Made in Germany: Hannover erkundet die Produktionsbedingungen der Kunst

Das Mammutprogramm dieses Kunstsommers dürfte sogar eingefleischte Fans an ihre Grenzen bringen: documenta in Athen und Kassel, Biennale in Venedig, Skulptur Projekte Münster, Art Basel. Doch dann ist da ja auch noch Hannover. Hier steht Made in Germany auf dem Programm. Das 2007 initiierte Ausstellungsprojekt dokumentiert alle fünf Jahre, was jüngere Künstler in Deutschland gerade umtreibt. Organisiert wird diese Bestandsaufnahme von den drei wichtigsten Institutionen der Stadt: Kestner-Gesellschaft, Kunstverein Hannover und Sprengel Museum. Dieses Jahr haben sechs Kuratoren 41 Künstler und Kollektive eingeladen. Unter dem Titel Produktion zeigen sie, wie Künstler heute in Deutschland arbeiten und wie sie sich mit den Produktionsbedingungen, aber auch Herstellungs- und Präsentationsorten auseinandersetzen. Das sind eigentlich Fragen, die eher die Künstler selbst oder die Insider der Szene interessieren. Doch ein Abstecher nach Hannover lohnt sich, denn bei Made in Germany sind einige starke Beiträge zu sehen.

Dazu gehört auf jeden Fall die Installation des Städel-Absolventen Veit Laurent Kurz in der Kestner Gesellschaft. Lebensgroße Puppen räkeln sich in einer Wohnlandschaft, in der kantige, modernistische Möbel zu einem experimentellen Biotop umfunktioniert wurden. Wasser rinnt über Sideboards, aus Sessellehnen sprießen Pflanzen. Die Figuren muten an wie Untote aus Hollywood-B-Movies. Sie haben andere maskenhafte Kreaturen versklavt und wie Hunde an die Kette gelegt. Überall liegen Dosen von „HERBA4“ herum, einem merkwürdigen Energy-Drink, der wie eine Droge mit Schläuchen durch das ganze System gepumpt wird – Menschen, Möbel, Pflanzen. Die Moderne mit all ihrer Funktionalität und Gradlinigkeit ist verrottet und wird von Zombies bewohnt. Doch auf diesen Überresten wächst etwas Neues heran, etwas, das vom Menschen nicht mehr kontrolliert wird, etwas Post-Humanes. Mit diesem Gedanken steht Laurent Kurz nicht alleine da – er beschäftigt gerade Künstler und Kuratoren auf der ganzen Welt.

Und auch Thomas Ruff. Seine Fotogramme aus der Serie r.phg werden nicht mehr von Menschen, sondern von Rechnern gemacht. Und sie passen erstaunlich gut in Kurz’ dystopisches Ambiente. Ruffs Bilder mit ihren synthetischen Formen könnten abstrakte Kunst aber auch wissenschaftliche Fotografien sein, Aufnahmen von Planetenoberflächen oder Zellkernen. Sie sind Produkte einer „virtuellen Dunkelkammer“ und konnten nur mit Hilfe der leistungsstarken Computer des Forschungszentrum Jülich realisiert werden. Ruff ist ein seit langem etablierter Künstler, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist. Doch seine Bilder hängen hier zurecht, denn er steht für ein sehr aktuelles Denken, das absolut wegrückt ist von der Idee des Künstlers als genialischem Schöpfer, der mit seinem Werk in Berührung sein muss.

Im Kunstverein Hannover begegnet man allerdings einer jungen Fotografin, die für eine diametral entgegengesetzte Position steht. Carina Brandes, die gerade als Villa Romana-Preisträgerin in Florenz lebt, arbeitet völlig autonom: Ihre analogen Schwarz-Weiß-Aufnahmen entstehen mittels Selbstauslöser, die Abzüge produziert sie ebenfalls selbst. Doch Brandes‘ Arbeiten sind nicht als Selbstporträts zu verstehen. Stattdessen benutzt sie ihren Körper als Material, das sich in einem permanenten Verwandlungsprozess befindet. Als groteskes Mischwesen kriecht sie maskiert durch nächtliche Straßen. Oder sie agiert in ihrem Studio mit schwarzen Balken, bei denen man nicht genau sagen kann, ob sie die Künstlerin attackieren oder schützen. Brandes übernimmt die Ästhetik der weiblichen Avantgarde der 1970er und lädt sie mit aktueller Befindlichkeit auf – auch mit einer Sehnsucht nach Befreiung und Authentizität.

Nach der sucht Oliver Laric gar nicht  mehr. Seine Skulpturen entstehen nach Vorlagen aus der Kunstgeschichte am 3D-Drucker. Wie Frankensteins Monster hat seine Kopie von John Gibsons neoklassizistischem „Sleeping Shepherd Boy“ (1824) sichtbare Nahtstellen – die Skulptur setzt sich aus Teilstücken zusammen, die aus unterschiedlichen Materialien bestehen. Fragen nach Autorenschaft und Reproduzierbarkeit beantwortet Laric radikal: Auf seiner Website threedscans.com kann jeder verschiedene historische Objekte aus öffentlichen Sammlungen zum Ausdruck downloaden.

Im Sprengel Museum geht es dann auch um Themen, die über den Kunstkontext hinausweisen. Als etablierte Position wird hier die in den letzten Jahren allgegenwärtige Hito Steyerl präsentiert. Für ihr Video Die leere Mitte beobachtet sie über einen Zeitraum von 8 Jahren die Veränderungen am Potsdamer Platz in Berlin – Freiräume und Brachen an der ehemaligen Grenze zwischen Ost und West verschwinden, Investorenarchitektur schießt in die Höhe. Die Mauer wird von Bauzäunen abgelöst. Eher metaphorisch funktionieren die Fotoarbeiten, mit denen Ketuta Alexi-Meskhishvili die aktuellen Sicherheitsdebatten aufs Korn. Durch verschiedene Reproduktionstechniken manipuliert sie im Internet gefundenes Reklamematerial für Riegel und Schlösser, die teilweise mit der deutschen Flagge und dem Slogan „Made in Germany“ für sich werben. Der Produktionsort Deutschland steht für Qualität. Doch die Bilder verformen sich, das Versprechen von Sicherheit entpuppt sich als Fiktion.

Einer der sympathischsten Arbeiten der Schau kehrt ausgerechnet wieder zum Kunsthandwerk zurück: Kasia Fudakowskis 14 Meter lange Flechtarbeit, die von einem ein Text-Video begleitet wird. Mit lakonischem Witz beschreibt es die Produktion des riesigen Wandteppichs während ihres Stipendiums an der Villa Romana. Es dokumentiert Fortschritte und Rückschläge, die Frustration der langwierigen Handarbeit, künstlerische Selbstzweifel („Will it look like Ethno-Ikea?), aber auch Telefonate mit Galeristen, Kuratoren oder ihrer Mutter. Nur selten geben Künstler so viel von ihrem Alltag und dem Entstehungsprozess ihrer Werke preis.

Aber auch dieses Ausstellungsprojekt lässt einen wesentlichen Faktor der Kunstproduktion leider unangetastet: Die Rolle der Museen, der Händler und Sammler. Die immer stärker wegbrechenden Produktions-, Distributions- und Ausstellungsmöglichkeiten, die nicht vom Markt beherrscht werden. Es wäre schön, wenn sich wenigstens eine Arbeit bei „Made in Germany“ wirklich explizit mit den ökonomischen und sozialen Bedingungen, unter denen Künstler in Deutschland heute ihre Werke produzieren, beschäftigen würde.  
A.D.

Made in Germany
Kestner-Gesellschaft, Kunstverein Hannover & Sprengel Museum, Hannover
bis 03.09.2017