In dieser Ausgabe:

>> Man in the Middle - "In fantastischer Gesellschaft"
>> Kara Walker - Wie schwarz darf Humor sein?

 

Wie schwarz darf Humor sein?
Kara Walker und der schamlose Umgang mit rassistischen Mythen

The Signifying Artist

"All God's Chillen Had Wings", eine Geschichte aus dem Repertoire afroamerikanischer folktales, erzählt von einem alten Sklaven, der seinen Leidensgenossen mit ein paar geheimnisvollen Worten an eine lang vergessene Fähigkeit erinnert: Sie können fliegen! Bevor der Aufseher, der die Worte nicht entschlüsseln kann, reagiert, entkommen die Sklaven einer nach dem anderen ihrer Gefangenschaft. Der Erzähler selber kennt das Geheimnis nicht, doch er weiß von einem, der dabei war, als das alles passierte: "Er ist ein alter, alter Mann, mehr als neunzig Jahre alt, und er erinnert sich an eine Menge seltsamer Dinge."

Kara Walker zitiert diese Geschichte: Auch bei ihr heben die Sklaven vom Boden ab; eine Mutter befreit ihr Kind von den Fesseln und lässt es entschweben.



 Aus: The Emancipation Approximation, 1999-2000




 Aus: The Emancipation Approximation, 1999-2000

Doch sieht das Kind nicht auch geworfen aus, verlassen? Im nächsten Bild lässt eine Sklavin den abgeschlagenen Kopf einer anderen in einen Teich fallen. "Schwarze" Frauen wirbeln durch die Luft, doch sie sind in sexuellen Verschlingungen mit Schwänen gefangen; vom Boden schaut ein "weißer" Mann mit umgehängten Gewehr zum Himmel auf, in der Hand einen erlegten Schwan. Die Szenen bleiben ambivalent und unabgeschlossen; sie täuschen eine narrative Kohärenz vor, die sofort verschwimmt, sobald der Blick sie bannen will.

Die Bilder ragen weit in Mythologien hinein und erscheinen trotz der schamlosen Eindeutigkeiten verrätselt. Beinahe könnte man den Blick an der ornamentalen Schönheit der Formen abgleiten lassen. Man kann die fehlenden Hinweise aber auch als Aufforderung verstehen, Fragen unbeantwortet mit sich zu nehmen. Denn Walker zitiert nicht nur die Motive der folktale, sondern auch das Ineinanderfallen von Humor und tiefer Ernsthaftigkeit und vor allem die lebenskluge Unbestimmtheit, die das Ende offen hält. Genauso wie der Erzähler der folktale hat sie nicht selbst erlebt, was sie berichtet. Doch wer kann behaupten, dass seine Interpretation die richtige ist?

Dieselbe Offenheit, dieselbe Ambivalenz sind in den Trickster-Geschichten, die Walkers Arbeiten informieren, angelegt.



 Aus: The Emancipation Approximation, 1999-2000

Die Figur des verschlagenen B'rer Rabbit (ein Vorläufer von Bugs Bunny), die in The Emancipation Approximation auftritt, ist zwar ein Sympathieträger, aber alles anderes als ein Held: von Selbstsucht getrieben, steht er eher außerhalb der Gemeinschaft, als dass er zum positiven Rollenmodell taugte. Er lässt sich nicht fassen - nicht von B'rer Fox und nicht von eindeutigen Interpretationen. Der Trickster (im dt. etwa: der Listige) ist ein diskursiver Grenzgänger, der weiß, dass Worte vieldeutig sind und deshalb nie das meint, was er sagt. So überlistet der Signifying Monkey den Löwen, der ihn "beim Wort" nimmt. Die Geschichten vom Signifying Monkey existieren ihrerseits nicht als festgeschriebene Text, sondern als ein Korpus immer neuer Variationen eines Grundthemas: Die Tradition schwarzer Texte entsteht in Wiederholungen mit einer alles entscheidenden Differenz. (Hier eine harmlose Version, hier eine verschärfte.)

Notabene 1: Die Geschichten von B'rer Rabbit und B'rer Fox, zentraler Bestandteil afroamerikanischer Literatur, wurden erstmals vom weißen Südstaatler Joel Chandler Harris niedergeschrieben, der sie in einer Rahmengeschichte von einem stereotypischen "guten Neger" namens Uncle Remus einem neugierigen weißen Jungen erzählen lässt. (Eine Version von B'rer Rabbit and the Tar Baby im schwersten Südstaaten-Slang können Sie hier lesen, diese ist dagegen mehr für Nordstaatler.)

Notabene 2: Es gab im 19. Jahrhundert auch eine schwarze Variante der Minstrel-Show. Die Ensemble schwarzer blackface-Performer stellten die erste Auftrittsmöglichkeit für schwarze Musiker dar und wurden so zu der begründenden Institution für eine professionelle schwarze Musikkultur. Ohne Minstrel-Show kein Jazz - kann es ein besseres Beispiel für die komplexen Vorgänge von kultureller Aneignung und Re-Aneignung geben, die jeder klinischen Vorstellung von Kultur den Boden unter den Füßen wegziehen? Oder ein besseres Beispiel für die ironische Aneignung einer rassistischen Praxis?

Notabene 3: Der Signifying Monkey ist selber die Verkörperung eines ironischen, umwertenden Spiels mit rassistischen Vorstellungen von schwarzen Menschen als Affen.

Kara Walker ist der Trickster als Künstlerin: Ihr Spiel ist gewitzt und subversiv, aber niemals anarchisch. Die Bedeutungen werden gedreht und gewendet, bis sie den Erfordernissen der Gegenwart entsprechen. Der Name der Serie - The Emancipation Approximation - investiert in den Titel des Dokuments, das 1862 die Sklaverei in den USA offiziell beendete: die Emancipation Proclamation. "Erklärung" ist durch "Annäherung" ersetzt - die Befreiung wird angedeutet, aber am Ende liegen die Köpfe der Sklavinnen am Boden. Und doch ist es eine schwarze Frau, die in Gedanken versunken auf Baumstumpf gestützt ist, an dem die Axt lehnt. Die Titel anderer Arbeiten - wie etwa Gone: An Historical Romance of Civil War As it Occurred Between the Dusky Thighs of Young Negress and Her Heart von 1994 - imitieren präzise den "gebildeten" Sprachgestus des 19. Jahrhunderts, der den Ton der slave narrative vorgab - ohne die sexuellen Innuendos. Walker schlüpft in die Rolle der Zeugenschaft ablegenden Sklavin und hält sich dabei eine blackface-Maske vor das Gesicht, um mit beiden Figuren zu spielen; sie wiederholt die Konventionen der Genres, doch mit der entscheidenden Differenz der Ironie.



 Influence of the Recent Dead, 2001




 Gettysburg Battlefield II, 2001

Der Scherenschnitt, scheinbar ungeeignet für komplexe Aussagen, erweist sich auf den zweiten Blick als ideal für ihre Zwecke. Er stellt auf ein historisches Thema ein und wirkt dabei überholt, populistisch und sentimental. Umso wirkungsvoller ist das Spiel mit der Antiquiertheit - die scharfen Silhouetten und leeren Flächen sind auf einzigartige Weise zugleich reduktiv und suggestiv. Der Scherenschnitt muss so sehr überzeichnen, dass er die Möglichkeit der Karikatur immer schon mitliefert - ein angstbesetztes, nostalgisches Medium, geprägt von der, so Walker, "kraftlosen Leugnung unreiner Gedanken". Nostalgisch ist nicht nur die weiße Sehnsucht nach einem Amerika romantischer Sklaverei, sondern auch die konservative Sehnsucht nach einem homogenen schwarzen Subjekt - beide sind gebündelt in schwarzen Idealtypen.

Dabei erweist sich Kara Walker, indem sie einem Trickster gleich die "unreinen Gedanken" entblößt, diskursive Demarkationen ignoriert und die als "positiv" und "negativ" kanonisierten kulturellen Texte wieder ins Spiel wirft, als wahre schwarze Traditionalistin. Denn die Tradition, die sie mit ihren Dramen in blackface/whiteface tatsächlich beerbt, ist die der afroamerikanischen mündlichen Sprachkultur, deren Mentor die Figur des Tricksters ist, der weiß, dass jedes Schreiben ein Lesen anderer Texte ist. Tradition in diesem Sinne ist eben nicht gleichbedeutend mit Konservierung, und blackness etwas anderes als eine "rassische" Essenz.

Karsten Kredel hat Nordamerikanistik, Afrikanistik und Neuere Deutsche Literatur in Berlin und in Harvard studiert. Als freier Mitarbeiter ist er für das Lektorat des Berliner Aufbau-Verlages und die Kulturredaktion der TAZ tätig. Daneben hat er für verschiedene Verlage zahlreiche Kurzgeschichten aus dem Amerikanischen übersetzt. Karsten Kredel lebt in Berlin.

Alle Abbildungen: © Courtesy Brent Sikkema

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