VIEWS 2017
Die Deutsche Bank Award-Ausstellung in der Zachęta

Zachęta, das bedeutet auf Deutsch „Ermutigung“. Und tatsächlich steht die 1860 im Zentrum von Warschau eröffnete Zachęta Nationalgalerie für das gesellschaftliche und kulturelle Engagement des Bürgertums, aber auch den Aufbruchsgeist der jungen polnischen Nation und deren Selbstvergewisserung durch die Kunst. Inzwischen hat sich das Haus zu einem der wichtigsten Foren für lokale und internationale Gegenwartskunst in Polen entwickelt. 2003 fand hier die erste Ausgabe von VIEWS statt, die Ausstellung der für den Deutsche Bank Award nominierten Künstler. Das Kooperationsprojekt mit der Deutschen Bank stärkt die künstlerische Infrastruktur des Landes und gibt dem Publikum alle zwei Jahre einen Überblick über die aktuellen Tendenzen der polnischen Szene. 2016 war VIEWS auch in Berlin zu Gast: Mit COMMON AFFAIRS präsentierten die Deutsche Bank KunstHalle und das Polnische Institut Berlin eine Auswahl von Arbeiten der Preisträger und Nominierten. Die diesjährigen Beiträge fallen sehr politisch aus. Die Jury unter dem Vorsitz der Malerin Paulina Ołowska, einer der prominentesten Gegenwartskünstlerinnen des Landes, nominierte fünf zwischen 1984 und 1987 geborene Künstlerinnen und Künstler, die Stellung zur aktuellen Lage in Polen beziehen.  

Die innenpolitische Situation hat sich hier seit dem Wahlsieg der nationalkonservativen PiS Partei verhärtet. Regierung und Opposition stehen sich scheinbar unversöhnlich gegenüber. Und genau diese Spaltung der polnischen Gesellschaft wird auch in der Ausstellung zum wichtigsten Preis für polnische Gegenwartskunst verhandelt – besonders im Hinblick auf den zunehmenden Nationalismus im Land. So widmet sich Ewa Axelrad der Faszination, die von Uniformen, Flaggen und Männerbünden ausgeht. In sie zeigt, wie die Sehnsucht nach einer kollektiven Identität zu Ausgrenzung führt und letztendlich in Gewalt umschlagen kann. Auch Przemek Branas thematisiert Gewalt. Ausgangspunkt seines Videos ist das Attentat auf Gabriel Narutowicz, den ersten Präsident der Zweiten Polnischen Republik. 1922 wurde er auf der großen Treppe der Zachęta von einem nationalistischen Fanatiker erschossen.  

Explizit politisch ist auch das Projekt von Łukasz Surowiec. Er hat eine Modekollektion entworfen, die sich an dem Look der Demonstranten aus der autonomen Szene orientiert. Wie in einer Boutique kann man sie in der Zachęta kaufen. Man kann sie aber auch eintauschen – gegen Fotos, die eine Teilnahme an einer antifaschistischen oder antirassistischen Demonstration oder an einem Streik nachweisen Diese Fotos sollen Teil einer Ausstellung oder eines Buchs werden. Surowiec geht es nicht so sehr um das Produzieren von Werken, sondern um das Herstellen sozialer Situationen im Alltagsleben.

Für solche Situationen interessiert sich auch Honorata Martin – und geht dabei gerne an ihre körperlichen oder psychischen Grenzen. Eines ihrer ersten Videos zeigt die Künstlerin, die nur mit einem Badeanzug bekleidet auf einem Dach sitzt und bei minus 30 Grad aus einem Buch vorliest. Für ihre bekannteste Aktion durchquerte sie Polen zu Fuß – in zwei Monaten lief sie ganz allein von der Ostsee bis nach Niederschlesien.

Mit Agata Kus hat es auch eine Malerin in die diesjährige Auswahl geschafft. Ihre Leinwände erinnern an gemalte Collagen. Schauspieler und literarische Figuren tauchen hier ebenso auf wie befreundete Musiker. Dabei sind Referenzen an Caravaggio aber auch Filme wie Murnaus Nosferatu zu erkennen. Kus steht für eine junge, international orientierte Generation, die ihre Inspirationen dank des Internets aus der ganzen Welt bezieht.

Wer von den fünf Finalisten mit dem Deutsche Bank Award ausgezeichnet wird, wird am 26. Oktober in der Zachęta verkündet. Neben dem mit 15.000 Euro dotierten Preis wird ein Stipendium in dem Künstlerhaus Villa Romana in Florenz vergeben. Aber auch die Besucher der VIEWS-Ausstellung können für ihren Favoriten abstimmen. Der Gewinner des Publikumspreises wird ebenfalls am 26. Oktober bekanntgegeben.
A.D.

VIEWS 2017 ― Deutsche Bank Award
09.09–12.11.2017
Zachęta Nationalgalerie, Warschau