In dieser Ausgabe:

>> Man in the Middle - "In fantastischer Gesellschaft"
>> Kara Walker - Wie schwarz darf Humor sein?

 

"In fantastischer Gesellschaft"

Die Ausstellung Man in the Middle zeigt Menschenbilder eines Jahrhunderts

Bereits in den siebziger Jahren besang David Bowie seinen "Man in the Middle": "Like an inventor/He is a symbol of a new age/He glides above the realms/Of you and me….." Sein Song schildert ein Paradoxon. Als Erfinder und Sinnbild der anbrechenden Zukunft überwindet "der Mann in der Mitte" mühelos den Abstand zwischen dem "Ich" und dem "Du", zwischen Innen und Außen. Und dennoch erscheint er als Projektion, unbeteiligt gegenüber der Wirklichkeit jener, die als Zuschauer "sitzen geblieben sind" und den Anforderungen eines neuen Zeitalters nicht entsprechen können.

St. Petersburg, im Herbst 2002: Mit rund einhundert Zeichnungen, Gemälden, Skulpturen und Fotografien aus der Sammlung Deutsche Bank dokumentiert Man in the Middle das sich wandelnde Menschenbild von der Moderne bis in die unmittelbare Gegenwart. Die vielfältigen künstlerischen Positionen, die in den Räumen der Petersburger Eremitage vorgestellt werden, eröffnen die Sicht auf eine Epoche, die wie keine andere gleichermaßen von kollektiven Visionen und dem Ringen um individuelle Selbstbestimmung geprägt ist. Nach der Ausstellung Landschaften eines Jahrhunderts, die seit 1999 durch Deutschland tourt und zur Zeit in der South African National Gallery in Kapstadt zu sehen ist, konzentriert sich nun Man in the Middle als thematische Ausstellung der Sammlung Deutsche Bank auf den künstlerischen Entwurf des Menschen im 20. Jahrhundert und den kulturellen Wandel, der sich in seinen unterschiedlichen Abbildern wiederspiegelt.



  Otto Dix, Großstadt (Entwurf zu Großstadttriptychon), 1926
  © VG Bild-Kunst, Bonn 2002


Von den Vertretern des deutschen Expressionismus wie Ludwig Ernst Kirchner oder Max Beckmann, die mit ihrem formalen Bekenntnis zum Primitiven ursprüngliche existenzielle Werte einforderten, bis zu den Autogrammkarten von Superstars, die der Amerikaner Richard Prince unter dem Motto "all the best"

    

  Richard Prince, Courtney Love, Fred Savage, Keanu Reeves (all the best), 2000
  © Galerie Jablonka, Köln


als coole Devotionalien des Medienzeitalters reproduziert: Die künstlerischen Umbrüche, welche Man in the Middle über den Verlauf eines Jahrhunderts markiert, machen den Zwiespalt deutlich, der sich in jedem Abbild des Menschen verkörpert - sei es nun idealisiert wie bei Sugimoto, ironisch wie bei Charles Avery oder pessimistisch wie bei Lovis Corinths Selbstbildnis. So sehr wir uns auch bemühen, in immer wieder neuen Entwürfen von uns selbst das Gemeinsame zu suchen und zu formulieren, so fragwürdig erscheint es, ob dieser Versuch tatsächlich eine gültige Definition des Menschlichen hervorbringt.



 Hiroshi Sugimoto, Princess Diana, 1999
 © Deutsche Guggenheim Berlin




 Charles Avery, Uncle Eugene's Funeral, 1999
 © Percy Miller Gallery, London


War für das von Mechanisierung bestimmte 20. Jahrhundert das konzentrische Modell des Atoms das Symbol für den Fortschritt, wird dieses im digitalen Zeitalter vom Symbol des Netzes abgelöst, welches kein eindeutiges Zentrum mehr erkennen lässt. Die Suche nach identitätsstiftenden Werten in Kultur, Wirtschaft und Politik, nach einer authentischen "Mitte" des Menschen innerhalb der ihn umgebenden Gesellschaft, ist angesichts der Auswirkungen der Globalisierung offenbar mehr denn je von Unsicherheit begleitet. Während sich Kommunikation und Handel zunehmend in den virtuellen Raum verlagern und die Bindung an fixe Orte, Zeitzonen und persönliche Begegnungen zunehmend überflüssig machen, ändert sich auch der Begriff individueller und kultureller Identität. Wirkte David Bowie im Popzirkus der siebziger Jahre wie sein "Man in the Middle" als chamäleongleiche Kunstfigur, die mit jeder äußeren Transformation zugleich in eine andere Identität schlüpfte, ist heutzutage jeder aufgefordert, sich tagtäglich neu zu erfinden.

Angesichts der Möglichkeiten digitaler, chirurgischer und gentechnischer Manipulation sowie einer unerschöpflichen medialen Bilderflut erklärt sich der Mensch des neuen Millenniums selbst zum formbaren Material.



  Franz West, Studie, 1999
  © Atelier Franz West, Wien



  Katharina Sieverding, Transformer, 1973
  © VG Bild-Kunst, Bonn 2002


Brachen die androgynen Selbstinszenierungen von Künstlern wie Katharina Sieverding oder Jürgen Klauke zu Beginn der siebziger Jahre noch subversiv mit etablierten Rollenbildern, bestimmen heute bio-technologische Innovationen die Maßstäbe für gesellschaftliche und individuelle Veränderungen. Nicht mehr das subversive Experiment, sondern die Sehnsucht nach körperlicher Vollendung und absoluter Selbstkontrolle zählen.

Der moderne Mensch zwischen Wunschtraum und Alptraum: Ein "chamäleonartiges Wesen mit sisyphushaften Zügen" hat Veit Loers in seinem Katalogbeitrag zur Ausstellung das künstlerische Menschenbild des zwanzigsten Jahrhunderts genannt (Katalogbestellung hier). Der Einblick in die Sammlungsgeschichte der Deutschen Bank fordert zur Gegenüberstellung heraus - denn mit der formalen Darstellung der menschlichen Figur verknüpfen sich Bezüge zu persönlicher und gesellschaftlicher Existenz: "Ich bin blöde genug, trotz aller Erfahrungen immer noch zu glauben, dass es doch noch Menschen gibt", erklärte die Dresdner Malerin Elfriede Lohse-Wächtler,



  Elfriede Lohse-Wächtler, Selbstportrait (in fantastischer Gesellschaft), 1931
  © Förderkreis Elfriede Lohse-Wächtler, Hamburg


die 1940 als Insassin einer sächsischen Heilanstalt nach einer Zwangssterilisation in der anstaltseigenen Gaskammer ermordet wurde. (Einen Essay über Lohse-Wächtler und George Grosz finden Sie hier.) In ihrem 1931 entstandenen Selbstportrait (in fantastischer Gesellschaft), manifestieren sich die Ängste und Zweifel einer Epoche, die von innerer und äußerer Emigration gekennzeichnet war. Dennoch ist Wächtlers abgewendeter Blick der einer Rebellin, die sich radikal über das tradierte Frauen- und Künstlerbild ihrer Zeit hinwegsetzt und ihre behütete bürgerliche Existenz für das raue Leben des Hamburger Rotlichtmilieus eingetauscht hat. Ihr Aufbegehren bezahlte die Künstlerin nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten mit dem Leben (mehr über Lohse-Wächtlers Schicksal erfahren Sie hier).

Wenngleich zwischen dem Ende der Weimarer Republik und dem New Yorker East Village der achtziger Jahre Lebenswelten zu liegen scheinen, begegnen wir in Man in the Middle auf kürzestem Abstand einer ähnlich "fantastischen Gesellschaft", zum Beispiel in Nan Goldins Porträt



  Nan Goldin, April in the window, 1983
  © Nan Goldin, New York


von April in the Windows, das 1983 im Hinterzimmer eines New Yorker Clubs entstand. Goldins Aufnahmen von Freunden, Außenseitern, Szenegängern, Drag Queens und Junkies, die sie über Jahrzehnte mit der Kamera begleitete, haben sie weltberühmt gemacht. Wie schwierig auch dieser Weg zuweilen war, erzählt Goldin in einem Interview, das sie 1999 dem Harvard Advocate gab: Am Ende eines fünfmonatigen Drogen- und Alkoholentzugs in einer Bostoner Klinik sollte sich Goldin um einen Job kümmern, denn obschon sie bereits ihr Buch "The Ballad of Sexual Dependency" veröffentlicht hatte, wurde in der Klinik Kunst nicht als ein Beruf angesehen. So kam es, dass die Fotografin im Untergeschoss einer Universitätsbücherei Dias rahmte, während im Stockwerk darüber über ihre Arbeit doziert wurde.

So wie sich hier Bezüge zwischen unterschiedlichen Werken und Biografien eröffnen, bietet Man in the Middle im wahrsten Sinne des Wortes den Anreiz, "Gesellschaft" zu suchen. Dass wir bei unseren Begegnungen mit den unterschiedlichen Menschenbildern unter Umständen lediglich auf unsere eigenen Entwürfe stoßen, verdeutlichte 1999 der junge britische Künstler Tim Stoner



  Tim Stoner, Study for Divinity 1, 1999
  © Tim Stoner, London





  Tim Stoner, Study for Divinity 2, 1999
  © Tim Stoner, London


mit seinen Aquarellen, die den programmatischen Titel Studies for Divinity tragen. Der vermeintlich idyllische Eindruck von trauter Zweisamkeit trügt: Aus dem Gegenlicht eines Doppelporträts blicken uns die gesichtslosen Züge eines aneinandergeschmiegten Paares entgegen. Bar jeden Ausdrucks erscheinen ihre Gesichter wie Projektionsflächen für die Hoffnungen und Schrecken eines neuen Jahrhunderts.

Oliver Koerner von Gustorf