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Die Presse zur Ausstellung von Kara Walker

Sabine Vogel findet die Scherenschnitte in der Berliner Zeitung so richtig schön obszön. Entzückt beschreibt sie die "gefräßig zur Fellatio aufgeworfenen Wulstlippen", die "saftige Körperlichkeit" und "unzivilisierte Wollust" der Figuren. Das Subversive dieser Kunst liegt für Vogel in der Form: Der Scherenschnitt gilt gemeinhin als harmlose Beschäftigung für liebe Mädchen. Walker jedoch nutze ihn, um "sich die verbotenen Früchte weiblicher Lust, Kastrationsfantasien und Perversionen tagträumerisch" zu erfinden. So befreit sie ihre Figuren "aus dem Zensurkanon der politisch korrekten Kunst", lobt Vogel.

Schön und gut, aber darf sie das? fragt Karsten Kredel in der taz und stellt gleich die Gegenfrage: Muss jeder schwarze Künstler, der sich mit Rassismus auseinandersetzt, die "Bürde der Repräsentation" auf sich nehmen? Walker weise die Rolle der wollüstigen "Negerin" nicht von sich, sondern nehme sie probend ein: "'ein wenig Sklavin sein', um als jene, die zugleich begehrt und gefürchtet wird, den taxierenden Blick zu erwidern und eine Beziehung gegenseitiger Abhängigkeit zu entwerfen ... Indem sie den Bereich der Fantasie nicht weißen Männern überlässt, weist sie die Verantwortung der Repräsentation von sich", schreibt Kredel. Man könne das negativ sehen, aber ebenso gut als "befreienden Akt" werten.

Auch Katrin Wittneven im Tagesspiegel bestreitet, dass die Arbeiten Walkers den Rassismus verharmlosen. Walker setzte sich schließlich auch mit ihrer eigenen Situation als Schwarze und Frau auseinander: "In der Auseinandersetzung mit der eigenen Identität zieht die Künstlerin immer den ironischen Vergleich zu Josephine Baker, 'deren Erfolge in Europa in erster Linie auf ihrem negroiden Wesen beruhte', so Walker. 'Sie entsprach dem Ideal des Exotischen auf perfekte Weise und setzte dies entsprechend ein.'"

In der Welt lobt Gabriele Thiels die Umfunktionierung einer "harmlosen Bastelarbeit für Damen" um Geschichten von Macht und Unterwerfung, um Lust und Gewalt". Was auf den ersten Blick harmlos aussieht, geht plötzlich "jeden Einzelnen" an.

Die FAZ dagegen rümpft die Nase: Ein bisschen Heroismus, ein bisschen Idylle und dazwischen ein bisschen Aufklärung sieht Gislind Nabakowski in den Scherenschnitten vermengt. Das findet sie alles "political correct", stellt jedoch zwei Absätze später die Frage: "Wie blickt man auf dieses Oeuvre einer Dreiunddreißigjährigen, die sich selbst provokant als ',Negerin' outet?" Dass die "Negerin" in Deutschland gleich zwei Ausstellungen (im Kunstverein Hannover und in der Deutschen Guggenheim) hat, missfällt Nabakowski ebenfalls. "Gerüchte" hat sie gehört, Walker "stecke selbst dahinter". Wo kämen wir auch hin, wenn sich schwarze Künstlerinnen auf einmal als genauso geschäftstüchtig erweisen wie weiße Künstler!

Anja Seeliger