In dieser Ausgabe:
>> Pressemitteilung: Erstmalig eurpäische Ausgabe der NYT
>> Karin Sanders Projekt wordsearch
>> HANS ULRICH OBRIST im Gespräch mit KARIN SANDER
>> Karin Sander und ihr Werk
>> Der Katalog in der New York Times
>> Was ist Moment?
>> Globalisierung: Ein Linkdossier

HANS ULRICH OBRIST im Gespräch mit
KARIN SANDER


Hans Ulrich Obrist (HUO)
Karin Sander (KS)

HUO: Deine neueste Arbeit erscheint in der New York Times. Damit steht sie in der Tradition von zeitungsimmanenten Kunstprojekten. Ich denke zum Beispiel an die Projekte von Konzeptkünstlern in den sechziger Jahren oder an die in Zeitungen erschienen Arbeiten von Dan Graham ( mehr zu Grahams Projekt " Homes for America" hier), oder Dieter Roth. Entscheidend ist dabei der Gedanke, die Zeitung nicht als Sekundär-, sondern als Primärmedium zu nutzen. Kannst du erzählen, wie du die Idee zu deiner Arbeit in der New York Times entwickelt hast ?

KS: Die Deutsche Bank hatte die Idee, Arbeiten für kurze Zeit in wichtigen Städten der Welt von Künstlern entwickeln zu lassen und diese für einen "Moment" vor Ort zu präsentieren. Die Arbeiten sollten einen temporären Aspekt einer Stadt thematisieren. Es sollten keine Monumente in einer Stadt aufgebaut werden, sondern die Arbeiten sollten für kurze Zeit vor Ort präsent sein. Wenn man das Stichwort "zeitgebunden" hört, kommt einem das Medium Zeitung in den Sinn, ihr kurzes Auftauchen und ihr ebenso schnelles Verschwinden. Es ist das Wesen von Zeitungen, für einen Tag zu erscheinen und noch am selben Tag wieder zu verschwinden, weggeworfen zu werden. In der New York Times bezieht sich ein beträchtlicher Teil der Zeitung auf die Veröffentlichung der Aktienkurse. Diese Seiten mit den Zahlenkolonnen sind auf den ersten Blick optisch sehr schön. Wenn man die Codes nicht kennt, vermitteln sie keinen Inhalt, sondern Graumuster. Erst wenn man sich in das Thema vertieft, kann man die Informationen entschlüsseln.

HUO: Man kann diese Seiten also einerseits abstrakt lesen und ihnen andererseits Informationen entnehmen.

KS: Ja. Mit künstlerischen Arbeiten verhält es sich genauso. Es gibt verschiedene Lesarten von Kunstwerken. Als ich jetzt eingeladen wurde, zum Kunstprojekt der Deutschen Bank etwas beizusteuern, dachte ich an die New York Times und hatte die Idee eines translingualen Interviews als einem sprachlichen Pendant zu den Seiten mit den Aktienkursen. Aus jeder Sprache, die in New York gesprochen wird, sollte ein Wort kommen und so eine Art Thesaurus entstehen. Durch die Facetten und Vielfältigkeit der verschiedenen Sprachen sollten die einzelnen Worte zu einer Bedeutung finden, einer Bedeutung im Sinne von Gertrude Stein. Sie hat einmal gesagt: "Ein Wort hat eine Bedeutung, erzählt aber noch keine Geschichte. Sobald du zwei oder mehrere Worte nebeneinander stellst, beginnt eine Geschichte erzählt zu werden." Analog dazu schreiben diese Worte aus den verschiedenen Sprachen für einen Moment eine Geschichte, sie ergeben eine Collage - ein Bild. Darüber hinaus bilden diese Seiten ein Wörterbuch von etwa 220 Wörtern, übersetzt in 220 Sprachen, eine translinguale Matrix bedeutender Worte.

HUO: Welche Rolle spielt New York als Arbeitsumfeld für deine künstlerische Arbeit?

KS: Manchmal hat man in New York den Eindruck, man treffe nur Fremde. Das ist natürlich nicht so. Doch die eigene Herkunft ist ein wichtiges Thema der Bewohner dort. New York ist von einer enormen Fluktuation geprägt. Das Kommen und Gehen, die ständige Bewegung geben der Stadt ihre Vielfalt. Es existieren hier unzählige Kulturen nebeneinander, die von ihren Angehörigen gewöhnlich besonders gepflegt werden. Vieles passiert gleichzeitig in dieser Stadt, ohne dass sofort gewertet wird. Es herrscht ein hohes Maß an Toleranz, Ignoranz, auch Gleichgültigkeit und damit ein mehr oder weniger beachtetes Nebeneinander.

HUO: Wo fanden deine ersten Ausstellungen in New York statt?

KS: 1988 in der Vera Engelhorn Gallery. Dort zeigte ich die Arbeit "Wand", Beton auf Papier. Zwei 4 x 4 Meter große Papierbahnen hingen im Abstand einer Wandstärke inmitten der Galerie und bewegten sich beim Vorübergehen. 1991 installierte ich die Arbeit "Floor" aus Holz und Beton in der S.-Bitter-Larkin Gallery. Die anschließend zersägten Bauelemente wurden nach Ende der Ausstellung von New Yorker Obdachlosen als Baumaterial für Hütten verwendet. 1994 realisierte ich im Museum of Modern Art das Projekt 46, Astro Turf Floor Piece, es wurde ein Kunstrasen ausgelegt, der aus zwei sich in der Glaswand zum Skulpturengarten schneidenden Kreissegmenten besteht.

HUO: Deine Arbeiten basieren in der Regel auf bereits Vorhandenem. Seien es Gegenstände des Alltags oder der bildenden Kunst, öffentliche Räume oder, wie in deiner aktuellen Arbeit, die Polyphonie der in New York gesprochenen Sprachen.

KS: Bei wordsearch hatte ich zunächst daran gedacht, ein Gremium einzusetzen, das Worte für eine Sammlung auswählen sollte. Bei der Methode, die Sprachen selbst zu Wort kommen zu lassen, für die ich mich schließlich entschieden habe, kommt man zu einem Ergebnis, das nicht vorhersehbar ist. Das ist natürlich unter dem Aspekt interessant, dass dadurch, dass man sich ständig gegenseitig befragt, eine Eigendynamik entsteht. Die Gruppe, die die Befragung durchführte, fing mit einer Person an, sagen wir einem Mexikaner, der wiederum kannte jemand, der Japanisch spricht, der Japaner hatte einen koreanischen Freund. Jeder Teilnehmer erhielt die vorher genannten Worte in der jeweiligen Übersetzung und wurde anschließend aufgefordert, ein weiteres Wort hinzuzufügen. Wie bei einem Spiel entstand eine Wortkette, die sich wie eine Linie durch die Stadt zog, aber auch immer wieder abriss, wenn die befragte Person keine weitere mit einer neuen Sprache vorschlagen konnte.

Beim Entwickeln der New Yorker Arbeit dachte ich übrigens zuerst daran, die Wortsuche weltweit durchzuführen. Es stellte sich aber heraus, dass die Begrenzung auf New York eine weltweite Suche beinhaltet. Denn dadurch, dass die Leute nicht mehr in den Ländern leben, in denen die Sprachen gesprochen werden, haben sie ein anderes, fast stärker ausgeprägtes Verhältnis zu ihnen. In einem Fall war es sogar so, dass jemand noch eine Sprache verwendete, die in seinem Heimatland aus politischen Gründen gar nicht mehr gesprochen werden durfte. Durch dieses translinguale Interview entstanden viele Geschichten um die einzelnen Wörter, die gestiftet wurden. Einerseits beleuchten diese Geschichten politische Situationen, andererseits beschreiben sie ein Stadtbild. So entsteht ein Diagramm der Metropole.

HUO: Das Projekt wird im Internet dokumentiert, ist aber kein Internetprojekt im engen Sinne. Es basiert auf einer realen Expedition durch die Stadt.

KS: Genau. Dieses Durchwandern der Stadt wurde auch akustisch dokumentiert, da die gesprochenen Worte aufgezeichnet wurden. Das Internet diente als Medium zur Dokumentation und Veröffentlichung. Man konnte die Interviewer mittels der Website verfolgen und sehen, wo sie bereits gewesen sind und welche Worte sie gesammelt hatten.

HUO:Ich möchte nochmals auf die Frage zurückkommen, wie der Computer und das Internet deine Arbeitsweise verändert haben.

KS: Der Computer und das Internet haben meine Arbeitsweise eigentlich nicht verändert. Ich suche nicht primär nach dem Medium für eine Arbeit; das Konzept bestimmt, welches Medium dafür geeignet ist. Die Möglichkeiten des Computers und Internets haben die Realisierungsmöglichkeiten meiner Ideen natürlich enorm erweitert. Zum Beispiel bei den Body Scans war es mein Interesse, Personen mittels Computer dreidimensional abzubilden, ein dreidimensionales Foto zu erstellen. Ich fand heraus, dass es einen 3D-Bodyscanner von der Größe eines Zimmers gab, der die Körperoberfläche von Personen abtastete. Die Computer rechneten die Daten um und diese wurden einem zweiten System, einem Extruder, zugeführt, welcher daraus das maßstabsgetreue Abbild der gescannten Person als Figur aufbaute. Die Methode des Scannens wird in der Modeindustrie angewandt, um Konfektionsgrößen zu bestimmen, der Extruder wird im Designbereich und Maschinenbau verwendet, um virtuell konstruierte Prototypen zu bauen. Um aus den gesammelten Scan-Daten die Figur bauen zu können, musste ein Programm und ein Verfahren entwickelt werden, das hier erstmals für dieses Projekt angewendet wurde. Eine Weiterentwicklung der 3 D Bodyscanporträts lebender Personen wird dieses Jahr auf der Art Miami zu sehen sein.

HUO: Die "New York Times"-Arbeit bildet die sprachlichen Auswirkungen der Globalisierung ab.

KS: In New York ging es darum, eine Regel aufzustellen, die ganz unterschiedliche Vorstellungsmöglichkeiten eröffnet. Das Bild, das so entsteht, wird diese große Seite mit Tausenden kleiner Wörter sein, die unterschiedlichste Informationen geben. Einige Wörter, wie zum Beispiel "Computer", werden wohl translingual sein und müssen nicht übersetzt werden. Andere, die wichtige soziale Bedeutungen haben, werden in jeder Sprache verschieden sein, da sie aus unterschiedlichen Geschichts- und Kulturzusammenhängen entstammen. Insofern stellt New York gerade das Gegenteil von Globalisierung dar. Interessant ist, dass Leute, die nicht in ihrem Heimatland leben, sich stärker auf seine Kultur und Sprache besinnen und diese verstärken. In der Regel sprechen sie ihre Heimatsprache nur zu Hause, da sie anderenorts in Englisch kommunizieren. Die Satzung der New York Times besagt, dass alles, was darin veröffentlicht wird, auf Englisch erscheinen muss. Es darf zum Beispiel kein Artikel auf Spanisch erscheinen, obgleich man weiß, dass es einen hohen Prozentsatz von spanisch sprechenden Bewohnern in New York gibt. In Anbetracht der Vielzahl der in New York gesprochenen Sprachen, sehe ich New York als eine Art Verbindungspunkt, von dem aus sich die Fäden in alle Welt spannen lassen.

HUO: Beinhaltet sie eine politische Dimension? New York ist ein Zentrum des Kapitalismus und die Arbeit erscheint im Börsenteil der New York Times, im Zentrum des Zentrums.

KS: Solch eine Arbeit hat zwangsläufig eine politische Dimension. Der Börsenteil einer großen Zeitung bildet tagtäglich einen der dynamischsten Aspekte des Prozesses der Globalisierung ab, nämlich die Bewegung der Kapitalmärkte und Kapitalflüsse. Wordsearch hebt im selben Format wie die Börsenseiten einen ganz anderen, viel weniger beachteten Aspekt desselben Vorgangs der Globalisierung hervor, nämlich den subjektiven Aspekt. Einen nicht unwesentlichen Teil dieses Vorgangs bilden ja die wirklichen Personen, die sich durch die Welt bewegen und irgendwann an irgendeinem Ort wie eben New York landen. Die sind die eigentlichen Träger dessen, was wir Globalisierung nennen.

HUO: Wie siehst du grundsätzlich die politische Dimension von Kunst?

KS: Eine gute Arbeit hat unterschiedlichste Dimensionen, unter anderem auch eine politische. Diese Dimensionen kann man aber schlecht planen. Bei dem "New York Times"-Projekt ist interessant, dass dort, wo gewöhnlich nur Zahlen stehen, plötzlich Wörter zu finden sein werden. Vor dem Hintergrund der Ereignisse des letzten Jahres ist es ein wichtiger Aspekt, dass sich Sprachen finden können und eine Übersetzung der verschiedenen Ideen stattfindet. Der Kapitalismus drückt sich vor allem in Zahlen aus.

HUO: Wann sollen diese Seiten erscheinen?

KS: Am Freitag, den 4. Oktober 2002 wird auf den Vorder- und Rückseiten von vier Doppelseiten im Börsenteil der New York Times zwischen den Seiten mit den Aktienkursen die Tabelle mit den Wörtern erscheinen. Eine Woche zuvor, nämlich hier und heute in dieser Sonntagsausgabe des New York Times Magazins erscheint eine Dokumentation mit Erläuterungen des Projektes, der Katalog erscheint also wie die Arbeit selbst in der Form eines Massenmediums.

HUO: Damit verfolgst du eine ganz andere Strategie als Alan Kaprow mit seiner Arbeit, die 1981 in der Wochenzeitung Die Zeit erschien (dazu ein Artikel von Horst Christoph auf den Seiten vom Museum in Progress). Dabei handelte es sich um eine Art Verwirrspiel, bei dem Fotos aus der vorausgegangenen Ausgabe wieder abgedruckt wurden, ohne in irgendeinem Zusammenhang mit den Texten zu stehen. Die Reaktionen darauf waren sehr unterschiedlich: Einige dachten, es wäre ein Aprilscherz, andere meinten, es wäre eine Sparmaßnahme, ein Malheur oder gar eine Sabotage.

KS: Die Seiten werden einfach eingefügt sein, man wird sich vielleicht darüber wundern. Vielleicht werden sie als Nonsense deklariert und weggeworfen oder sie werden gesammelt. Ich will den Lesern in dieser Hinsicht nichts vorgeben. Ich stelle keine Regeln auf, wie man mit diesen Seiten umgehen soll. Einige Personen werden sich damit weiterbeschäftigen und der Sache auf den Grund gehen. Vielleicht gelingt es mir bei der Arbeit, Aspekte der vielen sprachlichen und kulturellen Qualitäten New Yorks wiederzuspiegeln, Sprachbilder entstehen zu lassen und die kulturelle Vielfalt der Stadt hervorzuheben.

HUO: Wie die Reaktionen sein werden, kann man nie vorhersehen.

KS: Nein, aber an ihnen misst sich, ob so eine Arbeit funktioniert oder nicht.