Bird Song
Kemang Wa Lehulere im MAXXI Rom

Kemang Wa Lehulere zählt zu den bedeutendsten Vertretern einer jungen Generation südafrikanischer Künstler. Ausgangspunkt seiner Installationen, Videos und Zeichnungen ist die von der Apartheid geprägte Geschichte seines Heimatlands. Doch die historischen Traumata regen ihn zu Arbeiten von fragiler Schönheit und Poesie an, die weit über Südafrika hinausweisen. Nach ihrer Premiere in der Deutsche Bank KunstHalle ist „Bird Song“, seine Ausstellung als „Künstler des Jahres“, jetzt im römischen MAXXI zu sehen.
Eine Meditation über Heimat und Verlust: In Kemang Wa Lehuleres Video Homeless Song 5 überlagern sich Aufnahmen von leerstehenden Häusern, Blumen und Landschaften, die der Künstler hin und wieder ins Negativ umkippen lässt. Dazu liest er einen sehr persönlichen Text über die gewaltsamen Vertreibungen der schwarzen Bevölkerung durch das südafrikanische Apartheid-Regime. In den 1960er-Jahren wurde sie gezwungen, aus ihren Siedlungen in neu errichtete Townships zu ziehen – etwa nach Gugulethu, wo auch Wa Lehulere aufwuchs. Homeless Song 5 wird über der großen Freitreppe projiziert, die in den Ausstellungsraum führt, und stimmt die Besucher des MAXXI auf Bird Song ein, seine Ausstellung als „Künstler des Jahres“ 2017 der Deutschen Bank.

In Bird Song geht es um die traumatische Geschichte von Kemangs Heimatland Südafrika. Und die prägte auch das Schicksal von Gladys Mgudlandlu, der Malerin, die Wa Lehuleres Ausstellungsprojekt inspiriert hat. Sie war die erste schwarze Künstlerin Südafrikas, deren Bilder in den 1960er-Jahren regelmäßig in Galerien ausgestellt wurden – trotz der Apartheid. Wegen ihrer Vorliebe für Vögel wurde sie „Bird Lady“ genannt. Doch Mgudlandlus Ruhm verging schnell, nach ihrem Tod geriet sie in Vergessenheit. So wurden auch die Wandgemälde in ihrem Haus in Gugulethu von späteren Bewohnern übermalt.

Mehr als 50 Jahren später werden diese Bilder durch einen Zufall wiederentdeckt: Als Wa Lehulere seine Tante Sophia in Gugulethu besucht, bringt ein Nachbar ein Buch über Mgudlandlu vorbei. Überraschenderweise stellt sich heraus, dass Sophia Lehulere als Kind öfter bei der Künstlerin zu Besuch war. Sie erzählte, dass diese die Räume ihres Hauses mit bunten Bildern bemalt hatte. Ihr Neffe beschließt, herauszufinden, ob sie noch existieren. Unter acht Schichten von Farbe spürt er schließlich Reste der Wandgemälde auf, die auch einen von Mgudlandlus geliebten Vögeln zeigen. Diese Entdeckung wurde zum Ausgangspunkt für Wa Lehuleres aktuelles Ausstellungsprojekt: „Daraufhin begannen wir uns mit Vögeln zu beschäftigen, mit ihrem Flug, mit Vogelklängen – damit, was Vögel im Allgemeinen symbolisieren, aber auch im Kontext der Apartheid in Südafrika, der politischen Situation oder in Bezug zu ihr als Künstlerin“, erklärt er im Interview mit Britta Färber, der Kuratorin der Ausstellung.
 
So nimmt auch die Installation My Apologies to Time (2016) das Motiv des Vogels auf. Wa Lehulere hat alte Schulbänke zu Vogelhäusern umgebaut und sie mit einem verschachtelten System aus Stahlrohren miteinander verbunden. Vogelhäuser können beides sein – geschützte Brutstätten aber auch Instrumente der Domestizierung. Bewacht werden sie von einem ausgestopften Graupapagei. Diese Vogelart gilt als besonders sprachbegabt. Doch sie plappern die gelernten Wörter nur nach, ohne ihren Inhalt zu verstehen. Der Papagei wirkt wie ein bitterer Kommentar: Schulen könnten Orte des selbstständigen Denkens sein, doch häufig sind sie ideologisch geprägte Instrumente zur Kontrolle und Konditionierung – nicht nur in Südafrika.

Die zweite große Installation in Bird Song wurde ebenfalls aus alten Schulbänken gefertigt. Für Broken Wing (2016) hat sie der Künstler zu krückenartigen Gebilden verarbeitet. In jede der Krücken hat er ein Gebiss eingespannt, in dem wiederum eine Bibel in der Sprache des Xhosa-Stammes steckt. Die Bibeln gleichen Knebeln, die die Menschen zum Schweigen bringen. Wa Lehulere lässt die Krücken in einer Flügel-Formation von der Decke hängen. Broken Wing reagiert auf das Erbe des Kolonialismus: „Als die Missionare nach Afrika kamen, hatten sie die Bibel und wir das Land“, so ein Ausspruch von Desmond Tutu. „Sie sagten: ‚Lasst uns beten. Wir schlossen unsere Augen. Als wir sie wieder öffneten, hatten wir die Bibel und sie das Land.“ In der Flügelform klingt erneut das Motiv des Vogels an.

Im MAXXI ist auch eine Auswahl von Zeichnungen zu sehen. Dabei treten Wa Lehures Kreidezeichnungen in einen Dialog mit Mgudlandlus doppelseitig bemalten Papierarbeiten – als eine Art Zwiegespräch zwischen der Gegenwart und Vergangenheit Südafrikas. Wa Lehulere eignet sich Motive aus ihren Darstellungen von Vögeln und Landschaften an.

Das faszinierende an Wa Lehuleres Werk und seiner Ausstellung als „Künstler des Jahres“ ist die Tatsache, dass hier alles ineinanderfließt, dass inhaltliche, aber auch formale Motive immer wieder aufgenommen werden. So treiben seine jüngsten Arbeiten Mgudlandlus Tendenzen zur Abstraktion noch weiter voran und erinnern an Notationen von Musik. Und tatsächlich gleicht Bird Song einer visuellen Jazz-Improvisation. Themen und Motive werden wiederaufgenommen, abgewandelt und weitergeführt. Sie sind untrennbar miteinander verwoben – so wie die kollektive und individuelle Geschichte. Gleichzeitig macht die Ausstellung eines ganz deutlich: Die Wunden, die diese Geschichte hinterlassen hat, sind noch längst nicht verheilt.
A.D.

Kemang Wa Lehulere: Bird Song
27.09. -26.11.2017
MAXXI, Rom