Kunst-Kosmopolitin:
Fahrelnissa Zeid in London

Sie war eine ganz ungewöhnliche Künstlerin: Fahrelnissa Zeid überwand nicht nur die Grenzen zwischen Ost und West, dem Irakischen Hofstaat und der Londoner High Society, sondern auch zwischen uralten byzantinischen und osmanischen Kunsttraditionen und der abstrakten Moderne. Schon länger wird die Malerei der 1901 in der Türkei geborenen Künstlerin von der globalen Kunstwelt wiederentdeckt. Zeids Werke waren bereits auf den Biennalen in Istanbul und Sharjah oder in der großen Überblicksschau Postwar: Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945-1965 zu sehen. Doch nun widmet ihr die Londoner Tate Modern eine große Retrospektive, die erstmals die gesamte Bandbreite von Zeids Schaffen dokumentiert, das gleichermaßen von aktuellen Kunstströmungen, wie ihrer multikulturellen und sehr bewegten Biografie geprägt wurde. Die Ausstellung in der Tate Modern wird von der Deutschen Bank gesponsert. Bevor sie im Nicolas Ibrahim Sursock Museum in Beirut ihren Abschluss findet, gastiert die Schau in der Deutsche Bank KunstHalle in Berlin. Sie präsentiert Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen aus über 40 Jahren – von frühen expressiven Werken, die in den 1940ern in Istanbul entstanden, über die riesigen, flirrend-abstrakten Leinwände aus den 1950ern, die Zeid internationalen Ruhm bescherten, bis hin zu ihren späten Porträts. Das Istanbul Modern, das auch zu den Leihgebern der Londoner Schau gehört, zeigt noch bis Ende Juli Zeid-Arbeiten aus der eigenen Sammlung.
   
Aus einer großbürgerlichen osmanischen Familie stammend, besucht Fahrelnissa Zeid als eine der ersten Frauen in der Türkei die Kunstakademie in Istanbul, um ihre Studien dann in den späten 1920er-Jahren in Paris abzuschließen. Hier kommt sie mit den Strömungen der europäischen Avantgarde in Kontakt: Expressionismus, Fauvismus, Kubismus und Surrealismus. Zeid, die 1920 den bekannten Schriftsteller İzzet Melih Devrim heiratete, betrachtet ihre Malerei zunächst, wie viele der damaligen Malerinnen aus der Oberschicht, als „Privatvergnügen“. Doch bereits ihre ersten, noch figurativen Alltags- und Naturdarstellungen zeigen, dass sie als Künstlerin konsequent ihren eigenen Weg geht. Sie lässt sich von italienischen Renaissance-Malern, Breughel oder Bonnard inspirieren und verbindet diese Stile mit östlichen Kunsttraditionen.
 
1934 heiratet sie Prinz Zeid Al-Hussein, der als irakischer Botschafter nach Berlin berufen wird und nach der Annexion Österreichs 1938 mit seiner Frau nach Bagdad zurückkehrt. Regelmäßige Ausflüge zu antiken Stätten wie Babylon und Ninive inspirieren sie, doch inmitten des von strengen Konventionen bestimmten irakischen Hofstaats wird Zeid depressiv. Um zu genesen beginnt sie zu reisen. Sie pendelt zwischen Paris, Budapest und Istanbul. Künstlerisch sind es ausgesprochen produktive Jahre. Zeids wachsendes Selbstvertrauen spiegelt sich in ihren oft großformatigen Interieurs, Porträts und Landschaften.

Als ihr Mann 1945 als Botschafter nach London übersiedelt, verwandelt Zeid kurzerhand ein Zimmer der Botschaft in ihr Atelier. Sie lebt von nun an bis in die späten 1950er-Jahre in London und Paris, wo sie ebenfalls ein Atelier unterhält. In den 1940ern wendet sie sich immer stärker der geometrischen Abstraktion zu. Es entstehen riesige Leinwände mit komplexen, unglaublich detailreichen Kompositionen, die den Betrachter in ein flirrendes, organisch wucherndes All-over hineinziehen.
 
Die Ausstellung in der Tate Modern dokumentiert, wie kühn Zeid dabei vorging. In Gemälden wie ihrem berühmten My Hell (1951) splittert sie Raum und Farbe kaleidoskopisch auf, was ihrer Malerei eine beinahe architektonische, dreidimensionale Qualität verleiht. Während die Abstrakten Expressionisten in Amerika den Siegeszug antreten, erschafft Zeid, die „Maler-Prinzessin“, abstrakte Farbexplosionen, die es an psychologischer Spannung und visueller Wucht mit Jackson Pollock aufnehmen können. Auch sie schöpft aus ihren Träumen und ihrem Unterbewussten. Dabei lässt sie ein für die westliche moderne Kunst völlig neues Formenvokabular einfließen, das seinen Ursprung in byzantinischer Mosaikkunst, islamischer Architektur, Kunsthandwerk und Philosophie hat.
 
Gegen Ende ihres Lebens kehrt sie zur Gegenständlichkeit zurück und fokussiert sich auf Porträts und Selbstporträts, die ihre Biografie und ihren kosmopolitischen Hintergrund reflektieren. 1991 stirbt sie in Amman. In Paris und London, jenen Städten, in denen sie ihre größten Erfolge feierte, ist sie zu diesem Zeitpunkt fast vergessen. Mit der Retrospektive in der Tate Modern kehrt ihr Werk jetzt in jene Stadt zurück, in der sie 1948 ihre erste große Galerieausstellung hatte. Fast siebzig Jahre später, wird sie hier als eine der wichtigsten Vertreterinnen der orientalischen Moderne geehrt – und als Frau, die in der von Männern dominierten Nachkriegskunst völlig neue Maßstäbe setzte.

Fahrelnissa Zeid
bis 8.10.2017
Tate Modern, London

20.10.2017 - 25.03.2018
Deutsche Bank KunstHalle
 
ab April 2018
Nicolas Ibrahim Sursock Museum, Beirut