Von Kassel lernen? Künstler aus der Sammlung Deutsche Bank auf der documenta

Hier endet die Reise von Nikhil Chopra – auf dem Bahnsteig einer vor zwölf Jahren stillgelegten unterirdischen Straßenbahnhaltestelle unter einem Bahnhof in Kassel. Kurz nach Beginn der documenta in Athen ist er losgezogen und hat 3.000 Kilometer zum zweiten Teil der weltweit bedeutendsten Kunstschau zurückgelegt. Auf seiner Reise über viele Grenzen hat er immer wieder an den verschiedensten Orten sein Zelt aufgeschlagen, die Planen mit Zeichnungen bedeckt und dabei gesungen. Die gesamte Zeichnung – eine Montage von Landschaftsdarstellungen, in denen es um Migration und Nomadentum geht – wird in Kassel zum ersten Mal gezeigt. Wie ein mittelalterlicher Barde ist der indische Performance- und Videokünstler, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, durch halb Europa gezogen – einen Kontinent, durch dessen Gesellschaften tiefe Risse gehen, zwischen Arm und Reich, Links und Rechts, Einheimischen und Migranten, Nationalisten und überzeugten Europäern.

Mitten in diesem Klima des Umbruchs soll die Kunst auf der documenta nicht nur eine Aussage über den Zustand der Gesellschaft machen, sondern auch Antworten liefern. „Von Athen lernen“ lautet der programmatische Titel der zweigeteilten Ausstellung. Bereits der erste Teil in Athen wurde durchaus kritisch aufgenommen, sowohl von der einheimischen Kunstszene als auch der Linken, die die hoch subventionierte Mega-Schau als einen Akt des Kulturimperialismus begriffen. Die Presse reagierte ebenfalls verhalten, wartete aber auf den zweiten Teil in Kassel, der jetzt eröffnet wurde – mit annähernd derselben Künstlerliste wie in Athen. Doch es gab auch ganz wesentliche Verschiebungen. So wird etwa im Fridericianum, dem zentralen Gebäude der documenta, die Sammlung des Athener Museums für Zeitgenössische Kunst (EMST) gezeigt, die in der griechischen Hauptstadt selbst so noch nie zu sehen war, weil ganz einfach das Geld fehlt, den Museumsbetrieb aufrecht zu erhalten. Im Moment beherbergt das Haus in Athen einen Teil der documenta.  

Das Wahrzeichen in Kassel ist eindeutig das Pantheon der verbotenen Bücher der Argentinierin Marta Minujín, die zehntausende einst oder heute verbotene Bücher aus der ganzen Welt  sammelte, um ein Zeichen gegen Zensur und die politische Verfolgung von Autoren zu setzen. Ursprünglich wurde dieses Werk 1983 realisiert, nach dem Ende der Militärdiktatur in Argentinien. Diese documenta ist vor allem eine Schau der politischen Statements, sei dies der Obelisk des US-Künstlers Olu Oguibe mit dem Bibelzitat: „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“, der am Königsplatz aufgestellt wurde, oder Maria Eichhorns Projekt zum Thema Beutekunst.  

Wie Eichhorn oder die Schweizer Malerin Miriam Cahn ist auch Douglas Gordon in der Sammlung Deutsche Bank vertreten. Und auch sein Beitrag I had nowhere to go ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein politisches Statement. Das Filmessay kreist um die Lebensgeschichte von Jonas Mekas, einem heute legendären Undergroundfilmer, der sich unermüdlich für den avantgardistischen Film engagierte: 1964 gründete er mit der Film-Makers’ Cinematheque das wichtigste Forum für experimentellen Film in New York. Aus ihr ging dann 1970 mit den Anthology Film Archives die weltweit größte Sammlung von Avantgarde-Filmen hervor. Außerdem förderte er bedeutende Filmkünstler wie Tony Conrad.

Mekas wurde in Litauen geboren und als Jugendlicher von den Nationalsozialisten in ein Arbeitslager nach Elmshorn deportiert. Nach seiner Befreiung war er wie auch viele Überlebende der Konzentrationslager eine „Displaced Person“, ein Staatenloser. Douglas lässt Mekas seine Geschichte aus dem Off erzählen. Doch anders als so häufig in Dokumentarfilmen, arbeitet er nicht mit Archivmaterial, erzählt nicht linear. Häufig bleibt die Leinwand dunkel, leuchtet farbig auf, oder es erscheinen filmische Stillleben, die in keinem offensichtlichen Zusammenhang mit der Erzählung über die verlorene Heimat und die Ankunft in den USA stehen. Mekas, eine zentrale Figur des Avantgarde-Kinos, erlaubt es Gordon, über die Entwicklung dieser Kunstform nachzudenken und ihre Regeln durch eigene ästhetische Entscheidungen zu brechen. Die Vertreibung, die Ortlosigkeit, der Verlust vermitteln sich nicht nur durch das Erzählte, sondern gerade auch durch die Form.
  
Genau diese Suche nach einer künstlerischen Sprache, die das Politische oder Historische formal transportiert, fehlte vielen Kritikern der documenta. Zu didaktisch, zu selbstgerecht, urteilen viele über die von Adam Szymczyk kuratierte Schau. Sie fühlen sich gegängelt, geschulmeistert und sehen die Kunst auf die Illustration von globalen politischen Diskursen reduziert. Andere Stimmen betrachten diese Skepsis als Abwehrreaktion eines eurozentrischen Establishments, das mit neuen, politischeren Formen der Kunst und ihrer Präsentation nicht umgehen kann. Herauszufinden, was man von Kassel lernen kann, bleibt am Ende jedem Besucher selbst überlassen.

documenta
Kassel
bis 17.09.2017