Mehr positive Energie
Die 6. Yokohama Triennale

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war Yokohama nur ein kleines Fischerdorf. Doch 1859 wird dort ein internationaler Hafen eröffnet. Damit beginnt nicht nur der Aufstieg Yokohamas zur zweitgrößten Stadt Japans. Die Eröffnung des Hafens bedeutet auch das Ende der Sakoku, der rigiden ökonomischer und kultureller Abschottung des Landes. In den nächsten Dekaden entwickelt sich Yokohama zum zentralen Umschlagplatz für den Handel mit dem Westen und zu einem Ort des Austauschs mit anderen Kulturen. Heute ist die in der Nähe von Tokio gelegene Stadt auch der Schauplatz der wichtigsten Kunstausstellung des Landes – der Yokohama Triennale für zeitgenössische Kunst.

Islands, Constellations & Galapagos (Inseln, Sternenkonstellationen & Galapagos) lautet der zunächst etwas seltsam anmutende Titel der 6. Ausgabe der Kunstschau. Mit der Wagemut historischer Seefahrer, denen nur die Sterne als Orientierung dienten, sollen die inselartigen und doch miteinander verbundenen Kulturkreise erforscht werden. Im Zentrum der Triennale steht die Frage, welche Rolle die Kunst heute spielen kann – in einer Zeit, die von einem paradoxen Nebeneinander von erstarkendem Nationalismus und einer voranschreitenden Globalisierung geprägt ist. Die Triennale versteht sich als Forum für Diskussionen über Isolation und Vernetzung, Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Dabei möchte die Triennale auch in die Gesellschaft hineinwirken: Parallel zur Hauptausstellung findet die Yokohama Round statt, eine Reihe öffentlicher Foren, in denen die Themen der Ausstellung öffentlich diskutiert werden. So moderiert Rikrit Tiravanija einen Utopia / Community / Living together betitelten Talk mit Wael Shawky and Tatiana Trouvé.

Eingeladen wurden rund 40 internationale Künstlerinnen und Künstler wie Olafur Eliasson, Jenny Holzer, Map Office oder Paola Pivi, die alle in der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind. Und auch der chinesische Kunststar Ai Weiwei ist in Yokohama mit dabei. Er widmet sich einem der drängendsten Probleme unserer Zeit, den mehr als 60 Millionen Menschen, die derzeit weltweit auf der Flucht sind. An der Fassade des Yokohama Museum of Art hat er hunderte von signalorangen Rettungswesten angebracht. Die Installation Safe Passage, die zuvor bereits am Berliner Konzerthaus und dem Belvedere in Wien zu sehen war, erinnert an die Flüchtlinge, die auf ihrem Weg nach Europa ertrunken sind. „Wir müssen“, so der Künstler, „alle Grenzen überwinden, die gleichen Werte miteinander teilen und uns für die Schmerzen und Tragödien anderer Menschen öffnen.“ 

Ai Weiwei begreift die Menschheit als Einheit – ein Gedanke, den auch Joko Aviantos Biennale-Beitrag aufgreift. Er hat 2.000 mehrere Meter lange Bambusstangen zu einer gigantischen, schlangenartigen Form verflochten, die sich durch die Grand Gallery des Yokohama Museum of Art windet. Der indonesische Künstler verwendet ein traditionelles Material, um ein ganz zeitgemäßes Symbol für die „Vernetztung“ des Menschen zu erschaffen, für eine Masse von Individuen, die sich organisch zu einem Ganzen vereinigt.

Arbeiten, die sich direkt auf Yokohama beziehen, sind im Red Brick Warehouse zu sehen. 1913 am Hafen errichtet, ist das ehemalige Zollhaus einer der wenigen Backsteinbauten in Japan und wird heute als Kulturzentrum genutzt. An diesem Ort, der für die ökonomische Öffnung Japans steht, präsentiert Tsuyoshi Ozawa sein neues Projekt. Es widmet sich einem in Yokohama geborenen Kunsthistoriker und Philosophen der Meiji-Ära (1868-1912), in der die Entwicklung Japans zur modernen Großmacht beginnt. Ozawa mischt Fakten und Fiktion und zeichnet das Bild eines Landes auf der Suche nach einer neuen Identität. Christian Jankowski dagegen blickt in die Zukunft. Mit dem für ihn typischen absurden Humor begleitet sein neues Video einen Therapeuten, der Skulpturen im öffentlichen Raum massiert. Er will deren Qi wieder in Fluss bringen und so im Vorfeld der olympischen Sommerspiele in Tokyo 2020 für mehr positive Energie im Land sorgen.  
A.D.

6. Yokohama Triennale
bis 5.11.