk und Sakralbau. Hermetisch steht der Nuclear Temple zwischen den Bäumen – ein rätselhaftes Objekt wie aus Game of Thrones, bei dem man nicht weiß, ob es aus der Vergangenheit oder der Zukunft stammt.

Ayşe Erkmen lässt die Besucher übers Wasser wandeln – so wie einst Jesus über den See Genezareth. Doch die Frage, ob On Water eine religiöse Bedeutung habe, beantwortet Erkmen mit einem entschiedenen „Nein!“ Die Möglichkeit, auf dem Wasser zu spazieren, ist natürlich keinem Wunder zu verdanken, sondern einem knapp unter der Wasseroberfläche angebrachten Steg aus Metallgittern, der einen Kanal des Münsteraner Stadthafens durchquert.

„Wenn ich an einem Ausstellungsort Wasser entdecke, habe ich immer das Gefühl, dass ich mit dem Wasser arbeiten sollte“, bemerkte die Künstlerin in einem Interview mit ArtMag. So ließ sie bei Shipped Ships, ihrem Beitrag zu der Reihe Moment, mit der die Deutsche Bank Kunstprojekte im öffentlichen Raum initiierte, Passagierfähren aus der Türkei, Italien und Japan nach Frankfurt verschiffen. Auf dem Main nahmen sie ihren Fährbetrieb wieder auf. Zu „On Water“ hat Erkmen erklärt, über Wasser zu laufen sei „schön und gefährlich. Genau daraus resultiert die Faszination: Schönheit und Gefahr.“ Auch das gehört zu den Qualitäten der Skulptur Projekte Münster – sie setzen auf Kunst, die nicht allein intellektuell oder ästhetisch funktioniert, sondern auch als körperliche und emotionale Erfahrung. Die Menschen auf Erkmens Steg sahen jedenfalls alle sehr glücklich aus.

Skulptur Projekte Münster
Bis 1.10.2017